Homöopathie
Nach Tod von Kleinkindern: Wie gefährlich sind Globuli für Babys?

Der Tod von Kleinkindern in den USA verunsichert auch Schweizer Eltern. Der Chef der Schweizer Firma, die weltweit als Globuli-Marktführerin gilt, verteidigt die Schwarze Tollkirsche.

Sacha Ercolani
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Können Elemente der giftigen Schwarzen Tollkirsche enthalten: Globuli-Kügelchen. HO

Können Elemente der giftigen Schwarzen Tollkirsche enthalten: Globuli-Kügelchen. HO

Zehn Kleinkinder sollen gemäss der US-Arzneimittelsicherheitsbehörde FDA gestorben sein, weil sie homöopathische Globuli-Kügelchen eingenommen haben. Die Kügelchen enthielten kleine Spuren der Schwarzen Tollkirsche, auch Belladonna genannt. Da es auch in der Schweiz Alternativmedizin mit Belladonna gibt, löste die Nachricht aus den USA in den sozialen Netzwerken besorgte Reaktionen aus. Fragen wie «darf ich meinem Baby bei Zahnungsschmerzen diese Kügelchen noch geben?» oder «können Globuli auch bei meinem Baby tödlich sein?» verbreiten bei Eltern Angst.

Es ist eine Schweizer Firma, die weltweit als Globuli-Marktführerin gilt: Die Similasan AG mit Sitz im aargauischen Jonen. Sie entwickelt und produziert homöopathische Arzneimittel. Similasan-CEO Urs Lehmann erklärt: «Im Fall der Tragödie in den USA hat die FDA herausgefunden, dass beim entsprechenden Hersteller grobe Fehler in der Produktion der Globuli gemacht wurden. Similasan produziert nach den strengen Auflagen der Swissmedic sowie der FDA und hatte nie ein solches oder ähnliches Problem – auch nicht mit Belladonna», sagt der ehemalige Skirennfahrer.

Similasan-Chef verteidigt Belladonna

Er verteidigt die Schwarze Tollkirsche, denn sie gelte als eines der wirksamsten Heilmittel der Homöopathie und werde bei verschiedenen Erkrankungen erfolgreich eingesetzt. Lehmann betont: «Die Similasan produziert entlang der genehmigten Spezifikationen der Swissmedic, das heisst, jeder einzelne Produktionsschritt wird im Mehraugenprinzip kontrolliert und dokumentiert.»

Für Kritiker sind die Todesfälle der Kleinkinder der Beweis dafür, dass Homöopathie gefährlich sein kann. Die Gesellschaft zur wissenschaftlichen Untersuchung von Parawissenschaften (GWUP), der mittlerweile mehr als 1500 Wissenschaftler angehören, warnt seit Jahren vor dem «Hokuspokus mit den Kügelchen». Weil es keine haltbaren Studien gebe, die die Wirksamkeit der Mittel beweisen, fordert die Gesellschaft sogar, den Verkauf von solchen Präparaten zu verbieten. Erlaubt wären nur noch Medikamente, deren Wirkung nachweisbar wäre. Bei Homöopathie handle es sich jedoch um reinen Placeboeffekt, heisst es bei GWUP.

Gutes Gift

Die Schwarze Tollkirsche, auch Belladonna genannt, gehört zu der Gruppe der Nachtschattengewächse und blüht von Juni bis in den August. Drei Beeren können bei Kindern bereits eine tödliche Vergiftungswirkung entfalten. Als homöopathisches Entzündungsmittel soll Belladonna in einer geringen Konzentration bei einer Vielzahl von Schmerzen und Entzündungen helfen. Firmen, die in der Schweiz solche Präparate herstellen und verkaufen, müssen strenge Qualitätsvorschriften einhalten.

Similasan-CEO Urs Lehmann widerspricht. Homöopathie existiere schon seit rund 200 Jahren und sei weltweit extrem beliebt. «Zudem ist der heutige Konsument sehr gut informiert und mündig in Sachen Medikation und Heilmittel – er will genau wissen, was er einnimmt. Deshalb wäre der Erfolg der Homöopathie nicht möglich, wenn die Wirkung lediglich auf einen Placeboeffekt zurückzuführen wäre.» Darüber hinaus habe die Universität Zürich mittels einer In-vitro-Studie mit den Similasan-Arnika-Produkten deren Wirksamkeit eindeutig hergeleitet.

Rückendeckung erhält Lehmann auch von Beatrice Soldat, der Präsidentin vom Homöopathieverband Schweiz HVS. Laut der Expertin gibt es in der Schweiz seit 2015 das eidgenössische Diplom für Naturheilpraktiker. «Damit haben wir eine hohe Kontrolle über Ausbildung und Prüfung von Behandlern, und damit sollte sichergestellt sein, dass ein Patient jederzeit gut versorgt und betreut ist», sagt Soldat. Zu den Fällen in den USA sagt sie: «Das klingt nach dem, was man ab und zu auch bei Medikamenten in Europa hört: Dass eine Charge zurückgerufen werden muss, weil bei der Herstellung etwas schiefging. Das hat aber mit Homöopathie nichts zu tun.»

Beim Bundesamt für Gesundheit (BAG) will man sich zur Frage nicht äussern, ob sich Eltern Sorgen machen müssen, die ihre Babys und Kinder mit homöopathischen Arzneimittel wie unter anderem Globuli-Kügelchen oder Mundgels therapieren. Das liege im Zuständigkeitsbereich der Swissmedic, der schweizerischen Zulassungs- und Aufsichtsbehörde für Heilmittel.

Swissmedic: Nur stark verdünnte Produkte zugelassen

Dort heisst es, in der Schweiz seien bisher keine mit den in den USA gemeldeten Vorkommnisse vergleichbaren Fälle bekannt. In den zugelassenen Präparaten sei der Wirkstoff Belladonna nur in sehr hoher Verdünnung enthalten. «Die Hersteller müssen nachweisen, dass ihre Produkte unbedenklich sind und korrekt hergestellt wurden, bevor sie verkauft werden dürfen», sagt Swissmedic-Sprecher Lukas Jaggi. Es sei aber so, dass die Zusammensetzung von homöopathischen Arzneimitteln nicht generell durch behördliche Laboranalysen überprüft würden. «In begründeten Fällen könnte Swissmedic aber eine Laborprüfung veranlassen.»

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