Ausländische Konten
Mühsame Handarbeit: Kantone versinken bei Suche nach unversteuertem Vermögen in Datenflut

Schweizer Steuerbehörden haben erstmals Daten von Konten erhalten, die Inländer im Ausland halten. Um zu prüfen, ob dort unversteuertes Vermögen gehortet wird, gleichen die Behörden die Daten mit den Steuererklärungen ab. Eine Sisyphusarbeit.

Barbara Inglin
Drucken
Eine Mitarbeiterin der Eidgenössischen Steuerverwaltung, die ihre Büros in Bern hat. (Archiv)

Eine Mitarbeiterin der Eidgenössischen Steuerverwaltung, die ihre Büros in Bern hat. (Archiv)

Keystone

Die Produzenten von Agenten- und Gangsterfilmen müssen sich einen neuen Schauplatz suchen. Die Schweiz hat als Hort versteckter Vermögen ausgedient. Seit 2017 gilt der Automatische Informationsaustausch (AIA). Im Oktober 2018 verschickte die Eidgenössische Steuerverwaltung erstmals Informationen zu zwei Millionen Finanzkonten ins Ausland.

Im Gegenzug erhält nun auch die Schweiz Meldungen über Inländer, die ihr Geld im Ausland angelegt haben. In einigen Kantonen ist man überrascht ob der Datenschwemme, die der Bund nun an sie weitergeleitet hat. Insgesamt 940'498 Meldungen sind bis anhin bei den Kantonen eingegangen, wie eine Umfrage dieser Zeitung zeigt. Die meisten Meldungen kommen aus den Nachbarländern der Schweiz sowie aus Spanien und Portugal. Spitzenreiter sind die Kantone Zürich, Aargau und Bern mit 347'000, 105'000 respektive 92'000 eingegangenen Meldungen. Wie viel Vermögenswerte im Ausland lagern, ist noch nicht erfasst.

CH Media

Vier Jahre Mannsarbeit

Die Kantone sehen sich mit einem beträchtlichen Mehraufwand konfrontiert. Denn nun gilt es für die Steuerämter abzuklären, ob auf den Auslandkonten auch unversteuerte Vermögen schlummern. Für die meisten Steuerbeamten bedeutet dies mühsame Handarbeit. Die gelieferten Kontodaten müssen mit den einzelnen Steuererklärungen abgeglichen werden. Weil die technischen Voraussetzungen fehlen und weil immer noch Steuererklärungen auf Papier eingereicht werden, ist ein automatischer Abgleich vielerorts nicht möglich. Von einer «Herkulesaufgabe» und einer «Sisyphusarbeit» ist auf den Steuerämtern die Rede. Einige haben zur Bearbeitung der AIA-Daten das Personal aufgestockt. «Angenommen, die Verarbeitung jeder Meldung verursacht einen Aufwand von fünf Minuten, dann entspricht das bei 92'000 Meldungen einem Zusatzaufwand von fast vier Mannsjahren», rechnet der Kanton Bern vor.

Um den Aufwand etwas zu begrenzen, starten die meisten Behörden bei den grössten «Brocken». Konten mit nur wenigen tausend Franken landen hinten auf der Warteliste und werden allenfalls gar nie überprüft.

Wenige Fälle erwartet

Ob sich der administrative Aufwand auch finanziell lohnt, ist ohnehin fraglich. Die Steuerämter rechnen nicht damit, dass sie auf massenweise nicht deklarierte Konten im Ausland stossen werden. Denn viele Steuersünder haben ihr im Ausland verstecktes Schwarzgeld noch kurz vor der Einführung des AIA legalisiert.

Möglich ist dies in der Schweiz mit einer einmaligen, straflosen Selbstanzeige. Wer davon Gebrauch macht, zahlt zwar Nachsteuern und Verzugszinsen für die letzten zehn Jahre, entgeht aber einer Busse. Die Zahl der Selbstanzeigen ist in den letzten Jahren in die Höhe geschnellt. Tausende reuige Steuerhinterzieher meldeten allein im letzten Jahr bisher undeklarierte Vermögenswerte bei den Behörden an. Spitzenreiter im Jahr 2018 ist der Kanton Tessin mit über 3000 Meldungen und 2,2 Milliarden Franken an bislang unversteuerten Geldern.

Die vielen Selbstanzeigen sind für die Behörden eine zusätzliche Herausforderung. Im Kanton Tessin wurden zur Bearbeitung eigens vier zusätzliche Stellen geschaffen. In mehreren Kantonen müssen Personen, die sich selbst angezeigt haben, über ein Jahr warten, bis ihr Fall erledigt ist. So auch im Kanton St. Gallen, wo im letzten Jahr 264 Millio- nen Franken Schwarzgeld offengelegt wurde. Interessantes Detail am Rande: 43 Prozent der Selbstanzeigen erfolgten im Kanton St. Gallen und rund ein Viertel der Vermögen stammen aus der Schweiz. «Dies ist umso bemerkenswerter, als innerhalb der Schweiz nach wie vor das Bankgeheimnis gilt», bemerkte Felix Sager, Chef des kantonalen Steueramts, an einer Medienkonferenz.

Zehn Verdachtsfälle in Freiburg

Zumindest was die Bankdaten aus dem Ausland betrifft, ist es für eine Einsicht nun aber zu spät. Sobald die Steuerbehörden eine Meldung erhalten haben, ist eine straflose Selbstanzeige nicht mehr möglich.

Die Kantone sind unterschiedlich zielstrebig in der Auswertung der AIA-Daten. Während einige das Material noch nicht einmal gesichtet haben, sind andere schon bei der Feinarbeit. Besonders aktiv ist der Kanton Freiburg, wo insgesamt 26'000 Meldungen eingegangen sind. Die Freiburger Steuerinspektoren haben bereits 230 Fälle untersucht, in zehn davon stellten sie fest, dass Konten im Ausland nicht deklariert worden sind. Ob es sich tatsächlich um Steuerhinterziehung handelt, wird nun abgeklärt. Falls dem so ist, müssen die Betroffenen Nachsteuern und Verzugszinsen für die letzten zehn Jahre zurückbezahlen. Zudem müssen sie eine Busse berappen, die je nach Verschulden bis zu dreimal der hinterzogenen Steuer entspricht.

Hoffen auf die Informatik

Andere Kantone rechnen erst im Frühling, Sommer oder gar erst Ende Jahr mit den ersten Fällen. Klar ist aber: Im Herbst 2019 erhalten die Kantone bereits die nächste Datenladung aus dem Ausland. Und diesmal dürften es noch mehr Meldungen sein, da der automatische Informationsaustausch auf rund 40 weitere Staaten ausgeweitet wird, darunter die Finanzplätze Fürstentum Liechtenstein, Monaco und Singapur. Im Jahr darauf folgen weitere 18 Staaten. Die Steuerämter rechnen deshalb damit, dass die Arbeit nochmals zunehmen wird. Mittelfristig hoffen sie aber auf eine gewisse Entlastung, dank bereits registrierter Daten und besserer IT-Lösungen.

Aktuelle Nachrichten