Home Office

Mieterzustupf fürs Homeoffice: Nur die wenigsten Angestellten können profitieren

Die Frage, ob Schweizer Unternehmen ihren Angestellten einen Teil der Miete zahlen müssen, lässt sich noch nicht grundsätzlich beantworten.

Die Frage, ob Schweizer Unternehmen ihren Angestellten einen Teil der Miete zahlen müssen, lässt sich noch nicht grundsätzlich beantworten.

Unter welchen Voraussetzungen müssen Arbeitgeber einen Anteil an die Wohnungsmiete bezahlen? Ein Entscheid des Bundesgerichts erweist sich nur auf den ersten Blick als wegweisend.

Der Entscheid des Bundesgerichts kam vielen gerade recht, schliesslich boomt das Homeoffice in der Coronakrise: Wer seine Angestellten zu Hause arbeiten lässt, muss ihnen einen Teil der Miete bezahlen. Dies gehe aus einem «am 23. April gefällten, bis jetzt nicht öffentlich gewordenen höchstrichterlichen Urteil» hervor, berichtete die «Sonntagszeitung» gestern. Fast alle Medien nahmen die Meldung auf, selbst im Schweizer Radio wurde sie rauf und runter gespielt.

Doch bald stellte sie sich in einem wichtigen Punkt als falsch heraus. Denn der Richterspruch ist weder neu noch unveröffentlicht. Er wurde bereits am 23. April 2019 gefällt. Das Bundesgericht schielte bei seiner «arbeitnehmerfreundlichen Rechtsprechung» also keineswegs auf die aktuelle Pandemie, wie manche bereits jubelten – und andere mit Bedauern feststellten.

Wirtschaftsvertreter vermuten hinter vorgehaltener Hand ein «Strohfeuer der Gewerkschaften». Viel Wirbel um nichts? Aus inhaltlicher Sicht bekommt der Homeoffice-Entscheid in der Coronakrise zumindest neue Brisanz. Dem Fall liegt eine spezifische Konstellation zugrunde: Eine Treuhandfirma musste einen Angestellten entschädigen, den sie ins Homeoffice geschickt hat; 150 Franken pro Monat habe sie an dessen Wohnungsmiete zu zahlen.

Allerdings verrichtete der Mann seine Arbeit ausschliesslich von zu Hause aus, sein Arbeitgeber stelle ihm kein Büroarbeitsplatz zur Verfügung (was in der «Sonntagszeitung» ebenfalls unerwähnt blieb). Deshalb sei die Arbeitsinfrastruktur zu Hause für die Berufsausübung notwendig und erstattungspflichtig, so das Bundesgericht. Dass der Angestellte nicht extra mehr Raum mieten musste, spiele keine Rolle.

Vor dem Entscheid stand lediglich fest: Arbeitgeber haben ihre Angestellten mit den Geräten und dem Material auszurüsten, die diese zur Arbeit benötigen – auch im Homeoffice. Sie müssen sämtliche Auslagen entschädigen, die zur Ausübung eines Berufes notwendig sind. Dazu gehören etwa Laptops oder sogar Bürostühle. Nun müssen Arbeitgeber auch einen Teil der Wohnungsmiete übernehmen, wenn sie Angestellte ins Homeoffice schicken. Das Bundesgericht schuf diesbezüglich Klarheit.

Können also Hunderttausende Arbeitnehmer auf eine Mietentschädigung hoffen? Ganz so einfach ist die Sache in der Praxis freilich nicht. Entscheidend ist nämlich die Frage, ob durch Corona bedingtes Homeoffice eine durch den Arbeitgeber ausdrücklich angeordnete Massnahme ist oder ob ein Arbeitnehmer freiwillig von zu Hause aus arbeitet. In vielen Betrieben wurden Mitarbeiter faktisch nur aufgefordert, von zu Hause zu arbeiten.

Entschädigungen fürs Homeoffice werden zum Politikum

Arbeitsrechtler sprechen von einem Grenzfall. Die Massnahme sei vorübergehend, erklärte Thomas Geiser, emeritierter Professor für Arbeitsrecht an der Uni St. Gallen, der «Sonntagszeitung». «Deshalb würden Gerichte in vielen Fällen wohl sagen, dass die vorübergehende Phase noch keinen Grund für eine Entschädigung darstellt.»

Ausnahmen könne es in besonderen Fällen geben – etwa, wenn jemand in einer sehr kleinen Wohnung lebe. Ungeachtet der konkreten Voraussetzungen fordert der Gewerkschaftsbund – gestärkt durch den jetzt aufgekochten Bundesgerichtsentscheid –, die Frage nach Entschädigungen weiterzufassen. Denn nicht wenige, die angeblich freiwillig daheim arbeiten, seien faktisch ins Homeoffice getrieben worden.

Auf die «Vorteile dieser freien und flexiblen Arbeitsform» verweist auf Anfrage der Arbeitgeberverband. «Unabhängig von der Coronakrise schätzen viele Angestellten die Wahlfreiheit, mal im Homeoffice und mal im Büro arbeiten zu können», sagt Kommunikationschef Fredy Greuter. Grundsätzlich müssten Kosten, die durch freiwilliges Homeoffice entstehen, nicht vom Arbeitgeber übernommen werden:

In der Regel einigten sich Arbeitnehmer und Arbeitgeber freiwillig auf geeignete Modelle, wie Auslagen gedeckt werden.

Den von Gewerkschaftern geäusserten Vorwurf, dass Firmen ihre Angestellten bewusst ins Homeoffice schickten, um Büromieten zu sparen, weist Greuter als haltlos zurück. «Es ist weder im Interesse eines Angestellten noch einer Firmenleitung, dass man sich gar nicht mehr physisch trifft.»

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Autor

Sven Altermatt

Sven Altermatt

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