Humanitäre Hilfe
Manuel Bessler arbeitete in Tschetschenien, Pakistan, Syrien: Darf man mit Elend Geschäfte machen?

Wo es brannte, half der Chef humanitäre Hilfe einst selbst. Ein Gespräch über Budgets, Innovation und die Pläne der wohltätigen Organisationen Schweiz, sogar ins kriegsversehrte Syrien zurückzukehren

Jonas Schmid
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Getrieben vom Dienst an Notleidenden: Manuel Bessler im verspielten Art-Déco-Treppenhaus am Hauptsitz des Korps für humanitäre Hilfe in Bern.

Getrieben vom Dienst an Notleidenden: Manuel Bessler im verspielten Art-Déco-Treppenhaus am Hauptsitz des Korps für humanitäre Hilfe in Bern.

Mario Heller

Er ist ein Glücksfall für die humanitäre Schweiz: Manuel Bessler, Chef des Korps für humanitäre Hilfe, kennt Theorie und Praxis aus dem Effeff. Ob in Tschetschenien, Pakistan oder Syrien: Der engagierte «Feldarbeiter» schonte sich nie, wenn es darum ging, das
Leid der Zivilbevölkerung zu lindern. Auch mit dem Völkerrecht ist der frühere Anwalt und einstige Mitarbeiter des früheren UN-Generalsekretärs Kofi Annan bestens vertraut.

Herr Bessler, kaum einer kennt Kriege besser als Sie. Stimmt der Eindruck, dass diese zugenommen haben?

Manuel Bessler: Kriege zwischen Staaten haben zwar abgenommen. Doch dafür gibt es heutzutage umso mehr innerstaatliche Konflikte, die sehr schnell regionale und internationale Auswirkungen haben. Die Unsicherheiten auf der Welt sind sehr ausgeprägt. Das widerspiegelt sich auch im Verhalten der Leute. Die Ängste haben zugenommen.

Die Konflikte dauern länger und sind komplexer. Was bedeutet das für die humanitäre Hilfe?

Es macht sie schwieriger. Um vor Ort gute Arbeit leisten zu können, müssen wir respektiert werden. Das heisst, allen Parteien muss bekannt sein, wer wir sind und was wir tun. Wir brauchen einen ständigen Dialog. In Syrien ist das extrem schwierig. Neben der offiziellen Regierung verhandeln humanitäre Akteure mit vielen Splittergruppen. Darunter können international organisierte Gruppierungen, aber auch kriminelle Gangs sein. Kontrolliert eine bewaffnete Gruppe einen Strassenzug in einer Stadt, den das Internationale Komitee vom Roten Kreuz IKRK mit seinem Konvoi passieren muss, braucht man ihr Einverständnis. Zeitweise musste das IKRK mit bis zu 42 Parteien Absprachen treffen, bevor fünf Lw nach Aleppo gelangten.

Die Digitalisierung ist allgegenwärtig. Wie beeinflusst sie die humanitäre Zusammenarbeit?

Wir müssen mit der Innovation unbedingt Schritt halten. So unterstützt die Schweiz neben Australien als einziges Land das Humanitarian Lab mit Sitz in Genf. Dort befasst sich beispielsweise eine Initiative mit 3-D-Druckern, um in Krisengebieten rasch medizinische Instrumente herzustellen. Ein anderes Feld ist die Telekommunikation: Statt Mehl und Reis zu verteilen, geht der Trend in Richtung Bargeld.

Cash statt Nahrung. Wie geht das?

Die meisten Krisen finden in Städten statt. Der Krieg hat zwar viel zerstört, rasch entstehen aber wieder kleine Läden und Kioske. Wenn wir den Leuten Geld oder Gutscheine geben, geben wir ihnen Verantwortung. Sie wissen am besten, was sie brauchen. Wir haben sehr positive Erfahrungen mit der Bargeldhilfe gemacht. Studien haben gezeigt, dass das Bargeld von den Bedürftigen für Grundbedürfnisse wie Nahrungsmittel, Medikamente und Schulbildung eingesetzt wird. Darüber hinaus ist der Ansatz auch effizienter, weil teure Lagerungskosten eingespart werden können und zusätzlich die lokalen Märkte gestärkt werden.

Haben Sie das ausprobiert?

In Haiti haben wir das Welternährungsprogramm der Vereinten Nationen nach dem Wirbelsturm Matthews darin unterstützt, ein Cash-System über Mobiltelefone aufzuziehen. Mit ein paar Klicks wurde den Bedürftigen Bargeld auf ihre SIM-Karte überwiesen. Dies geschah in enger Zusammenarbeit mit einer lokalen Telefongesellschaft. Momentan arbeiten wir an einem System, das wir ohne lange Anlaufzeit flächendeckend einsetzen können. Die Digitalisierung verändert also auch die Berufsbilder: Wir suchen mehr Analysten, Ökonomen oder Buchhalter und weniger Logistiker.

Entwickeln Sie auch neue Finanzierungsmodelle?

Mit dem IKRK arbeiten wir an sogenannten Humanitarian Impact Bonds HIB. Wir wollen private Investoren dazu motivieren, Gelder für humanitäre Einsätze zu sprechen. Diese investieren aber nur, wenn für sie ein Gewinn zu erwarten ist. Ein privater Investor könnte beispielsweise Spitäler vorfinanzieren. Werden sie erfolgreich aufgebaut und betrieben, würden staatliche Investoren diese zurückkaufen, verbunden mit einem Gewinn für den Investor. Für den Geberstaat brächte das den Vorteil, dass er die Risiken nicht tragen und nur Resultate finanzieren würde. Zugleich wirft das Modell aber ethische Fragen auf: Darf man mit Elend Geschäfte machen?

Darf man?

Die Kluft zwischen Bedarf und verfügbaren Mitteln ist in der Entwicklungszusammenarbeit und der humanitären Hilfe tief. Die HIB sind interessant, weil sie helfen können, Finanzierungslücken zu decken und eine stärkere Beteiligung des Privatsektors fördern.

Ein Schwerpunkt der Schweiz ist Syrien: Sie wollen ein Deza-Büro in Damaskus eröffnen. Warum?

Wir wollen noch besser kontrollieren, wie und wofür die Steuermittel eingesetzt werden, um noch gezielter den wirklich Bedürftigen in Syrien zu helfen. Das geht nur, wenn wir vor Ort sind. Die Schweiz hat ein dichtes Vertretungsnetz. So sind wir etwa im Südsudan, in Nordkorea, in Nigeria und in Haiti physisch präsent. In Syrien wurde die Schweizer Botschaft inklusive dem Programmbüro der Deza 2012 geschlossen. Nun laufen Gespräche
mit den syrischen Behörden für eine humanitäre Präsenz der Schweiz.

Die Gefahr ist gross, dass Sie instrumentalisiert werden.

Gerade für eine staatliche Organisation ist dieses Risiko tatsächlich vorhanden, umso wichtiger ist es zu unterstreichen, dass wir ein humanitäres Büro einrichten wollen. Die politische Schweiz kehrt damit nicht nach Damaskus zurück. Die Ausgangslage in Damaskus ist mit derjenigen in Pjöngjang oder im sudanesischen Juba vergleichbar, wo wir präsent sind.

Stellen Sie in Syrien nach über fünf Jahren Krieg eine Müdigkeit fest?

Jede Familie ist direkt oder indirekt vom Krieg betroffen. Ich stelle vor Ort fest: Die Bevölkerung wollte diesen Krieg nie. Sie möchte in Frieden und Sicherheit und ohne ständige Angst leben. Meine Hoffnung ist, dass der Druck von unten auf die kriegsführenden Parteien immer stärker wird.

Im Vergleich zu Syrien geschieht die humanitäre Katastrophe im Jemen unbeachtet von der Weltöffentlichkeit. Warum?

Jemen hat kaum Bodenschätze und ist geostrategisch weniger wichtig. Das wirkt sich auf die internationale Aufmerksamkeit aus. Zudem: Es verschärfen sich dort mehrere humanitäre Herausforderungen gegenseitig: der seit Jahren dramatisch sinkende Grundwasserpegel, ein wirtschaftlicher Kollaps, der die bereits mittellose Bevölkerung noch stärker in die Armut treibt, und ein komplexer bewaffneter Konflikt.

Doch aus Jemen kommen keine Flüchtlinge nach Europa.

Nur wenige könnte sich die teure Reise überhaupt leisten. Sie kostet etwa so viel wie ein Flugticket der ersten Klasse. Die meisten Jemeniten bleiben deshalb im Land; fast 2,5 Millionen leben als Binnenflüchtlinge. Nur etwa 60 000 Jemeniten konnten in Nachbarstaaten wie Oman, Saudi Arabien, Djibouti oder Somalia flüchten. Paradoxerweise ist Jemen weiterhin Gaststaat von über einer Viertelmillion Flüchtlingen, auch aus Somalia.

Sie können nicht überall sein. Welche Gegenden werden von den Geberländern vernachlässigt?

Blinde Flecken gibt es nicht. Aber Geld aufzutreiben für Konflikte, die sich lange hinziehen, ist schwierig. Etwa für die Zentralafrikanische Republik oder den Kongo, wo die Menschen seit Generationen auf Hilfe angewiesen sind. Auch für Syrien wird die Finanzierung zunehmend schwierig. Wichtig ist, sich mit anderen Geberländern abzusprechen. Im Alleingang erreicht die Schweiz viel weniger.

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