Kleinklasse

Lehrer fordern endlich Klarheit

Bruno Affolter: Der Lehrer-Präsident ärgert sich über den Kanton.

Bruno Affolter

Bruno Affolter: Der Lehrer-Präsident ärgert sich über den Kanton.

Die Lehrerschaft geht mit dem Bildungsdepartement hart ins Gericht. Grund: Die konkreten Rahmenbedingungen für die schulische Integration lassen auf sich warten. Im Sommer werde es jetzt endlich so weit sein – heisst es von Seiten des Kantons.

Elisabeth Seifert

«Verwirrend und uninspiriert.» Damit ist ein Artikel in einer der letzten Ausgaben des «Schulblatt» überschrieben, der sich mit dem Thema «Schulischen Integration» beschäftigt, sprich: der Integration von Einführungs- und Kleinklässlern in die Regelklassen. Die Art und Weise, wie das Reformprojekt bearbeitet, kommuniziert und gemanagt werde, sei aus der Sicht des Verbandes Lehrerinnen und Lehrer Solothurn (LSO) «chaotisch» und «führungslos».

Chancengleichheit in Gefahr

Der Grund für den Ärger des LSO über die kantonalen Bildungsstrategen, namentlich über das Amt für Volksschule und Kindergarten (AVK): Die Aufhebung der Einführungs- und Kleinklassen, die eigentlich erst ab dem Schuljahr 2010/11 flächendeckend eingeführt werden soll, wird derzeit bereits in zahlreichen Gemeinden praktiziert.

«Die Integration erfolgt dabei aber vielerorts ohne erkennbare Strategie und mit völlig ungenügenden Ressourcen», ist LSO-Präsident Bruno Affolter überzeugt. Die Folge seien überforderte Lehrpersonen. Zu den Leidtragenden gehören zudem die betroffenen Kinder: «Von Chancengleichheit kann bei derartig unterschiedlichen Integrationsbedingungen keine Rede sein.»

Der LSO steht mit seiner Kritik dabei nicht alleine da. So spricht etwa auch Thomas von Felten, Präsident des Verbandes Schulleiterinnen und Schulleiter Solothurn (VSL SO) von einer «verwirrenden Situation». Und: «Wir warten sehnlichst auf konkrete Rahmenbedingungen.»

«Die Integration leistungsschwächerer Kinder in die regulären Klassen ist dabei grundsätzlich ein gutes Projekt», ist LSO-Präsident Affolter überzeugt. Die Lehrerschaft habe denn auch von Beginn weg die entsprechenden Bemühungen im Kanton Solothurn aufmerksam verfolgt. So zum Beispiel den ersten Schulversuch von 2003 bis 2006. Der offizielle, vom AVK veranlasste, Schlussbericht und eine Begleitstudie des LSO seien dabei zu identischen Schlussfolgerungen gelangt.

Nämlich: Integration gelingt nur dann, wenn die Rahmenbedingungen stimmen. Zu den «Gelingensbedingungen», wie Affolter sich ausdrückt, gehört zum einen ein sogenannter Pensenpool. Das heisst: die Schulleitungen können über eine bestimmte, proportional zu gesamten Schülerzahl berechnete Anzahl von Förderlektionen verfügen.

Der Pool enthält dabei Gefässe für schulische Heilpädagogik, Logopädie, Psychomotorik und weiteren Förderunterricht. Der Pensenpool - und das ist eine weitere «Gelingensbedingung» - muss dabei je nach sozialem und ökonomischen Kontext mit unterschiedlich vielen Förderlektionen ausgestattet sein.

«Jeder macht, was er will»

Diese Bedingungen in Sachen Ausstattung wurden in die Botschaft zur Teilrevision des Volksschulgesetzes in den Bereichen «Sonderpädagogik und spezielle Förderung» geschrieben. Die Vorlage passierte den Kantonsrat im Mai 2007 - auch dank dem Segen des Lehrerschaft - praktisch einstimmig.

So weit so gut. Im Verlauf der vergangenen zwei Jahre aber sorgte das Vorgehen des AVK auf Seiten der organisierten Lehrerschaft zunehmend für Kopfschütteln. «Ein gutes Gesetz allein garantiert noch keine gelungene Umsetzung», sagt Bruno Affolter.

Dafür brauchts eine entsprechende Verordnung, in der die Rahmendingungen - neben der genügenden Ausstattung mit Förderlektionen gehört etwa auch die Weiterbildung für Schulleitungen und Lehrpersonen dazu - klar umrissen werden. «Hier aber herrscht seither Funkstille», so Affolter.

Die Zeit aber dränge, so soll das Gesetz auf das Schuljahr 2010/11 flächendeckend eingeführt werden. «Es ist äusserst unangenehm, wenn man planen muss und keine verbindlichen Vorgaben hat», hält auch Thomas von Felten fest.

Vor allem aber hätten jene Gemeinden, die schon jetzt munter drauflosintegrieren endlich einen klaren Rahmen. Seit die Regierung im Jahr 2006 nämlich eine Fortführung des ersten Schulversuchs beschlossen hat, springen immer mehr Gemeinden auf den Integrationszug auf.

Aber unter den gleichen rudimentären Integrationsbedingungen, die schon 2006 Anlass zu Kritik von Seiten der Lehrerschaft gegeben haben. Affolter: «Viele Gemeinden lösen zudem vor allem deshalb ihre Kleinklassen auf, weil ihnen dieses Massnahme auch zur Kostensenkung gelegen kommt.»

«Das aber führt zu einem Chaos», ist Affolter überzeugt. «Jede Gemeinde macht, was sie will.» Ganz ähnlich konstatiert auch von Felten einen «Wildwuchs». So gebe es durchaus Gemeinden und Schulen, die in Sachen Integration einen Vorzeigecharakter haben. «Viele Gemeinden integrieren aber unter schlechten Bedingungen und ungenügenden Ressourcen», meint Affolter.

Versprechungen versanden

Die Schlussfolgerung des LSO: «Es braucht endlich einen Marschhalt.» Längst schon hätte man den Schulversuch abbrechen und alle Kraft in die Ausarbeitung einer Verordnung stecken müssen, dank der eine geordnete und pädagogisch verantwortbare Integration möglich werde.

Zuletzt gabs im vergangenen Dezember Aussprache zwischen der organisierten Lehrerschaft und den Spitzen des Bildungsdepartements. Affolter: «Damals wurden uns bis Ende Februar konkrete Zahlen und Fakten versprochen.» Geschehen ist aber wieder nichts.

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