Fifa-Affäre
Lauber und Infantino im «Schweizerhof» - und ein Staatsanwalt ohne Alibi

Wer war der fünfte Mann am Geheimtreffen von Bundesanwalt und Fifa-Chef? Ein Entlastungsbeweis ist aufgetaucht, der nichts beweist.

Henry Habegger
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Der «Tatort» der geheimen Treffen zwischen Bundesanwalt und Fifa-Boss: Luxus-Hotel Schweizerhof am Bahnhofplatz in Bern.

Der «Tatort» der geheimen Treffen zwischen Bundesanwalt und Fifa-Boss: Luxus-Hotel Schweizerhof am Bahnhofplatz in Bern.

Samuel Thomi

Wenn sich vier zurechnungsfähige, gut beleumundete Männer nicht an eine fast zweistündige Sitzung in einem Nobelhotel erinnern, ja diese Sitzung verschweigen, dann muss Schwerwiegendes vorgefallen sein.

So geschah es mit jenem zufällig aufgeflogenen Treffen vom 16. Juni 2017 im Berner Hotel Schweizerhof, an dem neben Fifa-Chef Gianni Infantino und Bundesanwalt Michael Lauber ihre jeweiligen Vertrauten, der Walliser Staatsanwalt Rinaldo Arnold und Laubers Informationschef André Marty teilnahmen. Dass am geheimen Meeting fünf Knabbereien abgerechnet wurden, legt nahe, dass fünf Knabberer am Werk waren. Vier kennen wir - doch wer war Nummer Fünf?

In Justizkreisen mit Insiderwissen hält sich der Name Cédric Remund, Staatsanwalt des Bundes. Er gehörte damals der Fussball-Taskforce der Bundesanwaltschaft an, derzeit vertritt er die Anklage im «Sommermärchen»-Prozess, der nun vor Bundesstrafgericht in Bellinzona wegen Verjährung platzt. War Remund bei dem Geheimtreffen mit dem Vertreter der Privatklägerin Fifa dabei, dann sind auch die anderen Fussball-Verfahren wegen Befangenheit ruiniert, Beweise nicht verwertbar. Das könnte erklären, warum sich vier Herren nicht erinnern.

Berichte über Remund lösten nervöse Reaktionen aus

Vor einer Woche wollte die Bundesanwaltschaft die Frage nicht beantworten, ob Remund der fünfte Mann war. Remund eierte in einer Stellungnahme im «Sommermärchen»-Verfahren herum. Doch dann löste die Berichterstattung unter anderem von CH Media internationales Medienecho aus. Fifa-Chef Infantino reagierte nervös und verärgert auf die Publizität.

Jetzt sieht sich auch die Bundesanwaltschaft zu einer diskreten Demarche veranlasst. Remund schrieb als Reaktion auf die Medienberichte ans Bundesstrafgericht: Er habe «an keinem Treffen zwischen Bundesanwalt Michael Lauber und Fifa-Präsident Gianni Infantino und insbesondere auch nicht am fraglichen Treffen teilgenommen». Und weiter: «Tatsächlich hatte (Remund) am 16. Juni 2017 frei, um an der Verfassung eines wissenschaftlichen Beitrags zu arbeiten.» Dies geht aus Unterlagen hervor, die CH Media, der «Süddeutschen Zeitung» und «Le Monde» vorliegen.

Der «Beweis»: Staatsanwalt war nicht im Büro

Als «Beweis» legt Remund einen Auszug aus dem «elektronischen Zeiterfassungssystem» bei. Der zeigt, dass Remund an jenem Freitag nicht im Gebäude der Bundesanwaltschaft einstempelte.

Das Dokument beweist damit nicht, dass Remund nicht der «fünfte Mann» war. Könnte Remund beweisen, dass er an jenem Freitagmorgen immer in seinem Büro war: Dann hätte er ein Alibi. So aber hätte er Gelegenheit gehabt, die Zeiterfassung beweist es, unauffällig am vergessenen Treffen teilzunehmen. Er könnte gerade deshalb einen freien Tag bezogen haben.

Warum legt die Bundesanwaltschaft einen «Beweis» vor, der keiner ist? Warum, fragen Anwälte, gibt Remund nicht eine eidesstattliche Erklärung ab?

Das Emirat Katar als sechster Zeuge?

Das dritte Treffen bleibt mysteriös. Aber vier, vielleicht fünf Herren sitzen im gleichen Boot. Sie wissen, was Sache ist und haben sich gegenseitig in der Hand.

Es wird sogar noch mehr Kreise geben, die das Geheimnis kennen – vielleicht erklärt das die Nervosität. Der «Schweizerhof» gehört dem Staatsfonds von Katar. Das Emirat hat im Nobelhotel auch seine Botschaft untergebracht. Logisch, dass die vor zehn Jahren totalsanierte Lokalität mit Kameras überwacht wird und wohl auch verwanzt ist. Katar könnte einige Trümpfe jetzt gut gebrauchen. Es riskiert derzeit, die Austragung der Fussball-WM 2022 wegen Schmiergeldvorwürfen zu verlieren.

Verdächtiger Katar-Deal der Fifa

Und die Bundesanwaltschaft führt ein Strafverfahren gegen Nasser Al-Khelaifi, eine wichtige Figur im Emirat, wegen Vergabe von Medienrechten für Fussball-Weltmeisterschaften. Sie erhob im Februar Anklage. Musste aber, siehe da, einen Teil des Verfahrens einstellen: Weil Al-Khelaifi und Infantino eine, wie die BA schrieb, «nicht näher definierte gütliche Einigung» trafen und die Fifa einen Strafantrag zurückzog.

Es schliessen sich Kreise. Aber welche?

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