Krise
Unser aller Notvorrat: Was die Schweiz alles lagert – und was nicht (mehr)

Manche belächelten sie als Überbleibsel aus dem Kalten Krieg, doch nun gewinnen die Pflichtlager wegen des Ukraine-Konflikts wieder an Bedeutung. Angezapft wird derzeit jenes für Dünger.

Maja Briner
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Die Notreserve: Tanklager am Bahnhof Häggenschwil-Winden im Thurgau.

Die Notreserve: Tanklager am Bahnhof Häggenschwil-Winden im Thurgau.

Hannes Thalmann

Es war eine kleine Meldung, die international Schlagzeilen machte: Kaffee sei kein lebenswichtiges Gut, erklärte der Bund 2019, es enthalte praktisch keine Energie. Das Pflichtlager für Kaffee brauche es daher nicht mehr. Dagegen wehrte sich die Branche allerdings – sodass der Bund schliesslich darauf verzichtete. «If disaster strikes, the Swiss want to be caffeinated», fasste der «Economist» leicht amüsiert zusammen: Im Katastrophenfall wollten die Schweizer Koffein haben.

Und so lagert die Schweiz 15'000 Tonnen Kaffee für den Notfall, für drei Monate soll das reichen. Die Pflichtlager für lebenswichtige Güter, von manchen als Relikte des Kalten Kriegs belächelt, rückten jüngst wieder in den Fokus: Die Coronakrise offenbarte, wie rasch Produkte – Masken, Desinfektionsmittel – weltweit knapp werden können. Und nun schürt der Ukrainekrieg Furcht vor Engpässen. Dann heisst es oft: Zum Glück haben wir Pflichtlager. Doch was wird eigentlich alles aufbewahrt?

Tee und Seife fielen aus dem Sortiment

Nach dem Ende des Kalten Kriegs hat der Bund das Sortiment zusammengestrichen und die Mengen gekürzt. Die Pflichtlager für Kohle, Tee und Kakao wurden beispielsweise aufgehoben, ebenso jene für Seife und Waschmittel. Im Gegenzug muss seit kurzem Rapssaatgut gelagert werden. Derzeit untersteht folgendes Sortiment der Lagerpflicht:

  • Zucker 
  • Reis
  • Speiseöle und -fette
  • Getreide
  • Kaffee
  • Futtermittel
  • Stickstoff-Dünger
  • Benzin, Dieselöl, Flugpetrol, Heizöl sowie Heizöl extra leicht (für Zweistoffanlagen)
  • Uran-Brennelemente
  • Rapssaatgut
  • diverse Arzneimittel und Impfstoffe
  • Kunststoffe (Polyethylen-Granulate zur Herstellung von Desinfektionsmittelflaschen sowie Zusatzstoffe)

Bei Reis, Zucker und anderen Nahrungsmitteln muss genügend gelagert werden, um die Bevölkerung während drei oder vier Monaten zu versorgen, bei den Treibstoffen muss die Menge für viereinhalb Monate reichen. Auch hier hat der Bund zurückgebaut: 1990 wurde zum Teil noch der Bedarf für zehn Monate gelagert.

Dünger-Lager wird derzeit angezapft

In der Schweiz haben die Pflichtlager eine lange Geschichte. 1912 liess der Bundesrat kleine Getreidevorräte für die Zivilbevölkerung anlegen, wie es im Historischen Lexikon der Schweiz heisst. Dennoch kam es während des Ersten Weltkriegs zu gravierenden Versorgungsmängeln. Jahrzehnte später baute der Bund das System der Pflichtlager auf.

Der Staat bestimmt dabei, was an Lager gehalten werden muss. Die Lagerung der Vorräte übernehmen die Unternehmen – rund 300 sind es derzeit. Kommt es zu einem Mangel, können die Pflichtlager freigegeben werden. Bei den Heilmitteln kommt das regelmässig vor. 2018 wurden auch jene für Benzin und Diesel angezapft, weil der Rhein zu wenig Wasser führte und der Transport auf dem Wasserweg eingeschränkt war.

Aktuell trifft es neben manchen Heilmitteln zudem den Dünger. Dessen Freigabe erfolgte bereits im Januar, also vor dem russischen Angriff auf die Ukraine. Bisher sei aber erst wenig auf die Pflichtlager zurückgegriffen worden, erklärt ein Sprecher des Bundesamts für wirtschaftliche Landesversorgung. Die Freigabe bleibe aber «angesichts der ungewissen Entwicklung in Kraft». Russland ist einer der grössten Düngerexporteure der Welt.

Was während der Pandemie ans Licht kam

Eine Freigabe der Pflichtlager komme, ausser bei den Heilmitteln, nicht oft vor, sagt der Sprecher. Dies habe sich auch während der Pandemie nicht geändert.

Während der Coronakrise merkte man indes, welches Pflichtlager fehlte: jenes für Ethanol, das für die Herstellung von Desinfektionsmitteln gebraucht wird. Früher hatte die Eidgenössischen Alkoholverwaltung, die heutige Alcosuisse, Ethanol gelagert, doch 2018 wurden die Reserven aufgelöst - was niemanden interessierte, bis während der Coronakrise Desinfektionsmittel knapp wurde. Inzwischen hält Alcosuisse im Auftrag des Bundes wieder ein Lager.

Doch kein Pasta-Lager

Übrigens: Der Bund prüfte kürzlich, ob es auch für Pasta eine Lagerpflicht geben soll. Die Analyse habe jedoch ergeben, dass die überwiegende Mehrheit der Teigwaren nicht für die Pflichtlagerhaltung geeignet sei, unter anderem wegen der Handhabung und der Haltbarkeit, antwortete der Bund auf einen Vorstoss von Marcel Dettling (SVP/SZ).