Zugattacke von Salez
«Krass, dass das in unserem Dorf passieren konnte»

Zwei Tage nach der schlimmsten Gewalttat in der Schweizer Eisenbahngeschichte ist am Bahnhof Salez-Sennwald Normalität eingekehrt. Was denken die Sennwalder über das brutale Verbrechen?

Samuel Schumacher
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Omar Hamsa wünscht sich mehr Polizisten im Zug.

Omar Hamsa wünscht sich mehr Polizisten im Zug.

Samuel Schumacher

«Ir Ysebahn sitze die einte ä so, dassi alles was chunnt scho zum Voruus gseh cho (...). Die andre die sitze im Bank wisawii, dassi lang no chöi gseh wo dr Zug scho isch gsii.» Das sang Nationalbarde Mani Matter in seinem Lied «Ir Ysebahn» 1973. Was in der Eisenbahn zwischen Buchs (SG) und dem Bahnhof Salez-Sennwald am Samstagnachmittag passiert ist, das sah allerdings niemand kommen. Ein 27-jähriger Mann setzt den fahrenden Zug in Brand und greift mehrere Passagiere mit einem Messer an. Zwei Personen (darunter der Täter) sterben, mehrere Menschen werden schwer verletzt. Der brennende Zug kommt beim Bahnhof Salez-Sennwald im beschaulichen St. Galler Rheintal zu stehen. Ein Horror-Vorfall in einer heilen Welt.

«So etwas habe ich nie erlebt»

Der Angriff im Regionalzug der Südostbahn (SOB) ist das schlimmste Verbrechen in der langen Schweizer Eisenbahngeschichte. Ein Verbrechen, das die Einwohner des 5 000-Seelendorfes Sennwald schockiert. «Ich bin wirklich sehr betroffen und traurig. Gleichzeitig ist man irgendwie froh, dass es niemanden traf, den man persönlich kennt», erzählt Christopher Eggenberger. Der 27-Jährige fuhr am Samstag mit dem Bus zufälligerweise am Bahnhof vorbei, kurz, nachdem die herbeigeeilten Feuerwehrleute und Polizisten die Situation unter Kontrolle bringen konnten. «Zuerst dachte ich, es hab einen Unfall auf dem Bahnhofsareal gegeben. Das Ausmass war mir auf den ersten Blick nicht klar», erzählt Christopher Eggenberger. «Erst als ich sah, dass die Polizei mit mehreren Kastenwagen vor Ort war, wusste ich: Da ist etwas Ernsteres passiert.»

Nach der Attacke im Zug bei Salez befinden sich noch immer fünf Personen im Spital.
12 Bilder
Noch am Samstag führten Beamte eine Hausdurchsuchung beim Täter durch. - Im Bild: Kriminaltechniker im Einsatz im Zug, in dem es am Samstag zur Tat kam.
Attacke von Salez
Im Zug im St. Galler Rheintal hatte ein 27-jähriger Schweizer sechs Zugpassagiere, darunter ein 6-jähriges Kind, mit einem Messer und brennbarer Flüssigkeit angegriffen.
Mehrere Opfer wurden schwerst verletzt.
Ein Opfer und der Täter schwebsten in Lebensgefahr.
Die Attacke ereignete sich am Samstag gegen 14.20 Uhr kurz vor dem Bahnhof Salez auf der Strecke zwischen Buchs und Sennwald
Ein Video zeigt, wie der mit einem Messer bewaffnete Beschuldigte, ein 27-jähriger Schweizer, eine brennbare Flüssigkeit ausschüttet. Durch das Entzünden der Flüssigkeit und durch das Messer wurden fünf Passagiere sowie der Beschuldigte selber verletzt.
Der Zug wurde wegen des Zwischenfalls in Salez gestoppt.
Das "Ereignis", wie die Polizei den Zwischenfall in ihrer Mitteilung umschreibt, hatte am Samstag einen Grosseinsatz von Rettungs- und Sicherheitskräften ausgelöst.
Arbeiter säubern am Bahnhof in Salez den Bahnsteig.

Nach der Attacke im Zug bei Salez befinden sich noch immer fünf Personen im Spital.

TeleM1

Den tragischen Vorfall hautnah miterlebt hat der Sennwalder Erich Gross. «Ich war 30 Jahre lang in der Feuerwehr, aber so etwas habe ich nie erlebt», sagt Erich Gross. Der Pensionär wohnt in Sichtweite vom Bahnhof Salez-Sennwald und war am Samstagnachmittag während drei Stunden als Helfer vor Ort. Das Zugfahren lässt sich Gross von der Schreckenstat aber nicht verderben. «Das war ein Einzelfall. Millionen fahren jeden Tag Zug, ohne, dass ihnen etwas passiert. Ich mache mir keine Sorgen, wenn ich das nächste Mal in einen Zug einsteige.» Die Normalität müsse wieder einkehren, man dürfe sich von einem Einzeltäter nicht so verunsichern lassen.

Feuerlöscher und Sandkastenübung

Auf dem Perron des kleinen Bahnhofs Salez-Sennwald scheint es am Montagmittag, als wäre tatsächlich alles wieder normal, als hätte es hier nie einen tragischen Vorfall gegeben. Im leerstehenden Stellwerkhäuschen stehen zwei verwahrloste Velos und ein Schirm. Im staubigen Fenster des alten Bahnhofsgebäudes hat jemand ein Liebesbekenntnis an «Tabea» hingeschmiert. Der Selecta-Automat neben dem Toilettenhäuschen summt friedlich in der Nachmittagssonne. Nur im einstigen Bahnhofsbüro herrscht reger Betrieb. Hier hat SOB-Verwaltungsratspräsident und Alt-Ständerat Hans Altherr sein Anwaltsbüro. Er fahre praktisch täglich mit dem Zug nach Salez-Sennwald und mache sich schon seine Gedanken, wie er mit besorgtem Blick erzählt. «Ich bin sehr erschrocken. Und ich überlege mir jetzt vermehrt, wie ich bei einem ähnlichen Vorfalle reagieren würde, halt wie bei einer Sandkastenübung», erzählt der Altherr.

Hans Altherr lässt sich das Zugfahren nicht verderben.

Hans Altherr lässt sich das Zugfahren nicht verderben.

Samuel Schumacher

Eines hat er sich für die Zukunft fest vorgenommen. «Ich werde immer sofort nachschauen, wo die Feuerlöscher sind, wenn ich in einen Zug einsteige, um notfalls rechtzeitig reagieren zu können.» Wirklich Angst oder ernsthafte Bedenken habe er beim Zugfahren aber keine. «Ich fahre ja schliesslich auch regelmässig Auto, obwohl ich weiss, dass dabei allein in der Schweiz jährlich hunderte Menschen ums Leben kommen.»

Wunsch nach mehr Bahnpolizisten

12.34 Uhr: Die S4 nach Buchs SG fährt im Bahnhof Salez-Sennwald ein. Omar Hamsa ist der Einzige, der einsteigt. Drinnen klimatisierte S-Bahn-Leere, rote Sitze, ein paar wenige Passagiere, die meisten am Smartphone, niemand schaut auf, niemand scheint sich Sorgen zu machen. Hamsa schon. Er setzt sich und sagt: «Schon krass, dass das passieren konnte. Und das in unserem Dorf!» Der 23-jährige Sennwalder macht in Buchs eine Ausbildung zum Sanitär und fährt die Strecke, auf der der brutale Angriff passierte, jeden Tag. «Ich habe mir oft überlegt, wie ich reagiert hätte, wenn ich in diesem Zug gesessen wäre. Ich hoffe, ich hätte den Mut gehabt, den Angreifer zu packen und zu stoppen. Aber sicher bin ich mir nicht.» Hamsa wünscht sich auf jeden Fall, dass auch auf der vermeintlich friedlichen S-Bahn-Strecke durchs Rheintal vermehrt Bahnpolizisten patrouillieren. «In Zürich, wo mein Bruder wohnt, hat es in praktisch jedem Zug Polizisten. Da fühle ich mich deutlich wohler als hier, wo ich noch nie einen Polizisten im Zug gesehen habe.»

Kurz vor 14 Uhr halten Maya und Samuel Lehmann mit ihren Velos neben dem Bahnhof Salez-Seenwald. Sie haben am Radio von dem Angriff gehört. «Das ist absolut tragisch. Aber man darf sich deshalb ja nicht zuhause einsperren», sagt Maya Lehmann. Dass sie mit dem Velo und nicht mit dem Zug unterwegs sind, hat nichts damit zu tun, dass sie jetzt Angst hätten vor dem Zugfahren. «Es ist halt fantastisches Wetter und die Gegend hier so wunderschön.» Da müsse man einfach in die Pedale treten. «Diese Freiheit lassen wir uns von diesen Wahnsinnigen nicht nehmen.»

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