Kolumne Café Fédéral
«Waghalsig»: Der deutsche «Spiegel» rechnet mit der Schweizer Coronapolitik ab – und lobt sie dann kurz darauf

In Deutschland sorgen die Lockerungsschritte des Bundesrats für Unverständnis. Doch die Berichterstattung zeigt auch: Die Krisenbewältigung ist nicht schwarz oder weiss. Eine Nachlese.

Sven Altermatt
Sven Altermatt
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Restaurants im ganzen Land rüsten sich für die Wiederöffnung ihrer Terrassen.

Restaurants im ganzen Land rüsten sich für die Wiederöffnung ihrer Terrassen.

Bild: Urs Flüeler/Keystone (Stans, 15. April 2021)

Es ist eine Disziplin, die während der Coronakrise eine Blütephase erlebt: der Ländervergleich. Welcher Staat meistert die Pandemie besser? Wer testet mehr? Wer impft schneller? Wer verschärft entschiedener? Matchberichtartig wird verglichen, werden Rankings gemacht und Noten verteilt.

Besonders erhellend ist jeweils, wie ausländische Medien über die helvetische Coronapolitik berichten. Zum Beispiel der «Spiegel»: Trotz ähnlicher Fallzahlen wie in Deutschland lockere die Schweiz «so stark wie kein Land in Europa», schrieb das Hamburger Nachrichtenmagazin soeben – und kritisierte die «unstete Politik» hierzulande scharf. Der Bundesrat gehe mit seinen jüngsten Entscheiden «den wagemutigsten oder auch waghalsigsten Weg auf dem ganzen Kontinent», so der «Spiegel».

Die Bündner Teststrategie als Vorbild

Fast zeitgleich erschien ebendort ein Artikel, der die voreiligen Lockerungen deutscher Gemeinden und deren unausgereiften Testkonzepte monierte. Angepriesen wurde der Beitrag so:

«Ein Blick in die Schweiz zeigt, wie es besser funktioniert.»

Denn dort sehe man, «was alles nötig ist, um Erfolg zu haben». Tatsächlich befassten sich die Autoren ausgiebig mit der Testoffensive im Kanton Graubünden. Es sei «ein Projekt mit einem Umfang, das in Deutschland seinesgleichen sucht», lobten sie.

Die Krisenbewältigung, so verdeutlicht dieser Blick in den «Spiegel» einmal mehr, ist vieles – aber nur eines nicht: schwarz oder weiss.