Kinderbetreuung
«Ich habe die Hoffnung aufgegeben»: Wie eine Mutter seit zwölf Jahren um einen Betreuungsplatz für ihren behinderten Sohn kämpft

In der Schweiz mangelt es an Kita-Plätzen für die Kinder mit einer Behinderung im Vorschulalter. Eine betroffene Mutter aus der Ostschweiz erzählt von ihrer jahrelangen Suche nach einem Platz für ihren behinderten Sohn. Sie bräuchte ihn, um aus der Sozialhilfe auszusteigen.

Chiara Stäheli
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In der Schweiz leben rund 9000 Kinder im Vorschulalter mit einer Behinderung.

In der Schweiz leben rund 9000 Kinder im Vorschulalter mit einer Behinderung.

Bild: Getty

Sonja Balmer (Name geändert) hat einen Sohn mit einer geistigen Behinderung. Und sie hat einen Wunsch: Sie möchte wieder arbeiten und aus der Sozialhilfe aussteigen. Das Problem: Seit zwölf Jahren sucht sie einen Betreuungsplatz für ihr Kind. Heute sagt sie: «Lange dachte ich, dass ich einen Weg finden werde. Mittlerweile habe ich diese Hoffnung aufgegeben.»

Sonja Balmers Sohn ist mit seinen zwölf Jahren auf dem Entwicklungsstand eines Kleinkindes. Einen Namen für seine Behinderung gibt es nicht. Bis er zweijährig war, hiess es von ärztlicher Seite, er sei gesund. Balmer lebt mit ihren zwei Kindern in der Ostschweiz. Seit der Geburt ihres behinderten Kindes kämpft sie um einen Betreuungsplatz. Anfangs erhielt ihr Sohn einen Platz in einer nahegelegenen Kita. Irgendwann wurde es für das Personal zu aufwendig. Ihr wurde mitgeteilt, dass der Bub nur noch betreut werden könne, wenn sie die zusätzliche Betreuungsperson selbst zahlen würde. Für die Familie ein Ding der Unmöglichkeit. Auch weil die alleinerziehende Mutter seit der Geburt ihres Sohnes nicht mehr arbeiten konnte und fortan von der Sozialhilfe lebte. Eine Anfrage bei der Gemeinde blieb erfolglos.

Sie will aus der Sozialhilfe aussteigen

Sonja Balmer klapperte alle Kitas in der Umgebung ab, doch nirgends gab es einen Platz für ihren Sohn. Bald schien sich eine Lösung abzuzeichnen: Der Sohn sollte in einer Einrichtung betreut werden, die sich auf Kinder mit Behinderungen spezialisiert hat. Blieb die Frage der Kostenübernahme. Balmer wollte nicht, dass ihr Sohn die ganze Woche im Internat verbringt. Sie plädierte für eine Tagesbetreuung – doch die Kosten konnte die Mutter nicht stemmen: «Wenn ich ihn ins Internat abgeschoben hätte, wäre das gratis gewesen. Aber weil ich nur eine Betreuung während vier Tagen pro Woche tagsüber wollte, hätte ich 3500 Franken monatlich bezahlen müssen.» Ihr blieb nichts anderes übrig, als den Sohn zuhause zu betreuen.

Mittlerweile besucht er die heilpädagogische Schule. Da diese keine Tagesbetreuung anbietet, kann Sonja Balmer keinen regulären Job antreten. Obwohl das ihr grösster Wunsch ist:

«Ich will wieder auf eigenen Beinen stehen, nicht mehr abhängig sein.»

Die studierte Soziologin hat dafür gar eine Informatik-Ausbildung nachgeholt. Sie erhoffte sich davon, vermehrt von zuhause aus arbeiten zu können. Doch bis anhin blieben ihre Bewerbungen ohne Erfolg. Die Behinderung ihres Sohnes erwähnt Balmer bei Bewerbungsgesprächen nicht mehr: «Der Arbeitgeber würde daraus rasch falsche Schlüsse ziehen und hätte das Gefühl, ich würde immer fehlen.»

Das ständige Ringen um Betreuungsmöglichkeiten zehrt an Balmers Kräften. Im Moment akzeptiert sie die Situation. Sie mag nicht mehr länger suchen und bitten, nur um dann erneut zu scheitern. Viel mehr versucht Balmer, das Positive zu sehen. Da ist die vorbehaltlose Liebe, die ihr Sohn seinen Mitmenschen schenkt. Oder das Zusammensein: «Ich habe vieles mit meinen beiden Kindern erlebt, oft auch schwierige Momente. Trotzdem möchte ich nicht einen Tag missen.»

Kantonaler Flickenteppich beim Betreuungsangebot

Mit diesen Herausforderungen ist Balmer nicht allein: In der Schweiz leben schätzungsweise 6750 Kinder im Alter von 0 bis 4 Jahre mit einer leichten Behinderung, 2250 mit einer schweren. Für diese Kinder einen Betreuungsplatz zu finden, ist oft mit grossem Aufwand verbunden. In vielen Kantonen fehlen entsprechende Angebote, gibt es sie, gehen die zusätzlichen Kosten für die Betreuung des behinderten Kindes nicht selten zulasten der Eltern.

Procap, der Verband für Menschen mit Behinderung, fordert, dass die fehlenden Möglichkeiten für Familien mit beeinträchtigen Kindern rasch ausgebaut werden. Alex Fischer ist bei Procap für die Sozialpolitik zuständig, er sagt: «Wir fordern ein gleich gutes Angebot an Kita-Plätzen für Kinder mit Behinderungen – und zwar zum gleichen Tarif wie für Kinder ohne Behinderung.» Der Verband hat in einer im Frühling veröffentlichten Studie errechnet, dass rund ein Drittel der betroffenen Familien auf die Möglichkeit der familienergänzenden Betreuung zurückgreifen würde, wenn denn ein Angebot bestünde. Das heisst, in der Schweiz müsste es Kita-Plätze für 3000 Kinder mit einer Behinderung geben.

Davon ist man aber in vielen Kantonen noch weit entfernt. Besonders schlecht schneiden im Bericht die Kantone Aargau, Thurgau, Schaffhausen, Schwyz, Obwalden, grosse Teile von Zürich und die beiden Appenzell ab, wie die folgende Grafik zeigt.

So schneiden die Kantone bezüglich der Betreuungsangebote für Kinder mit einer leichten Behinderung ab: Grün bedeutet gut, gelb mittel, rot schlecht (Stand Mai 2021).

So schneiden die Kantone bezüglich der Betreuungsangebote für Kinder mit einer leichten Behinderung ab: Grün bedeutet gut, gelb mittel, rot schlecht (Stand Mai 2021).

Quelle: Bericht Procap 2021

Doch einzelne Kantone verfügen bereits heute über ein gut ausgebautes Angebot. So gibt es beispielsweise in den Kantonen Luzern, Uri und Nidwalden sogenannte Kitaplus-Angebote, bei denen Kinder mit einer Behinderung in den normalen Kita-Alltag integriert und von einer heilpädagogischen Fachkraft unterstützt werden. In den Kantonen St. Gallen und Basel-Landschaft laufen Pilotprojekte, im Aargau und in Obwalden werden ebensolche vorbereitet.

So funktioniert das Kitaplus-Programm

Das Projekt Kitaplus wurde 2012 von der Stiftung KiFa Schweiz gemeinsam mit kibesuisse, dem Verband Kinderbetreuung Schweiz, ins Leben gerufen. Ziel ist es, Rahmenbedingungen zu schaffen, damit auch Kinder mit Behinderungen reguläre Kindertagesstätten besuchen können. Damit soll das Behinderten-Gleichstellungsgesetz erfüllt, Eltern entlastet, die Vereinbarkeit von Familie und Beruf ermöglicht und die Kinder auf die Integration in die Regelschule vorbereitet werden.

Kitaplus wird in bestehenden Tagesstätten umgesetzt. Kinder mit einer Behinderung werden in den normalen Kita-Alltag integriert und die Kita-Mitarbeitenden durch einen Heilpädagogen fachlich unterstützt. Für die Eltern entstehen im Kitaplus-Modell keine Mehrkosten: Die Kosten für das Coaching der Kita-Mitarbeitenden durch geschulte Heilpädagoginnen sowie jene für den behinderungsbedingten Zusatzaufwand übernehmen die Kantone und die Wohngemeinden.

Doch erst in drei Kantonen und einer Stadt ist das Kitaplus-Programm fix installiert. Theresia Marbach, stellvertretende Geschäftsführerin der Stiftung KiFa, macht dafür mehrere Gründe geltend: «Einerseits fühlt sich niemand so wirklich verantwortlich dafür. Andererseits ist die Anzahl betroffener Kinder in jedem Kanton eher klein, deren Eltern oft überlastet und keine Lobby vorhanden.» Oft sei die heilpädagogische Früherziehung den Bildungsdepartementen angegliedert, die sich je nach Kanton erst ab Schuleintritt verantwortlich fühlen würden. Die reguläre Kinderbetreuung sei wiederum auf kommunaler Ebene geregelt.

«Hinzu kommt, dass die Finanzierung von Inklusionskosten in den aktuellen Kinderbetreuungsgesetzen nicht geregelt ist», so Marbach weiter. Vorreiter auf diesem Gebiet ist der Kanton Luzern: Die Finanzierung von behinderungsbedingten Zusatzkosten in der Kinderbetreuung ist dort neu im Volksschulbildungsgesetz geregelt.

Das Kitaplus-Modell eignet sich in erster Linie für Kinder mit leichten Behinderungen. Für Kinder mit schweren Behinderungen sind spezialisiertes Personal und eine angepasste Infrastruktur notwendig. Nur die Kantone Basel-Stadt, Waadt, Wallis, Zug und die Stadt Zürich verfügen über ein ausreichend ausgebautes Angebot für die Betreuung von Kindern mit schweren Behinderungen. In der Schweiz bräuchte es laut Procap rund 80 spezialisierte Kitas, in denen Kinder mit schweren Behinderungen betreut werden können.

So schneiden die Kantone bezüglich der Betreuungsangebote für Kinder mit einer schweren Behinderung ab: Grün bedeutet gut, gelb mittel, rot schlecht (Stand Mai 2021).

So schneiden die Kantone bezüglich der Betreuungsangebote für Kinder mit einer schweren Behinderung ab: Grün bedeutet gut, gelb mittel, rot schlecht (Stand Mai 2021).

Quelle: Bericht Procap 2021

Eltern können dank Kita-Angebot wieder arbeiten

Viele Kantone planen Verbesserungen. Für Alex Fischer ist es höchste Zeit dafür: «Die fehlenden Kita-Plätze für Kinder mit Behinderungen bringen eine Reihe von Problemen mit sich.» Einerseits würden Förder- und Integrationschancen bei den Kindern und damit die Möglichkeit, spätere Gesundheits- und Sozialkosten zu senken, verpasst. Andererseits führe das fehlende Angebot dazu, dass Eltern von behinderten Kindern nicht arbeiten können, weil sie ihre Kinder zuhause betreuen müssen. «Es gibt keine teurere Politik, als arbeitswillige und arbeitsfähige Menschen vom Arbeiten abzuhalten», konstatiert Fischer.

Entsprechend erachtet Procap die jährlichen Mehrkosten eines flächendeckenden Betreuungsangebots für Kinder mit Behinderungen in der Höhe von 20 bis 30 Millionen Franken, die für die öffentliche Hand anfallen würden, als Investition in die Zukunft der Kinder. Denn durch das Angebot würden sich laut Fischer die Langzeitarbeitslosigkeit und die Altersarmut der Eltern reduzieren. Dem pflichtet Sonja Balmer bei:

«Wenn es so weitergeht, lebe ich auch nach der Pension von der Sozialhilfe. Da ich nicht arbeiten kann, habe ich keine Altersvorsorge. Ich habe nichts, wenn ich alt bin.»

Grundsätzlich ist die Finanzierung der Betreuungskosten Sache der Kantone und Gemeinden. Doch auch auf nationaler Ebene bewegt sich etwas: Derzeit arbeitet eine parlamentarische Kommission eine Gesetzesänderung im Bereich der Kinderbetreuung aus. Präsidiert wird sie von Mitte-Nationalrat Philipp Kutter. Noch sei nicht entschieden, wie die neue Regelung ausgestaltet werde. Klar sei aber, d ass die Bedürfnisse und Anliegen der Familien von Kindern mit einer Behinderung berücksichtigt würden, so Kutter.

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