Jahresrückblick

Karikaturen des Jahres: Greta Thunberg schlägt Donald Trump

Im Jahr 2019 liefen die Karikaturisten zu Hochform auf – obwohl oder gerade weil sie in Bedrängnis sind.

Es ist ein überzeichneter Jahresrückblick, und das Fazit ist klar: Die Klimaerwärmung, überhaupt Umweltschutzthemen beschäftigten die Cartoonisten 2019 besonders stark. 2017 und 2018 hatte noch US-Präsident Donald Trump die Karikaturen dominiert, nun war es die schwedische Aktivistin Greta Thunberg.

Im Museum für Kommunikation in Bern stellen die Schweizer Zeichnerinnen und Zeichner zurzeit ihre besten Werke aus. Initiant dieser alljährlichen satirischen Leistungsschau ist Silvan Wegmann, der seit 23 Jahren für CH Media und ihre Vorgängerverlage zeichnet. Er sagt: «Der Klimawandel ist ein schleichender Vorgang, das macht die Umsetzung für Cartoons schwierig. Doch mit Greta ist Klimapolitik fassbar geworden.»

Eignet sich der Teenager überhaupt als Sujet? Sie sei durchaus dankbar zum Zeichnen, sagt Wegmann: «Wie bei Trump ist es die Frisur, die uns das Leben erleichtert.» Gretas Zöpfchen und dazu die Kappe, die sie oft trägt, machen die jugendliche Aktivistin unverwechselbar.

Darf man sich über Greta lustig machen?

Den US-Präsidenten ziehen die Cartoonisten rund um den Globus gern ins Lächerliche. «Trump ist die Inkarnation unserer narzisstischen Gesellschaft», sagt der Genfer Karikaturist Patrick Chappatte. Er arbeitete für die «New York Times», bis diese entschied, keine Karikaturen mehr zu publizieren – für die Cartoonisten weltweit ein einschneidender Moment 2019.

Auslöser war eine Karikatur, die nicht von Chappatte stammte. Sie zeigte Israels Premier Netanjahu als Blindenhund von Trump; der «Dackel» Netanjahu trug einen Davidstern um den Hals. Das war zu viel der politischen Unkorrektheit für die «New York Times» (siehe Ausgabe vom vergangenen Mittwoch).

Grund für ihre radikale Massnahme war der Antisemitismusverdacht, nicht die Karikierung Trumps – bei ihm ist alles erlaubt. Doch wie ist das bei Greta, der «Person des Jahres 2019», zu der sie das US-Magazin «Time» kürte? Darf man Witze machen über ein 16-jähriges Mädchen? Satire darf bekanntlich alles, aber Silvan Wegmann sagt: «Wir machen uns nicht über Greta lustig, sondern über diejenigen, über die sich Greta lustig macht – untätige Politiker und Konzerne.»

Spielt dabei nicht doch die Angst vor politischer Unkorrektheit mit, oder sind die Karikaturisten einfach allesamt grün und links? Wegmann winkt ab. «Gewiss gibt es Zeichner, die wie Greta denken, aber längst nicht alle. Dass wir sie nicht ins Lächerliche ziehen, liegt daran, dass Satire auf die Mächtigen zielt», sagt Wegmann.

Greta habe keine unmittelbare Macht, diese liege bei den Politikern, die das Klimaabkommen von Paris kündigen oder nicht umsetzen. Wegmann selbst bezeichnet sich als politisch unabhängig: «Ich finde es falsch, wenn ein Cartoonist einfach seine persönliche Ideologie zum Ausdruck bringt.»

CH Media beschäftigt zwei Hauskarikaturisten

Anders als die «New York Times» setzen die Schweizer Zeitungen weiter auf politische Karikaturen. Durch das Joint Venture von AZ Medien und NZZ zu CH Media begegnet die Leserschaft dieser Zeitung gleich zwei regelmässigen Karikaturisten: Silvan Wegmann kommt von der «Aargauer Zeitung» und Tom Werner vom «St.Galler Tagblatt». Beide haben ihre fixen Rubriken, zeichnen aber auch aktuell.

Bemerkenswert ist, dass die traditionsreiche satirische Zeitschrift «Nebelspalter» seit einigen Jahren steigende Leserzahlen ausweist – entgegen dem Trend der Printbranche. Das zeigt das Bedürfnis der Leser nach Humor in einer unsicheren Welt. «Nebelspalter»-Chefredaktor Marco Ratschiller ist der dritte Karikaturist, den CH-Media-Leser regelmässig zu Auge bekommen. Er illustriert Woche für Woche die Geld-Seite der «Schweiz am Wochenende».

Die Zeiten sind für freischaffende Karikaturisten angesichts der Fusionitis und Sparübungen in der Medienbranche nicht einfach. «Viele von uns machen sich Gedanken: Haben wir noch genügend Aufträge in den nächsten Jahren? Braucht es uns noch?», sagt Wegmann. Der wirtschaftliche Druck tut der Qualität indes keinen Abbruch. Vielleicht liegt es auch daran: Je verrückter die Welt spielt, umso bissiger und besser die Karikaturen.

Meistgesehen

Artboard 1