Bildung
Kantone wollen lieber einen harten Lockdown als geschlossene Primarschulen

Die Erziehungsdirektoren warnen davor, die Pandemie auf dem Rücken der Bildung zu bekämpfen. Für Bund und Kantone ist Fernunterricht die allerletzte Option.

Pascal Ritter
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Solche Bilder wollen die Erziehungsdirektoren vermeiden: Schulzimmer ohne Klasse in Bellikon am 13. April 2020.

Solche Bilder wollen die Erziehungsdirektoren vermeiden: Schulzimmer ohne Klasse in Bellikon am 13. April 2020.

Alex Spichale / AGR

Ganze Schulhäuser wurden diese Woche wegen Coronaausbrüchen geschlossen. Diese Massnahme wird aber weiterhin vor allem punktuell ergriffen, um Ansteckungsketten zu unterbrechen. Die Schulen, insbesondere der unteren Stufen bleiben bis auf Weiteres grundsätzlich offen.

Der Bundesrat hat am Mittwoch über einen Brief der kantonalen Erziehungsdirektorenkonferenz (EDK) und eine Stellungnahme der wissenschaftlichen Taskforce beraten. Dabei wurde klar: Die Primarschule sollen nur im äussersten Fall geschlossen werden. Über die Oberstufe, Gymnasien und die Berufsschulen beraten Bund und Kantone aber weiter.

Einzelne Kantone reagieren unterdessen auf ihre epidemiologische Lage. Im Kanton Aargau gehen am Montag, 25. Januar, die meisten Mittel- und Berufsfachschulen bis Ende Februar in den Fernunterricht.

Lockdown statt Zweckentfremdung der Schulen

Die kantonalen Bildungspolitiker, befürchten dass Schulschliessungen zweckentfremdet werden könnten, um eine Homeoffice-Pflicht durchzusetzen. Sind Kinder zu Hause, können auch die Eltern nicht ins Büro oder auf die Baustelle. Ein solche Situation solle unbedingt verhindert werden. Statt Schulen zu schliessen und andere Bereich offen zu halten, solle es lieber einen Lockdown geben.

Die Bildungsdirektoren schreiben:

Sollte sich Schulschliessungen zum Beispiel aufgrund der Verbreitung der mutierten Variante des Virus aufdrängen, so wäre dies durch den Bundesrat und ausschliesslich im Rahmen eines Lockdowns, wie er im Frühjahr 2020 bestand, zu beschliessen.

Damit machen sie klar: Die meisten Kantone werden nicht von sich aus die Primarschulen schliessen.

Die Erziehungsdirektoren stellen sich zudem hinter die Forderung, dass Lehrer bevorzugt geimpft werden sollen.

Maskenpflicht für Primarschüler als Option

Wie es bei einer zusätzlichen Ausbreitung des Coronavirus an den Volksschulen weitergehen könnte, zeigt ein Eskalationsstufenplan, welche die Erziehungsdirektorenkonferenz am Mittwoch veröffentlichte. Zurzeit befinden sich die meisten Kantone in der Eskalationsstufe 6. Alle Erwachsenen und Schülerinnen ab der 1. Sekundarklasse müssen Masken tragen. Es gibt Einschränkungen im Musik- und Sportunterricht. Der Kanton Baselland befindet sich schon in der 7. Eskalationsstufe: Die Maskenpflicht gilt bereits ab der 5. Primarklasse. Bevor eine Schule auf Fernunterricht umstellt, wird noch die Stufe 7a aktiviert: auch Schulkinder der 4. Klasse müssen Masken tragen.

Auf Stufe 8 erhalten Schulkinder der Oberstufe Fernunterricht. Die Bildungsdepartemente der Kantone wollen dies aber unbedingt vermeiden. Denn vieles deute darauf hin, «dass insbesondere schwächere Schülerinnen und Schüler und solche aus sozio-ökonomisch benachteiligten Haushalten teilweise deutlich weniger lernen als im Präsenzunterricht.» Sollte es zu Fernunterricht kommen, gelte es das Übertragungsrisiko «gegen den möglicherweise grossen psychosozialen Schaden abzuwägen». Präsenzunterricht und eine professionelle Betreuung seien insbesondere für benachteiligte Schülerinnen und Schüler und während des Übergangs in die Berufswelt «besonders wichtig».

Schulkinder der 3. bis 6. Klasse sollen erst auf einer weiteren Eskalationsstufe (9) von zu Hause aus am Unterricht teilnehmen. Der Fernunterricht soll durch einzelne Präsenzlektionen, Unterstützungs- und Betreuungsangebote sowie Prüfungen im Schulhaus flankiert werden. Die allerletzte Option ist der Fernunterricht auf allen Stufen (Eskalationsstufe 10), der durch die gleichen Massnahmen wie auf der neunten Stufe ergänzt wird.

Der Eskaltionsstufenplan ist nicht verbindlich. Die Kantone entscheiden weiterhin selber über ihre Coronamassnahmen.

Kantone befürchten Kettenreaktion

Die Bildungsdirektoren begründen ihre Forderung nach möglichst offenen Schulen mit den befürchteten Nebenwirkungen des Fernunterrichts, welche man während des Lockdowns im Frühling 2020 festgestellt habe. Es geht um einen kleineren Lerneffekt, Schwierigkeiten beim Berufseintritt und fehlende Stabilität.

Für Kinder und Jugendliche sei zudem jedes Jahr ihrer Entwicklung einzigartig. «Die vielfältigen Erfahrungen, die im sozialen Gefüge einer Klasse und einer Schule gemacht werden, können nicht einfach nachgeholt werden», heisst im Schreiben der EDK.

Höhere Stufen will die EDK nicht schliessen, weil sie befürchtet, dies könne «umgehend die Forderung nach Fernunterricht auf der Primarstufe auslösen.» Zudem würden sich Kinder privat treffen, wenn sie nicht zur Schule gingen und sich so stärker mische als unter Aufsicht im Schulhaus.

Auch Taskforce gegen Schulschliessungen

Auch für die Wissenschaftstaskforce überwiegen die Vorteile einer Umstellung auf Fernunterricht deren Nachteile erst bei einer gefährlichen oder sehr gefährlichen epidemiologischen Situation und nur auf Sekundarstufe I und II, wie es in einer Mitteilung des Bundes heisst.