Interview
BAG-Chefin: «Wir werden AstraZeneca einsetzen – es ist ein guter Impfstoff»

Anne Lévy, die Direktorin des Bundesamts für Gesundheit (BAG), will beim Testen und Impfen vorwärts machen. Angesichts stagnierender Fallzahlen warnt sie vor zu grosser Hoffnung. Mit der Impfung der Risikogruppen sei die Krise nicht vorbei.

Peter Blunschi, Maurice Thiriet/watson.ch
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Auswertung von Coronatests im Labor des Zürcher Triemlispitals.

Auswertung von Coronatests im Labor des Zürcher Triemlispitals.

Keystone

Bundesrat Alain Berset hat letzte Woche eine Testoffensive angekündigt. Ist das BAG darauf vorbereitet?

Anne Lévy: Die grosse Arbeit liegt bei den Kantonen. Sie sind neben dem Testen auch mit dem Impfen und dem Contact Tracing beschäftigt. Aber die Kantone sind wirklich interessiert daran, sie umzusetzen. Wir haben im letzten Herbst einen Spezialisten für das Testen angestellt, der den Kantonen bei der Umsetzung hilft, auch den beiden Vorreitern beim breiten Testen Graubünden und Baselland. Wir sind also vorbereitet.

Warum macht die Schweiz das erst jetzt? Länder wie Österreich haben schon früher auf Massentests gesetzt.

Wir fangen nicht erst jetzt an. Seit Januar ist es möglich, breit zu testen, in den Schulen, Unternehmen und an Orten, wo Ausbruchsherde entdeckt wurden. Zuvor standen noch zu wenige und zu wenig gute Tests zur Verfügung. Auch Selbsttests, die bei uns noch nicht auf dem Markt sind, wurden noch nirgends wirklich zugelassen.

Die 49-jährige Anne Lévy leitet seit dem 1. Oktober 2020 das Bundesamt für Gesundheit.

Die 49-jährige Anne Lévy leitet seit dem 1. Oktober 2020 das Bundesamt für Gesundheit.

Keystone

Sie werden aber schon verwendet.

Deutschland und Österreich setzen sie ein, aber sie sind noch nicht validiert. Sobald sie für gut befunden sind, kann man sie auch bei uns verwenden.

«Die Selbsttests sind aber nie so gut wie PCR-Tests und Schnelltests. Wir wollen sie fördern, aber sie sind für den diagnostischen Gebrauch nicht geeignet.»

Sie haben Vorbehalte gegen diese Selbsttests. Wo liegt das Problem?

Das Problem dieser Pandemie sind die asymptomatischen Personen. Wenn alle Infizierten Symptome hätten, würde sich das Virus nicht so schnell verbreiten, weil alle wissen, was in diesem Fall zu tun ist. Viele haben aber keine Symptome, vor allem Kinder und Jugendliche. Darum macht es Sinn, dass in den Schulen seit Januar breit getestet wird, bezahlt vom Bund. Nun kommen die Selbsttests hinzu. Die Selbsttests sind aber nie so gut wie PCR-Tests und Schnelltests. Wir wollen sie fördern, aber sie sind für den diagnostischen Gebrauch nicht geeignet. Dafür sind sie qualitativ noch zu schlecht.

Potenzielle Superspreader lassen sich mit den Selbsttests aber gut entdecken, und die tragen erheblich zur Weiterverbreitung des Virus bei.

Darum wollen wir sie einsetzen. Wir haben noch keine definitiven Resultate, aber die Sensitivität der Selbsttests ist nicht so gut wie bei den anderen Testarten. Das ist besonders bei den falsch negativen Ergebnissen ein Problem. Aber für asymptomatische Personen und potenzielle Superspreader sind Selbsttests sicher hilfreich.

Man könnte sie in einem kontrollierten Rahmen anwenden, am Arbeitsplatz oder in einer Apotheke, und mit einer Bescheinigung verbinden, die einen Restaurantbesuch und ähnliches ermöglicht.

Wir wollen in den Unternehmen auf PCR-Speicheltests und Schnelltests setzen, weil die Qualität besser ist. Ein solcher Nachweis wurde am Montag im Parlament gefordert. Wir finden das hilfreich, aber er ist mit dem Selbsttest nicht ganz einfach. Wer kontrolliert, ob man den Test wirklich selber gemacht hat? Bei Labortests hingegen erhält man schon heute ein SMS mit dem Resultat. Wir möchten das in ein fälschungssicheres System integrieren, aber da sind wir noch in der Entwicklung. Es gibt weltweit noch keine wirklich gute Lösung.

In Deutschland wird eine Integration in die Corona-App erwogen. Wäre das etwas für uns?

Bei unserer App ist der Datenschutz sehr wichtig. Das müsste rechtlich abgeklärt werden.

«Wir würden uns wünschen, dass 40 Prozent der Bevölkerung sich mindestens einmal pro Woche testen lassen. Das ist eine beachtliche Zahl.»

Mit der neuen Teststrategie werden grosse Hoffnungen verbunden. Sind Sie berechtigt?

Ja, darum bezahlt der Bund nun alle Tests. Es besteht jedoch die Gefahr, dass man sich in falscher Sicherheit wiegt. Ein Testresultat ist maximal 24 Stunden gültig. Man hat das beim Urner FDP-Ständerat Josef Dittli gesehen. Er wurde am Montag negativ und am Mittwoch positiv getestet. Es ist super, wenn man möglichst viele positive Fälle findet, aber diese müssen sich dann auch richtig verhalten: Eventuell einen «richtigen» Test machen, sich isolieren und beim Contact Tracing melden. Zusammen mit den nach wie vor gültigen Hygienevorschriften und dem Impfen wird uns dies Öffnungen erlauben.

Sie deuten es an: Eigentlich müsste man zwei Tests pro Woche machen, um sicher zu gehen.

Das sehen wir auch so, deshalb werden fünf Selbsttests pro Person und Monat abgegeben, sobald sie vorhanden sind. Den Unternehmen empfehlen wir, die Belegschaft mindestens einmal pro Woche testen zu lassen. Aber zweimal ist sicher besser, wie es das Parlament derzeit vormacht. Wir würden uns wünschen, dass 40 Prozent der Bevölkerung sich mindestens einmal pro Woche testen lassen. Das ist eine beachtliche Zahl.

Haben Sie eine Botschaft an die Parlamentarier, die sich nicht testen lassen wollen?

Es sind gar nicht so wenige. Ich habe eine Botschaft für alle Menschen in der Schweiz: Sie sollen weiterhin eine Maske tragen und die Hygienevorschriften einhalten. Aber die Tests sind sicher wichtig, sie werden helfen, die Pandemie in den Griff zu bekommen. Und sobald man sich impfen lassen kann, soll man dies tun. Wenn alle mitmachen, bin ich ziemlich zuversichtlich, dass es gut kommt.

Sie betonen bei den Selbsttests die Qualitätsanforderungen. In diesem Zusammenhang wurde von uns und anderen der Vorwurf erhoben, das BAG sei auf eine Nullrisiko-Mentalität fixiert. Was sagen Sie dazu?

Bei der Validierung der diagnostischen Tests waren wir eher offener als andere Länder. Während sie stets auf PCR-Tests gesetzt hatten, verwendeten wir schon früh Schnelltests. Wir waren also weniger streng. Im Rahmen der neuen Teststrategie sind wir auch bereit, weniger zuverlässige Tests zu validieren. Ausserdem wollen wir ermöglichen, diagnostische Tests ausserhalb von Labors zu machen. Dafür braucht es aber noch juristische Anpassungen.

«Es gibt weltweit Lieferschwierigkeiten. Die Hersteller waren etwas zu optimistisch bei der Planung ihrer Produktion.»

Sie haben die Impfungen erwähnt. Die Schweiz hat 5,3 Millionen Dosen bei AstraZeneca bestellt, aber zuletzt hiess es, man wolle sie gar nicht und prüfe den Weiterverkauf.

Das stimmt so nicht. Wir warten auf die Zulassung durch Swissmedic und würden uns freuen, wenn dies geschieht. Wir zählen nach wie vor darauf und hoffen, dass er in den nächsten Wochen zugelassen wird. Dann werden wir ihn auch einsetzen, es ist ein guter Impfstoff.

Wo harzt es? In Grossbritannien wird der AstraZeneca-Imfpstoff millionenfach verwendet, und Swissmedic wartet immer noch auf Daten aus den USA?

Das müssen Sie Swissmedic fragen. Es ist eine von uns unabhängige Behörde.

Das ist schon klar. Aber nochmals: Wenn die Zulassung kommt, werden sie den AstraZeneca-Impfstoff einsetzen?

Wir verlassen uns immer auf die Empfehlung der Eidgenössischen Kommission für Impffragen (Ekif), aber wird sind sehr zuversichtlich, dass der Impfstoff nach einer Zulassung rasch geliefert wird und wir ihn entsprechend einsetzen können.

Das wäre auch nötig. In den ersten zwei Monaten dieses Jahres haben die Kantone offenbar nur etwa zwei Drittel der versprochenen Impfdosen erhalten.

Es gibt weltweit Lieferschwierigkeiten. Die Hersteller waren etwas zu optimistisch bei der Planung ihrer Produktion. Wir haben aber Zusagen von Moderna und Pfizer/Biontech, dass sie die für das erste Quartal versprochenen Lieferungen einhalten können. In den letzten Tagen sind ziemlich viele Dosen in die Schweiz gekommen.

«Als wir mit der Evaluierung begonnen hatten, standen 25 Impfstoffe zur Auswahl. Wir haben uns unter anderem für die zwei entschieden, die nun im Einsatz sind.»

Andere Länder sind aber wesentlich schneller.

Das ist so, aus welchen Gründen auch immer, aber wir sind auf Kurs. In Kontinentaleuropa sind wir vorne dabei. Als wir mit der Evaluierung begonnen hatten, standen 25 Impfstoffe zur Auswahl. Wir haben uns unter anderem für die zwei entschieden, die nun im Einsatz sind. Da kann man uns ein gutes Zeugnis ausstellen. Das kann nicht jedes Land von sich behaupten.

Was ist mit dem Impfstoff von Johnson & Johnson? Die Zulassung steht kurz bevor, aber die Schweiz hat offenbar noch gar nichts bestellt. Läuft da etwas?

Wir geben keine Auskunft zu Verhandlungen. Ich kann also nichts dazu sagen.

Und zu Sputnik V, den die Russen der Schweiz angeblich angeboten haben?

Auch dazu geben wir keine Auskunft.

Schade. Aber Sie sind gewillt, möglichst rasch möglichst viel Impfstoff zu beschaffen?

Das ist so. Wir sind in Verhandlungen mit möglichen neuen und den bisherigen Lieferanten. Wir haben 33 Millionen Dosen reserviert und sind nach wie vor zuversichtlich, dass wir bis im Sommer alle durchimpfen können, die das wollen. Wenn die Lieferungen so kommen wie versprochen und die Kantone sie verimpfen können wie abgemacht, sollte es klappen.

Beim Testen und Impfen soll es also vorwärts gehen. Haben Sie eine Vorstellung, wann unter diesen Umständen eine Rückkehr zur Normalität möglich ist?

Das ist die Frage, die alle beantwortet haben wollen. Wenn ich das könnte, hätte ich hellseherische Fähigkeiten. Wir können das nach wie vor nicht, aber es sieht besser aus als auch schon. Gleichzeitig mache ich mir Sorgen. Die Fallzahlen stagnieren, im Ausland gehen sie wieder nach oben. Der Entscheid des Bundesrats war richtig und wichtig, erstmals in einer schwierigen Situation Öffnungsschritte zu machen, aber wir müssen aufpassen.

Die Hälfte der israelischen Bevölkerung ist durchgeimpft, aber die Fallzahlen bleiben hoch.

Die Hälfte der israelischen Bevölkerung ist durchgeimpft, aber die Fallzahlen bleiben hoch.

Keystone

Sie mahnen weiterhin zu Vorsicht.

Das Virus hält immer wieder Überraschungen bereit. Jetzt sind es die neuen Mutationen. Israel hat die Hälfte der Bevölkerung zweimal geimpft, aber die Zahlen kommen nicht so schnell herunter wie erwartet. Von der baldigen Durchimpfung der über 75-Jährigen und anderen Risikopersonen erhoffen wir uns eine Senkung der Anzahl Hospitalisationen und vor allem der Todesfälle. Aber wir müssen weiter beobachten, wie sich die Lage entwickelt.

Die Krise ist mit der Impfung der Risikogruppen nicht vorbei?

Das ist leider nicht der Fall. Das sehen wir in Israel.

Der Nationalrat hat Ihnen am Montag in gewisser Weise den Rücken gestärkt, indem er die Forderung nach schnellen Öffnungen abgelehnt hat.

Man kann sich unmöglich auf genaue Daten festlegen. Wir schauen seit einem Jahr darauf, was möglich und machbar ist. Eine gewisse Flexibilität beim Krisenmanagement ist notwendig, trotzdem glaube ich, dass wir auf einem guten Weg sind.

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