Schweiz

Im Zweifel für Lorenz Erni

Lorenz Erni.

Lorenz Erni.

Zum Zürcher Anwalt geht, wer in höchster Not ist. Warum aber vertritt Lorenz Erni nach Ex-Fifa-Chef Blatter auch Bundesanwalt Lauber?

Schreiben Medien über Lorenz Erni, 68, sind Superlative unvermeidlich. Er ist «der erfolgreichste Strafverteidiger der Schweiz» («Bilanz»), «der berühmteste Anwalt» («Weltwoche») und «der gefragteste Strafverteidiger» («NZZ»). Zu Beginn seiner Karriere übernahm Erni oft schlecht bezahlte Pflichtverteidigungen. Sein Engagement galt den Schwachen, in jungen Jahren trat er der SP bei.

Doch längst besteht seine Kundschaft aus vermögenden Persönlichkeiten, die sich an ihn wenden, wenn es ums Ganze geht. Aktuell lässt sich Ex-Raiffeisen-Chef Pierin Vincenz von Erni vertreten – in einem der schlagzeilenträchtigsten Wirtschaftsskandale, bei dem es möglicherweise im Herbst zur Anklage kommt. Für einen anderen Banker, Oskar Holenweger, erwirkte er einen Freispruch – eine der grössten Blamagen für die Bundesanwaltschaft. Auch Russen-Oligarchen Viktor Vekselberg und Ex-Swissair-Chef Philippe Bruggisser setzten auf Erni, ebenso – bisher nicht bekannt – eine Hauptfigur im brasilianischen Petrobras-Verfahren der Bundesanwaltschaft.

«Schnuppere frische Luft»

Vor vier Jahren wandte sich der damalige Fifa-Präsident Sepp Blatter an Erni. Als das Mandat noch nicht publik war, begegnete ihm diese Zeitung zufällig am Fifa-Hauptsitz – und fragte, ob er Blatters Verteidiger werde. Erni setzte sein Pokerface auf und sagte: «Ich schnuppere hier einfach frische Luft.»

Seine PR-Strategie in eigener Sache: Auffällig unauffällig sein Mit Journalisten redet Erni praktisch nie. Die mediale Aufmerksamkeit aber geniesse er durchaus, heisst es. Auffällig unauffällig sein: Die Prominenz seiner Mandanten sorgt dafür, dass er im Gespräch bleibt. Ihnen ist er oft auf privat verbunden. Mit Sepp Blatter trinkt er gern ein gutes Glas Wein und feierte mit ihm den 80. Geburtstag.

Jetzt auch der Anwalt von Lauber

Umso irritierender war die Meldung, dass Erni ausgerechnet Bundesanwalt Michael Lauber vertrete, der im Zusammenhang mit dem Fall Fifa ein möglicher Gegenspieler von Blatter ist. Eigentlich ein No-Go. Die Anwaltsaufsicht schaltete sich ein: Hat Erni gegen die Standesregeln verstossen? Das wird nun abgeklärt.

Blatter erfuhr vom Lauber-Mandat aus den Medien und war verstimmt, liess sich von seinem Umfeld aber nicht dazu bringen, die Zusammenarbeit mit Erni zu beenden. Zu gross ist die menschliche Nähe zu Erni – der ihm in den letzten vier Jahren keine Honorarrechnung stellte. Erni wiederum nahm den Konflikt in Kauf, weil ihm die Aussicht, niemand Geringeren als den Bundesanwalt zu vertreten, zu verlockend schien. In die Karten blicken lassen will er sich wie immer nicht.

Der Mann im Hintergrund

Erni arbeite oft im Hintergrund für grossen Firmen, vorgeschoben werden andere Anwälte. «Wenn es aber am Schluss um einen Vergleich geht, sitzt Erni plötzlich mit am Tisch», sagt ein Strafverfolger. So vertrat er etwa die Credit Suisse in einem Verfahren der Bundesanwaltschaft diskret im Hintergrund. Dabei traf er angeblich auch Bundesanwalt Lauber (diese Zeitung berichtete).

Ein ehemaliger Ermittler, der Ernis Methodik kennt, sagt: «Seine Strategie ist, ein Verfahren gar nicht erst starten zu lassen, er will nicht vor Gericht. Er zielt immer darauf, dass das Verfahren eingestellt wird.» Er lässt auch mal gezielt Informationen an die Medien durchsickern.

Formfehler sind sein Hebel

Die Strategie Ernis ähnelt, interessanterweise, der von Lauber. Der Bundesanwalt versucht, grosse Verfahren, die möglicherweise mit einer Niederlage enden könnten, mit Vergleichen zu beenden oder sie gar einzustellen. Lauber ist bekannt dafür, dass er unter Umgehung seiner Verfahrensleiter mit Verteidigern über Deals verhandelt. Erni hat Laubers direkte Nummer. Und zwar nicht erst, seit er den Bundesanwalt im Disziplinarverfahren der Aufsichtsbehörde vertritt.

Der Hebel, den Erni benutzt: «Er sucht nach Formfehlern und reitet darauf herum», sagt ein Ankläger. Strafverfolger verabscheuen diese Taktik. Sie haben lieber offensive und berechenbare Verteidiger. Erni ist das Gegenteil davon. Er liest seine Plädoyers vor Gericht vom Blatt ab. Mit monotoner Stimme. Aber oft durchschlagendem Erfolg.

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