Fachstelle für Schuldenfragen

Hilfesuchende stürmen die kantonale Schuldenberatungsstelle

Portemonnaie

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Im Aargau sind die Zahlen der Beratungsgespräche seit 2007 kontinuierlich gestiegen. Doch das Leistungsvolumen der Fachstelle ist längst erreicht und kann nicht einfach so vergrössert werden. Mit ausführlichen Anmeldeformularen und Gebühren versuchen sie sich vor dem Andrang zu schützen - und hoffen auf baldige Besserung.

Sandra Kohler

Die Arbeitslosenzahlen steigen. Vor den Türen der Sozialämter werden die Warteschlangen immer länger und auch die kantonalen Schuldenberatungsstellen haben viel Arbeit. Im Kanton Aargau hat sich Anzahl der Beratungen seit 2007 fast verdoppelt. 2007 beliefen sich die Kurzberatungen und Erstgespräche auf 191, 2008 waren es bereits 249 und letztes Jahr 365.

Dieses Jahr werden die Zahlen sicherlich noch höher sein. Doch das Leistungsvolumen der Aargauer Fachstelle ist mehr als ausgelastet. «Wir können unsere Kapazitäten aus finanziellen nicht einfach um das Dreifache erhöhen, selbst wenn Bedarf bestehen würde», sagt der Stellenleiter Jürg Gschwend.

Die ausführlichen Anmeldeunterlagen und Kosten von 100 Franken für die ersten fünf Beratungsgespräche schrecken viele Hilfesuchenden ab», sagt Gschwend. In anderen Kantonen sind die Beratungsgespräche kostenlos, so beispielsweise in Zürich, Bern oder Luzern.

Gschwend hofft sehr, dass das Angebot mittelfristig ausgebaut werden kann. Kurzfristig begegnet die Fachstelle dem Problem mit zwei Massnahmen: Die kostenlosen Informationsveranstaltungen werden vermehrt beworben (siehe Kasten) und andererseits wird voraussichtlich am 1. April die neue Webseite aufgeschaltet. Darauf sollen die Leute zahlreiche Informationen und hilfreiche Tipps zu Schuldenfragen finden.

Die Aargauer Fachstelle verfügt über sehr wenige Stellenprozente

In einer jüngst vom Dachverband Schuldenberatung Schweiz erhobenen Umfrage bezüglich Stellenprozenten pro 100 000 Einwohner taucht der Kanton Aargau mit seinen 30 Stellenprozent in der Tabelle weit hinten auf. Spitzenreiter ist der Kanton Neuenburg mit 333 Prozent, gefolgt von Basel-Stadt mit 161 Prozent.
Dank der Leistungsvereinbarung mit dem Kanton Aargau konnten die Wartezeiten für Beratungsgespräche immerhin von drei Monaten auf zwei Wochen verkürzt werden. Zudem kann mehr in die Prävention investiert werden. Ein sehr wichtiger Punkt. «Das Schuldenproblem muss möglichst früh angegangen werden», sagt Jürg Gschwend. Finanzielle Probleme belasten nämlich häufig auch das Familien- und Beziehungsleben der Betroffenen. Kurz: Schulden können krank machen. Die Fachstelle erhält  jährlich (von 2009 bis 2011) vom Kanton Aargau 200 000 Franken für ihre Arbeit im Rahmen des Pilotprojekts «Schuldenprävention».

Kurzfristig hält auch der Kanton Aargau keine Lösung bereit: «Das Pilotprojekt läuft noch bis 2011. Erst nach der Evaluation kann entschieden werden, ob und welche Massnahmen notwendig sind», sagt Balz Bruder, Leiter Kommunikation des Departement Gesundheit und Soziales (DGS).

«Wir können uns finanziell sehr lange über Wasser halten»

Das Schema der Personen, welche eine Beratung in Anspruch nehmen, hat sich während den letzten Jahren nicht gross verändert. Schweizer zwischen 30 und 50 Jahren nehmen das Angebot am meisten in Anspruch. «Wir leben in einer Kreditgesellschaft - wir können uns sehr lange finanziell über Wasser halten», sagt Gschwend und fügt hinzu: «Finanzielle Probleme treten erst bei einem negativen Ereignis wie beispielsweise Arbeitslosigkeit, Krankheit, Scheidung oder einer ungewollten Schwangerschaft auf.» Zudem würden heute viele bis 25 oder 30 von den Eltern finanziell unterstützt.

Wegen der Zunahme der Überschuldung von Privathaushalten anfangs der Neunziger Jahre des vorangehenden Jahrhunderts wurde nach einer Bedürfnisabklärung auf Initiative der Caritas, des Kantons und kirchlicher Kreise am 3.9.1996 der gemeinnützige Verein Fachstelle für Schuldenfragen Aargau gegründet.
Zu den Mitgliedern des Vereins zählen Einwohnergemeinden, kirchliche und soziale Institutionen sowie Firmen. Per Dezember 2009 zählt der Verein Fachstelle für Schuldenfragen Aargau 198 Mitglieder (davon 152 Gemeinden).

Finanzierung:

Die Stelle wird durch Betriebsbeiträge (Kanton, Landeskirchen und Caritas), Mitgliederbeiträge, Honorare (Schuldenberatung, Mandatsübernahme und Bildungsarbeit), Projektbeiträge sowie durch Spenden finanziert.

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