Die «Bilanz» nannte ihn einst «Das Phantom». Nicht zu unrecht. Denn über den Multimilliardär und Mäzen Hansjörg Wyss ist nicht viel bekannt. Er meidet die Öffentlichkeit, den erlauchten Zirkeln bleibt er lieber fern. Dennoch sorgt der 83-jährige Schweizer immer wieder für Schlagzeilen.

Mit einem an Halloween publizierten Gastbeitrag in der «New York Times» teilte der gebürtige Berner mit, dass er eine Milliarde seines Vermögens für die Umwelt spenden möchte. Wyss' Worte wirken dringlich. «Jeder von uns – Bürger, Philanthropen, Wirtschafts- und Regierungschefs – sollte sich über die enorme Kluft zwischen dem, wie wenig von unserer natürlichen Umwelt derzeit geschützt ist, und dem, was geschützt werden sollte, Sorgen machen», schreibt er.

Es ist nicht das erste Mal, das Wyss Geld für gute Zwecke ausgibt. Das Spenden zieht sich durch seine Biografie. Aufgewachsen in einer kleinen Dreizimmerwohnung im Berner Weissensteinquartier, brachte es Wyss zum Multimilliardär. Die Orthopädiefirma Synthes, in die er sich 1977 einkaufte, entpuppte sich als Goldgrube. 2012 verkaufte Wyss Synthes an den US-Pharmariesen Johnson & Johnson.

Wyss und die legendäre Grosszügigkeit

Zwei Jahre später unterzeichnete Wyss still und heimlich die von Bill Gates und Warren Buffet gegründete US-Kampagne «The giving Pledge». Damit verpflichtete Wyss sich, die Hälfte seines auf 5,7 Milliarden US-Dollar geschätzten Vermögens wohltätigen Zwecken zu spenden.

Viele haben seither von Wyss' legendärer Grosszügigkeit profitiert. Im Jahr 2014 überreichte er der ETH Zürich und der Universität Zürich 120 Millionen US-Dollar für ein gemeinsames Forschungszentrum. Im Oktober vergangenen Jahres kündigte Wyss an, dem Kunstmuesum Bern 20 Millionen Franken für einen Anbau schenken zu wollen. Auch in seiner Wahlheimat Amerika, wo er seit über 40 Jahren wohnt, spendet er immer wieder für Naturschutzprojekte. 

«Bescheiden einerseits, herrisch andererseits»

Wyss, der selbstlose, grosszügige, gutherzige Milliardär? Könnte man meinen. Wäre da nicht das Buch «Hansjörg Wyss – mein Bruder», verfasst von Wyss' Schwester Hedi. Die 2014 publizierte Mischung aus Kurzbiografie und facettenreichen Portrait bot erstmals Einblicke ins Privat- und Seelenleben des öffentlichkeitsscheuen Hansjörg Wyss. 

Als «Star mit einer ungewöhnlichen Persönlichkeit, (...) bescheiden einerseits (...), herrisch andererseits» beschreibt Hedi Wyss, Schwester, Journalistin und Schriftstellerin, ihren Bruder. In zahlreichen Gesprächen mit ihrem Bruder, Bekannten, Freunden und Verwandten versuchte Wyss, das Wesen des heute 83-Jährigen zu ergründen. Seinen kometenhaften Aufstieg konnte sich Wyss schon damals nicht ganz erklären.