Fred Karli, Rentner und Buchhalter der Autopartei, ist wütend. Und zwar so richtig. Auf die links-grünen «Verkehrsverhinderer» im Land – und insbesondere auf die beiden Vertreter der Gattung im Studio. «Die Verkehrsverhinderer da drüben, die wollen einfach nicht!», schrie er im «Arena»-Studio, die Stimme heiser vor Erregung, den Zeigefinger anklagend auf Bastien Girod (Grüne) und Jürg Grossen (GLP) gerichtet.

Karli ist wütend über die 24’000 Staustunden im Jahr, über die mickrigen Autobahnen im Land. «Eine Autobahn, die nicht drei Spuren hat, ist keine Autobahn!», rief er mehrfach und eindringlich in die Runde. Wenn Spanien es schaffe, dreispurige Autobahnen zu bauen, dann werde dies zwischen Egerkingen und Wangen an der Aare ja wohl möglich sein! Aber eben: Die Verkehrsverhinderer.

«Sie müssen nicht so hässig werden auf uns», gab Bastien Girod süffisant lächelnd zurück (und trieb Karli damit erst recht zur Weissglut). Das Problem sei ein logistisches: Der Verkehr von drei Spuren bleibe nicht auf der Autobahn, sondern komme anschliessend in die Städte, nach Zürich oder nach Bern. Und diese Städte seien nur einmal Nadelöhre, die sich nicht beliebig ausbauen liessen. Das Zauberwort heisse deshalb «Verkehrsmanagement».

Wer am Freitagabend die «Arena» verfolgte, der wurde Zeuge eines Kampfs der Kulturen. Da ist diese eine Schweiz, in der das Auto zur eigenen Identität gehört, für Freiheit und Unabhängigkeit steht. Und da ist die andere Schweiz, die sich nach verkehrsberuhigten Plätzen, sicheren Schulwegen und ruhigen Nächten sehnt. Dazwischen: Eine Kluft, so tief, dass der Röstigraben daneben geradezu lachhaft erscheint.

«Tempo 30 – Lärmschutz oder Schikane?», lautete die Ausgangsfrage der Sendung. Denn derzeit schrauben zahlreiche Städte und Kantone an ihren Tempolimiten, um die Lärmschutzverordnung des Bundes zu erfüllen. Nicht nur auf Quartiersträsschen, sondern auch auf zahlreichen Durchgangs- und Hauptstrassen wird die Maximalgeschwindigkeit auf 30 Stundenkilometer gedrosselt.

So auch im bernischen Frutigen, der Heimat von GLP-Chef Jürg Grossen. Betroffen ist die Kantonsstrasse, die mitten durchs Dorf führt. Grossen findet das gut. SVP-Nationalrat Ulrich Giezendanner weniger. «Ich rufe die Bevölkerung von Frutigen dazu auf, Widerstand zu leisten!», verkündete der Lastwagenunternehmer – und konnte sich dabei ein triumphierendes Grinsen nicht verkneifen.

Denn in seiner eigenen Gemeinde Rothrist haben die Bürger die Verkehrsverhinderer bereits zum Teufel gejagt. Just diese Woche musste der Gemeinderat sein Tempo-30-Projekt unter dem Druck einer Petition und zahlreicher Einsprachen beerdigen. Und auch in umliegenden Dörfern wehrten sich die Autofreunde erfolgreich. «Die Bevölkerung macht dieses Theater nicht mit», bilanzierte Giezendanner zufrieden.

Doch zurück nach Frutigen: 17 Sekunden länger daure es, das Dorf mit Tempo 30 statt mit Tempo 50 zu durchqueren, rechnete Grossen vor. Im Gegenzug würden die Nächte ruhiger und die Schulwege sicherer. In den letzten 70 Jahren hätten die Kinder den Schulweg auch ohne Tempo-30-Zone gemeistert, gab Giezendanner zurück.

Das kam dem Experten im Studio, dem Mobilitätsforscher Thomas Sauter-Servaes, offensichtlich in den falschen Hals. Ihm gehe es um die Kinder, die seit 70 Jahren über solche Wege laufen und dabei verletzt oder getötet werden, fuhr er den SVP-Politiker an. Ohnehin liessen seine Aussagen wenig Zweifel daran aufkommen, welcher der beiden Verkehrswelten er sich zugehörig fühlt.

«Wir werden uns anschauen müssen, ob wir weiterhin so viel Verkehr haben wollen. Ob Verkehr weiterhin so stattfinden muss, dass wir mit grossen, schweren Fahrzeugen mit dicken Pneus unterwegs sind», meinte Sauter-Servaes. Und spie die Sätze dabei in einer Geschwindigkeit heraus, dass es selbst dem Tempo-Fan Giezendanner schwindlig geworden sein dürfte.

Es folgte ein hitziger Schlagabtausch. Er wolle ja schon wissen, was dieser Doktor Sauter forsche, provozierte Giezendanner. Vielleicht sei es an der Zeit, sich einmal mit Autos zu befassen. Sauter rang sichtlich mit der Fassung, als der SVP-Mann seine Ausführungen zu Feinstaub und Lärmbelastung immer wieder anzweifelte.

500 Lärm-Tote pro Jahr?

Wenig überraschend fanden die beiden Lager denn auch in der Lärmfrage keinen gemeinsamen Nenner. Ein Vertreter der Lärmliga zitierte eine Studie, wonach pro Jahr rund 500 Menschen an den Folgen von Lärmbelastung sterben. Einer Studie, die der Bund in Auftrag gegeben habe, glaube er ohnehin nicht, meinte Giezendanner dazu lapidar.

Es war die Zürcher FDP-Regierungsrätin Carmen Walker Späh, die dann und wann einen Versuch unternahm, die Kluft zwischen den beiden Verkehrswelten zu überwinden. Die Schweiz sei ein Volk von Pendlern, erinnerte sie die Runde. Wenn die Strasse und die Schiene gleichermassen überlastet seien, bestehe die Kunst darin, am richtigen Ort die richtige Massnahme zu ergreifen.

Auch Jürg Grossen betonte, es brauche ein Konzept, das alle Verkehrsträger umfasse. Er selber sei sowohl Fussgänger als auch Velo- und Elektroautofahrer – und darum sicher kein Verkehrsverhinderer.