Rupperswil-Prozess
Gutachter halten Thomas N. für therapierbar – sonst sind ihre Differenzen jedoch gross

Die beiden psychiatrischen Gutachter sind sich einig: Thomas N. ist therapierbar. Doch ansonsten gibt es grosse Differenzen zwischen den Gutachten.

Andreas Maurer
Drucken
Teilen
Der Rupperswil-Prozess in Bildern
28 Bilder
Das Gericht: René Müller (SVP), Margrit Kaufmann (CVP), Schreiber Lukas Fischer, Präsident Daniel Aeschbach (SVP), Marianne Bitterli (SVP), Luca Cirigliano (SP).
Thomas N. spricht am ersten Prozesstag deutlich, verliert nie die Fassung.
«Ich bin pädophil», sagt N. vor Gericht.
Er wünsche sich eine Therapie, gab er zu Protokoll. Der Vierfachmörder von Rupperswil bekommt keine vollzugsbegleitende ambulante Massnahme.
Thomas N. (Mitte) verfolgt den Prozess neben seiner Anwältin.
Thomas N. vor Gericht.
Den Kopf hat er meist auf seine rechte Hand gestützt, mit Zeigfinger und Daumen hält er sich die Nasenwurzel.
Die Richter hören Gutachter Josef Sachs zu.
Staatsanwältin Barbara Loppacher (vorne).
Der Angeklagte Thomas N. und seine Pflichtverteidigerin Renate Senn am ersten Prozesstag.
Der Angeklagte Thomas N. und seine Pflichtverteidigerin Renate Senn am ersten Prozesstag.
Der geständige Thomas N. steht bis voraussichtlich Freitag vor Gericht.
Nicole Payllier, Sprecherin der Gerichte Aargau, begrüsst Opferanwalt Markus Leimbacher.
Tim Hemmi, ehemaliger FC-Aarau-Profi, beobachtet den Prozess als Jus-Student.
Roland Wenger, Sprecher des Fussballclubs Seetal Selection, einem Verbund der Juniorenteams des SC Seengen und de FC Sarmenstorf, wo Thomas N. als Trainer tätig war.
Ein Gerichtszeichner skizziert erste Szenen vor dem Gebäude.
Der Eingang ins Gebäude.
In den Räumen der Mobilen Polizei in Schafisheim findet der Prozess statt.
Aufmarsch der Kantonspolizei Aargau.
Zuschauerin Annina Sonnenwald.
Opferanwalt Leimbacher trifft ein.
...
Weitere Bilder aus Schafisheim.

Der Rupperswil-Prozess in Bildern

Sibylle Heusser/Keystone

Daniel Aeschbach (SVP), Präsident des Lenzburger Bezirksgerichts, stellt nicht nur typische Richterfragen. Manchmal fragt er wie ein Journalist. Von beiden Gutachtern will er im Rupperswil-Prozess dasselbe wissen: «Sie haben in Ihrer beruflichen Tätigkeit schon tausend Gutachten erstellt. Wo liegt der aktuelle Fall in Ihrem Ranking?»

Elmar Habermeyer, Direktor der Zürcher Klinik für Forensische Psychiatrie: «Er ist einer von zehn Fällen, auf die ich am Berufsende intensiv zurückblicken werde. Es ist ein komplexer Fall, erschreckend destruktiv.»

Josef Sachs, ehemaliger Leiter der forensischen Abteilung der Aargauer Klinik Königsfelden: «Ich hatte noch nie einen Fall dieses Schweregrades von einer Person, die vor der Tat nie straffällig in Erscheinung getreten war.»

Auch bei der wichtigsten Frage ihres Auftritts sind die beiden Gerichtspsychiater einer Meinung: Sie stufen den Beschuldigten Thomas N. als therapierbar ein. Eine Therapie sei nötig, da die Rückfallgefahr hoch sei. Sie sind sich zudem einig, dass er pädophil sei. Die sexuelle Orientierung an sich sei zwar nicht behandelbar, der Umgang damit aber sehr wohl. Ein Pädophiler könne lernen, mit seiner Neigung zu leben, ohne straffällig zu werden.

Da N. als therapierbar gilt, kommt die härteste Massnahme des Schweizer Strafrechts nicht infrage: eine lebenslängliche Verwahrung. Diese fordert Opferanwalt Markus Leimbacher. Einem Privatkläger wie ihm steht es jedoch nicht an, bei der Wahl der Massnahme mitzureden. Denn dabei handelt es sich nicht um eine Strafe. Wie Leimbacher in einer Verhandlungspause sagt, weiss er genau, dass er zu weit geht. Er mache das bewusst, um den Anliegen der Opferfamilien Gehör zu verschaffen: «Thomas N. darf nie mehr auf freien Fuss kommen.» Das Gericht könne trotz der Gutachten eine lebenslängliche Verwahrung anordnen, da die Aussagen der Psychiater vage seien, meint er.

Zwei Gutachter, zwei Diagnosen

Bei der für die lebenslängliche Verwahrung relevanten Frage sind sich die beiden Gutachter aber einig. In anderen Fragen haben sie allerdings tatsächlich Differenzen. Es beginnt bei der Einstufung der Intelligenz. Habermeyer misst bei N. einen IQ von 106 und spricht von einem «durchschnittlichen Leistungsvermögen». Sachs hingegen hält ihn für «überdurchschnittlich intelligent». Auch für die Therapiedauer verwenden sie andere Messgrössen. Habermeyer hält einen Zeitraum von «deutlich über fünf Jahren» für angebracht, während Sachs «nicht unter zehn Jahre» formuliert.

Der grösste Unterschied besteht bei der Diagnose der Störung. Die Psychiater sind sich zwar einig, dass N. eine Persönlichkeitsstörung hat und keine psychische Krankheit, die zu einer veränderten Realitätswahrnehmung führen würde wie eine Schizophrenie. Doch sie sind sich nicht einig, welche Form von Persönlichkeitsstörung vorliegt. Habermeyer diagnostiziert eine narzisstische, Sachs eine zwanghafte.

Habermeyer erklärt die narzisstische Persönlichkeitsstörung von N. mit einem Beispiel: «Besonders eindrücklich fand ich, als ich mit ihm darüber diskutiert habe, warum es für ihn so wichtig wäre, Medizin zu studieren. Es war weniger das Fach, sondern das Renommee, das ihn interessierte.»

Sachs erklärt, er sehe die Züge einer narzisstischen Persönlichkeitsstörung auch, er gewichte diese aber anders: «Ein Narzisst tritt als Blender auf, redet eloquent und sucht sich seine Bezugspersonen so aus, dass sie ihm nützlich sind.» N. hingegen habe Mühe, sich zu vernetzen. Drittpersonen würden über ihn berichten, er wirke kühl und könne einem nicht in die Augen schauen. Es gelinge ihm nicht, eine Sache vom Ende her zu denken.

Die Juristen werden ungeduldig. Welcher Psychiater hat nun recht? Habermeyer beginnt mitten im Mordprozess über Fussball zu sprechen: über die Verletzung von Stürmer-Star Neymar. Experten stritten sich, ob er einen Mittelfussbruch oder einen Haarriss habe: «Das zeigt, dass in der Medizin unterschiedliche Fallkonzepte ihre Berechtigung haben. Deshalb kann man nicht sagen, Herr Sachs habe nicht recht oder Herr Habermeyer habe recht.»

Aktuelle Nachrichten