Ungleiche Polit-Geschwister
Grünen-Ikone Jürgen Trittin will wieder ins deutsche Parlament, seine Schwester mischt die Schweizer Politik auf

Zwei Geschwister, zwei Länder, zwei Parteien: Jürgen Trittin ist einer der prägendsten Politiker Deutschlands – und möchte es mit 66 Jahren nochmals wissen. Seine Schwester Anke Trittin kandidiert in der Schweiz erstmals für ein Parlamentsmandat.

Sven Altermatt
Drucken
Teilen
Anke Trittin politisiert in der Schweiz für die Grünliberalen, Jürgen Trittin in Deutschland für die Grünen.

Anke Trittin politisiert in der Schweiz für die Grünliberalen, Jürgen Trittin in Deutschland für die Grünen.

Bilder: GLP Solothurn/Imago Images

Sie heissen Kennedy und Cas­tro, Clinton und Bush, Le Pen und Kirchner. Politik ist oft Familiensache: Brüder, Ehepaare oder Tochter und Vater haben öffentliche Ämter und Parteien fest im Griff. Auch Jürgen und Anke Trittin sind Geschwister, beide politische Menschen durch und durch, aber ihre Wege in diesem Metier verlaufen ganz unterschiedlich – und in anderen Ländern.

Jürgen Trittin wurde nach der Wiedervereinigung einer der prägendsten Politiker Deutschlands. Als linker Vordenker gestaltete er die Grünen während Jahrzehnten. Er sass an allen Schalthebeln der Partei, war ihr Chef, führte die Bundestagsfraktion und trat bei den Parlamentswahlen zweimal als Spitzenkandidat an. Einst bekennender Kommunist und Hausbesetzer, wandelte er sich vom «Staatsschreck zum Staatsmann» («Süddeutsche Zeitung»).

Von 1998 bis 2005, als die Grünen erstmals überhaupt an der Bundesregierung beteiligt waren, diente Trittin im Kabinett von SPD-Kanzler Gerhard Schröder als Umweltminister. Er war es, der den ersten Atomausstieg und die Förderung erneuerbarer Energien durchsetzte.

«Damit hat er die Republik stärker geprägt als alle anderen Grünen», schrieb der «Spiegel» einmal. Dass er unterdessen das Pensionsalter erreicht hat, hält den 66-Jährigen nicht davon ab, nochmals für den Bundestag zu kandidieren.

Seine Schwester machte derweil Karriere in der Schweiz. Hier übernahm sie leitende Posten im Gesundheitswesen, abseits von Schlagzeilen und Scheinwerferlicht.

Doch nun, in ihrem 60. Lebensjahr, strebt auch Anke Trittin erstmals nach einem politischen Amt: In Solothurn will sie Kantonsrätin werden – nicht für die Grünen freilich, sondern für die Grünliberalen.

Deutsche Grüne sind erstarkt

Zwei Geschwister, zwei Länder, zwei Parteien. Es ist eine geballte Ladung Trittin, die dieses Jahr auf die Wähler in der Schweiz und in Deutschland wartet. Die Kandidaturen der gebürtigen Bremer stehen dabei unter ungleichen Vorzeichen.

Wenn er im Alter von 66 noch einmal bei der Bundestagswahl antrete, bedürfe dies einer Erklärung, schrieb Jürgen Trittin unlängst in einem Brief, adressiert an die Grünen in seinem niedersächsischen Wahlkreis. Gleich mehrere aktuelle Ereignisse hätten dafür den Ausschlag gegeben, erklärte er: «die Coronakrise, die sich verschärfende Klimakrise und die fortschreitende Krise der internationalen Ordnung».

Die deutschen Grünen sind in Umfragen zeitweise zur stärksten Kraft aufgestiegen. Es ist ihr erklärtes Ziel, dieses Jahr wieder in die Regierung einzutreten. Veteran Trittin könnte laut Beobachtern gar noch mal Minister werden.

Die politische Heimat in der Schweiz gefunden

Anke Trittin indes entschied sich spät für eine Partei. Die studierte Biologin zog kurz nach der Jahrtausendwende in die Schweiz, inzwischen hat sie sich hier einbürgern lassen. Mit ihrem Mann, einem hiesigen Mathematiker, lebt sie im solothurnischen Günsberg. Nach Führungsfunktionen bei den beiden grossen Krankenkassenverbänden sitzt die Tarifexpertin nun in der Geschäftsleitung von Physioswiss, dem Verband der Physiotherapeuten.

Erst hierzulande fand sie, die in der Mitte der Links-Rechts-Achse zu verorten ist, ihre politische Heimat. Nur die GLP vereine die Attribute «grün» und «liberal» konsequent, findet Anke Trittin, sie stehe ebenso für eine intakte Umwelt wie für eine innovative, offene Wirtschaft. «Genau das hat mich von Anfang an angesprochen.» Anders als die grüne Partei setzen die Grünliberalen programmatisch etwa stark auf die Kräfte des freien Markts und stehen für eine re­striktivere Finanzpolitik ein.

Noch vor ihrer Einbürgerung trat Trittin den Grünliberalen bei, aus Überzeugung, wie sie betont. Seit sieben Jahren leistet sie Knochenarbeit in Parteigremien. Sie ist Mitglied des Solothurner Kantonalvorstands, ebenso leitet sie die nationale Arbeitsgruppe «Gesundheitspolitik» der GLP.

Dass sie und ihr Bruder nicht immer gleicher Meinung sind, will Trittin erst gar nicht verhehlen. Oft mache es das umso spannender, sagt sie. «Wir diskutieren gerne und intensiv über politische Themen, immer wieder auch darüber, was in den beiden Ländern gerade läuft.» Und natürlich, schiebt sie nach: «Manchmal kann es dabei auch ganz schön leidenschaftlich werden.»