Gleichstellung
An der Delegiertenversammlung sprachen zu 90 Prozent Männer: Jetzt planen die Grünen Redezeitquoten

Die Jungen Grünen halten der Mutterpartei den Gleichstellungsspiegel vor – und sprechen von einem «schockierenden Resultat»: An der vergangenen DV monopolisierten Männer etwa 90 Prozent der Redezeit. Grünen-Präsident Balthasar Glättli will Gegensteuer geben.

Kari Kälin
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Corona bestimmt die Form: Die DV der Grünen fand am vergangenen Samstag online statt.

Corona bestimmt die Form: Die DV der Grünen fand am vergangenen Samstag online statt.

Keystone

Ihre Bundeshausfraktion hat den höchsten Frauenanteil. Die Grünen zählten in ihrer Geschichte mehr Parteipräsidentinnen als die politische Konkurrenz. Und seit ihrer Gründung haben sie sich das Thema Gleichstellung auf die Fahne geschrieben. Kein Wunder, präsentieren sich die Grünen als Avantgarde der Gleichstellung. Und dann die Online-Delegiertenversammlung vom 23. Januar: Die Männer beanspruchten mehr als 90 Prozent der Redezeit, die nicht für Präsentationen oder Referate reserviert ist. Sie reden etwa zwei Stunden, für die Frauen bleiben magere 13 Minuten. Die Unausgewogenheit aufgedeckt haben die Jungen Grünen, die – ausgerüstet mit Stoppuhr und Excel-Tabelle – quasi eine Simultanauswertung vornahmen.

Julia Küng, Co-Präsidentin der Jungen Grünen.

Julia Küng, Co-Präsidentin der Jungen Grünen.

Keystone

Als Balthasar Glättli, Präsident der Mutterpartei, die Versammlung beenden wollte, unterbrach ihn Julia Küng und präsentierte das gleichstellungstechnisch suboptimale Redezeitscore. «Ich finde das Resultat schockierend», sagte die Co-Präsidentin der Jungen Grünen. Die Grünen seien eine feministische Partei. «Ich wünsche mir, dass wir intern eine ausgewogene Diskussionskultur leben, an der sich alle beteiligen und nicht nur einige wenige Männer, wie das heute der Fall war.» Küng («Destroy the patriarchy, not the planet») forderte die Parteileitung auf, sich Gedanken zu machen, um in Zukunft eine ausgewogenere Diskussionskultur sicherzustellen. Als Lösungsansätze schlug sie Redezeitbeschränkungen, Quoten und ein Monitoring vor.

Sie habe bis anhin nur positive Reaktionen erhalten auf ihre Intervention, sagt Küng von sehr vielen Nationalrätinnen, aber auch von der Geschäftsleitung. Und vor allem: Auch von Balthasar Glättli. «Du sprichst mir aus dem Herzen», entgegnete ihr der Präsident an der Online-Delegiertenversammlung. Schon während der DV habe die Geschäftsleitung im Chat das gleiche Problem identifiziert und sich gesagt, dass es so nicht weitergehen könne. Und: «Ich gehe davon aus, dass wir ein solches Monitoring standardmässig einsetzen werden.»

Frauen bringen sich stärker ein – Männer nehmen sich zurück

Die Grünen müssten nicht nur die Welt, sondern auch sich selber verbessern. Das Thema Redezeit steht auf der Traktandenliste der nächsten Geschäftsleitungssitzung. Gleichstellung, sagt Glättli, sei keine Selbstläuferin, dies gelte auch für eine Partei wie die Grünen, die Frauenförderung sehr ernstnehmen. Die Grünen werden überlegen, wie genau sie an Delegiertenversammlung ein Redezeitgleichgewicht herstellen wollen.

Bereits Erfahrung mit Quoten haben die Jungen Grünen gesammelt. Seit einem Jahr darf an ihren Mitgliederversammlungen nach einem Mann nur eine Frau ans Mikrofon treten, sonst ist die Debatte beendet. Küng sagt:

«Wir können trotzdem stundenlang diskutieren. Die Männer nehmen sich zurück, die Frauen bringen sich stärker ein.»

Das Monitoring sei nötig gewesen, die Werte davor unbefriedigend.

Seitenhieb des Mitte-Präsidenten

Das Gender-Monitoring ist keine Exklusivität der Jungen Grünen. Die Juso führt ein solches seit Jahren durch. Meistens sei die Redezeit ausgeglichen verteilt, sagt Präsidentin Ronja Jansen. Die Juso sind nicht gleich strikt wie die Jungen Grünen. Es darf dreimal hintereinander ein Mann oder eine Frau ein Votum abhalten – dann wird abgestimmt, ob die Debatte fortgesetzt wird oder nicht. Die Mutterpartei hat an ihrer DV vom Oktober 2017 in Olten beschlossen, fortan auf ein «Gender-Watch-Protokoll» zu setzen – als Teil des Manifests für eine «konsequent feministische Sozialdemokratie. Das Ergebnis wird in jedem DV-Protokoll vermerkt.

Die anderen Parteien sehen keine Notwendigkeit, eine geschlechtergerechte Redezeitverteilung mit Regeln zu garantieren. «Ich nehme die Debatten an den Delegiertenversammlungen als ausgewogen wahr», sagt GLP-Nationalrätin Kathrin Bertschy. Mitte-Präsident Gerhard Pfister kann sich einen kleinen Seitenhieb nicht verkneifen: «Bei uns reden die Männer nicht so lange wie bei den Grünen. Ohne Monitoring.»

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