Herr Couchepin, Ihre Partei, die FDP, konnte nach 36 Jahren erstmals wieder zulegen. Eine Genugtuung?
Pascal Couchepin: Dieser Erfolg freut mich sehr. Er hat sich aber bereits vor Monaten in einigen kantonalen Wahlen abgezeichnet. Meine Freude wäre aber noch grösser, hätten wir anstelle der SVP elf Sitze gewonnen und nicht nur drei.

Die BDP und vor allem die GLP wurden richtiggehend zurechtgestutzt. 2011 warnten Sie wegen dieser neuen kleinen Parteien vor der Zersplitterung der politischen Mitte und vor einer «Israelisierung» der Politik. Sind Sie erleichtert?
Die Abkehr von den kleinen Parteien hin zu den grossen ist gut für das Land. Denn sie bedeutet, dass die historischen Parteien nun wieder Wind in den Segeln haben.

Was erhoffen Sie sich davon?
Stabilität. Es gibt nun eine Konsolidierung der historischen Parteien, was den Dialog unter den politischen Kräften und die Suche nach Kompromissen erleichtert.

Am meisten zulegen konnte die SVP. Sie fällt jedoch vor allem mit Kompromisslosigkeit auf.
Das ist auch der Wermutstropfen. Bei der SVP verstehe ich nicht, was sie will. Ich verstehe nur, was sie nicht will.

Die FDP-nahe «NZZ» wertet die Wahlen als Korrektur. Das Parlament spiegle nun wieder die politische Haltung in der Bevölkerung wieder, schreibt sie. Teilen Sie diese Auffassung?
Ja, denn was die Wähler nun wollen, sind klare Richtungsentscheide. Etwa was die Sanierung der Sozialwerke betrifft oder die Klärung des Verhältnisses zur EU ohne Sistierung der bilateralen Verträge. Und bei der Energiewirtschaft einen realistischen Umbau des Energiesektors. Die Zeit zum Träumen ist vorbei.

Also weg von Schönwetterideen hin zu realistischeren Positionen?
Ja, aber in der Energiefrage zum Beispiel mit dem klaren Ziel einer Verbesserung für die Umwelt.

Ob die SVP das auch will?
Lösungen sind auf jeden Fall gefragt. Die Menschen werden erkennen, wenn eine oder zwei der grossen Parteien nicht mitmachen wollen bei der Suche nach Lösungen, sondern nun Machtpolitik betreiben. Und das ist eine Herausforderung für die SVP: Sie muss nun zeigen, dass sie auch interessiert ist an Lösungen. Ansonsten werden die Wähler sie bei den nächsten Wahlen abstrafen.

Aber ist es nicht gerade das Wesen eines Politikers, dass er nach Macht strebt?
Ich habe in meiner politischen Laufbahn Hunderte von Politikern kennen gelernt. Sie waren grossmehrheitlich an der Suche nach Lösungen interessiert und politisierten nicht nur aufgrund ihrer eigenen Ansprüche. Ich hoffe, das gilt auch für die Politiker der SVP.

Sie erhoffen sich also Milde von der erstarkten SVP?
Ich glaube, dass sie sich in zahlreichen Fragen spalten wird. Denn es ist eine Regel: Bei mehr Mitgliedern ist es schwieriger, eine gemeinsame Haltung zu fassen als bei weniger Leuten, die unter der Leitung eines Führers stehen.

Das müssen Sie erklären.
Ich nenne ein Beispiel: Die französischen Gewerkschaften haben viel weniger Mitglieder als ihre Schwesterorganisationen in der Schweiz, sind aber viel extremer in ihren Forderungen. Ähnlich ist es bei der SVP: Mit 60 Leuten im Nationalrat wird es schwieriger für sie, eine extreme Linie zu verfolgen, als wenn es 20 sind.

Wie erklären Sie sich eigentlich den deutlichen Wahlsieg der SVP?
In den letzten Monaten hat sie massiv von der Flüchtlingskrise und dem Zickzackkurs der deutschen Bundeskanzlerin Merkel profitiert. Man kann nicht zuerst das Land öffnen für die Flüchtlinge und dann zurückkrebsen und Grenzkontrollen einführen. Das war keine Politik, die Vertrauen schafft.

Lassen sich die Wähler in der Schweiz wirklich davon beeinflussen, was in Deutschland passiert?
Die Deutschschweizer Wähler auf jeden Fall. In der Westschweiz hat die SVP nur in den zweisprachigen Kantonen zugelegt, in den französischsprechenden nicht.

Soll die SVP nun einen zweiten Bundesratssitz erhalten?
Es gibt kein Gesetz dazu. Es gibt auch keine Verpflichtung. Man darf nicht vergessen, dass Eveline Widmer-Schlumpf SVP-Mitglied war, als sie gewählt wurde. Ein Bundesrat muss vor allem fähig sein, Teil des Kollegiums zu sein. Wir brauchen keine Parteisoldaten in der Regierung, sondern Leute, die gemeinsam nach Lösungen suchen und von Zeit zu Zeit im Interesse des Landes über ihren eigenen Schatten springen können.

Und Frau Widmer-Schlumpf? Soll sie im Bundesrat bleiben?
Dazu will ich nichts sagen. Nur so viel: Frau Widmer-Schlumpf hat mir Anfang Jahr gesagt, sie habe hinsichtlich ihres Verbleibs in der Regierung einen Entscheid gefällt. Ich sagte ihr damals, Sie solle ihren Entscheid nicht mit mir teilen. Genau wie Sie lasse ich mich überraschen, welchen Entscheid sie fällt.