Legislaturbeginn

Freisinnige übernehmen im Parlament das Ruder

Christa Markwalder (l.) übernimmt das Nationalratspräsidium, Raphaël Comte präsidiert den Ständerat.

Christa Markwalder (l.) übernimmt das Nationalratspräsidium, Raphaël Comte präsidiert den Ständerat.

Sie sind jung, freisinnig und erfolgreich: Christa Markwalder präsidiert 2016 den Nationalrat, Raphaël Comte übernimmt das Ständeratspräsidium. Beide politisieren gerne ausserhalb der Parteilinie.

Die Freiheitsliebende am Parteirand

Christa Markwalder 2015 war das bisher wohl schwierigste Jahr für die Berner Nationalrätin. Jetzt folgt die Krönung ihrer Karriere.

Christa Markwalder ist keine, die gern draufhaut. Die Berner FDP-Nationalrätin gilt als ruhige und sachliche Politikerin. Doch irgendwann wurde es ihr zu viel im vergangenen Mai. Seit Tagen dominierte sie die Schlagzeilen, die Lobbying-Affäre um einen heiklen Vorstoss gefährdete plötzlich ihr Amt. Dann ging Markwalder in die Offensive. «Wer wegen dieser Geschichte über mich richtet», liess sie verlauten, «wird meiner politischen Arbeit nicht gerecht.»

Mittlerweile mag Markwalder nicht mehr über die Affäre reden. Parteikollegen sagen, sie leide noch immer darunter. Tatsächlich hat ihr die Sache politisch kaum geschadet. Im Oktober wurde die Nationalrätin vom Berner Stimmvolk mit einem guten Resultat wiedergewählt. Heute Montag dürfte sie zur Präsidentin der grossen Kammer gekürt werden. Ihre Wahl ist unbestritten.

Es ist ein früher Triumph für Christa Markwalder. Die 40-Jährige hat bereits eine lange Karriere in der Politik hinter sich. Und bis im Sommer blieb diese ohne Nebengeräusche. Schon seit 2003 sitzt sie im Nationalrat. Daneben steht die Juristin im Dienst der Zurich-Versicherung. Sie ist geschieden und wohnt in Burgdorf. Weggefährten beschreiben Christa Markwalder als hartnäckige Schafferin. Sie vertilge Akten und verzichte dafür auch mal auf Schlaf. Ihre eigene Meinung könne sie aber problemlos zurückstellen, wenn es nötig ist. Das sagt SVP-Nationalrat Roland Rino Büchel. Der St. Galler politisiert mit Markwalder in der aussenpolitischen Kommission, deren Präsidentin sie war. «Sie leitete unsere Sitzungen ruhig, kompetent und strukturiert», sagt er. Deshalb sei Markwalder für ihn jetzt «die richtige Nationalratspräsidentin».

Kein Umbruch in der FDP

In der freisinnigen Fraktion gilt Markwalder als personifiziertes Gegenprogramm. Mit den klassischen Wirtschaftsvertretern, heisst es zumindest, hat sie wenig gemein. Für die Partei ist sie das Aushängeschild eines modernen Liberalismus, sie ist eine der letzten Vertreterinnen des gesellschaftsliberalen Flügels. Markwalder hält rechtsstaatliche Prinzipien hoch, kämpft für die freie Lebensgestaltung und auch für die Legalisierung von Cannabis. Wie zuvor etwa Christine Beerli oder René Rhinow wollte sie mit Reformideen für intellektuellen Nährstoff sorgen. Gelungen ist ihr das nur bedingt. Denn seit der Jahrtausendwende positioniert sich die FDP konsequent rechts von der Mitte.

In wirtschaftlichen Fragen politisiert Christa Markwalder dagegen stramm auf Parteilinie. Dass sie trotzdem oftmals als linksliberal bezeichnet wird, liegt vor allem an ihrer Affinität für Europa. Während acht Jahren präsidierte sie die Neue Europäische Bewegung. Ihre Partei hat den EU-Beitritt derweil aus dem Parteiprogramm gekippt.

Doch Markwalder versteht sich weiterhin als überzeugte Europäerin. Ihre Haltung wolle sie nicht verleugnen, betont sie gerne. Wohl auch deshalb ist ihre Position in der Fraktion nicht die stärkste. Der innere Machtzirkel der FDP blieb ihr trotz grosser Erfahrung bislang verwehrt. Stören dürfte das die freiheitsliebende Bernerin kaum.

Und obwohl ihr entsprechende Ambitionen nachgesagt werden: Ein Regierungsamt will Christa Markwalder nach eigenen Angaben nicht anstreben. «Ich bin Parlamentarierin mit Leib und Seele», liess sie sich jüngst zitieren. Damit bleibe in der Politik mehr Unabhängigkeit.

Der Fleissige, der Zarte, der Jüngste

Raphaël Comte Der Neuenburger Ständerat erobert ein Amt nach dem anderen. Doch sein Erfolgsrezept heisst nicht jugendliche Frische.

Im Nationalrat zuerst mit Bundesbern vertraut werden. Sich bis in die Kantonsregierung hocharbeiten und dann noch ein paar Jahre in der «Chambre de Réflexion» anhängen. So sah lange die übliche Karriere eines Ständerats aus. Das gilt nicht für Raphaël Comte: Der Neuenburger war 31 Jahre alt, als er in den Ständerat gewählt wurde. Er ersetzte dort Didier Burkhalter, der in den Bundesrat wechselte. Das war 2010.

Sechs Jahre später soll Comte nun die kleine Kammer präsidieren. Damit zählt er zu den drei jüngsten Ratspräsidenten seit der Gründung der modernen Schweiz. Eigentlich sollte der Glarner Pankraz Freitag das Präsidium übernehmen. Dieser verstarb jedoch überraschend im Herbst 2013. Wieder kommt Comte früh an die Reihe, wieder übernimmt er ein gewichtiges Erbe.

Zumindest an die Rolle des Benjamins hat sich Comte mittlerweile gewöhnen können. Schon mit 22 Jahren schaffte er den Sprung ins Kantonsparlament – als jüngster Politiker der Neuenburger Geschichte. Und nur drei Jahre später wurde er zusätzlich Präsident der kantonalen FDP.

Raphaël Comte, schlank, fast drahtig, ist also gerade mal 36, wird aber gern noch jünger geschätzt. Der Jurist ist der Typ, mit dem man sich schnell duzt. Bei politischen Auftritten lässt er sich auch mal im T-Shirt ablichten.

Doch allein mit seiner Jugendlichkeit lässt sich seine beispiellose Karriere nicht erklären. «Man darf mich nicht darauf beschränken», entgegnet Comte stets. In der Tat wird Comte von Parlamentariern nicht unbedingt mit jugendlicher Frische in Verbindung gebracht. Geht es um eine Charakterisierung, fallen Attribute wie fleissig oder besonnen. Er trinke kaum Alkohol oder Kaffee und esse kein Fleisch. Manche beschreiben ihn auch als glanzlos. Über sein Privatleben gibt der Mann aus Corcelles wenig preis. Und was er beruflich macht, wissen selbst Parteifreunde nicht genau. Comte bezeichnet sich als von Natur aus zurückhaltend. Seine politische Arbeit wolle er dem Dialog verschreiben, sagte er kürzlich der Nachrichtenagentur SDA.

Am linken Rand der FDP-Ständeräte

Dass er seinem Amt gewachsen ist, bestreitet im Bundeshaus kaum jemand. «Raphaël Comte ist ein gescheiter Kopf mit einer überlegten Art», sagt etwa der Aargauer GLP-Nationalrat Beat Flach. Und ein Ständeratskollege berichtet, der Neuenburger sei von Anfang an mit seiner Dossierfestigkeit aufgefallen. Die Gefahr sei einzig, dass er sich verzetteln könnte. Comte gilt als Generalist, er betreibt Umweltpolitik, profiliert sich mit staatspolitischen Fragen und sorgt sich um den nationalen Zusammenhalt. Fast schon gebetsmühlenartig verweist er auf humanistische Werte. Diese schafften ein «Gleichgewicht zwischen der Wirtschaft und dem Sozialen».

Die designierte Nationalratspräsidentin Christa Markwalder und Raphaël Comte verbindet nicht nur die Jugendlichkeit und die juristische Ausbildung. Beide politisieren auffällig oft ausserhalb der Parteilinie. So ist der Neuenburger in gesellschaftspolitischen Fragen progressiver als der freisinnige Durchschnitt, offener zeigt er sich auch bei der Energiewende. Nach dem Abgang der Aargauerin Christine Egerszegi dürfte er nun das linke Spektrum unter den FDP-Ständeräten abdecken. Comte habe ihren Rücktritt denn auch sehr bedauert, bestätigt Egerszegi. Schliesslich hat er damit eine wichtige Verbündete verloren.

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