Militärische Ehren auf dem Münsterplatz, später ein Besuch im Bundeshaus und am Abend das Staatsbankett: Der Bundesrat hat gestern in Bern den indischen Präsidenten Ram Nath Kovind empfangen. Bei den bilateralen Gesprächen war auch die angespannte Lage in Kaschmir ein Thema. Während einer Rede in der Wandelhalle lobte Kovind die indisch-schweizerischen Beziehungen, den automatischen Austausch von Finanzdaten - und auch den per Absichtserklärung bekundeten Willen, im Kampf gegen den Klimawandel enger zusammenzuarbeiten.

Das aus Schweizer Sicht wichtigste bilaterale Thema, den Freihandel, erwähnte Rovind derweil nicht explizit - anders als Bundespräsident Ueli Maurer, der betonte, auf einen baldigen Abschluss eines Abkommens zu hoffen. Schon seit 2008 verhandelt die Schweiz und die Efta-Staaten mit Indien über solches. Seither gab es 17 Verhandlungsrunden, zahlreiche Höflichkeitsbesuche - aber keinen Durchbruch. Zuletzt kündigte Johann Schneider-Ammann einen solchen im Januar 2018 am Rande des WEF in Davos an. Der damalige Wirtschaftsminister hatte sich dort mit dem indischen Premierminister Narendra Modi getroffen. Danach liess Schneider-Ammann verlauten, man habe vereinbart, noch in diesem Jahr abzuschliessen.

Grosses wirtschaftliches Potenzial

Passiert ist das aber bis heute nicht. Stattdessen, so das Staatssekretariat für Wirtschaft (Seco), waren die Gespräche aufgrund der indischen Wahlen in diesem Frühling gar längere Zeit unterbrochen. Zuletzt haben erste Kontakte im Hinblick auf eine Fortführung der Verhandlungen stattgefunden. Eine Prognose, bis wann ein Abschluss erfolgen könnte, mag man beim Bund aber nicht mehr abgeben.

Die indische Volkswirtschaft wächst seit Jahren rasant. Schon bald wird das Schwellenland China als das bevölkerungsreichste der Welt ablösen. Schweizer Unternehmen sehen grosses Potenzial im indischen Markt – so, wie das auch ihre ausländische Konkurrenz tut. Indien ist dank seiner Marktmacht ein begehrter Partner. Das Land weiss diesen Trumpf auszuspielen; es gilt als harter und zuweilen unberechenbarer Verhandlungspartner. Für Irritationen sorgte etwa, dass die nationalistische Regierung von Premierminister Narendra Modi 2017 die Investitionsschutzabkommen mit einer Reihe von Staaten, darunter der Schweiz, kündigte.

Schweizer Unternehmen haben im letzten Jahr – Gold und andere Edelmetalle nicht miteingerechnet - Waren im Wert von 1,7 Milliarden Franken nach Indien exportiert. Das sind zwar fünf Prozent mehr als 2017. Aber es sind 1,2 Milliarden weniger als noch 2011. Die Schweizer Exporte nach Indien befinden sich derzeit auf einem ähnlichen Niveau wie bereits 2006. Und das trotz des rasanten Wachstums in Indien in dieser Zeit. Die Exporte nach China, mit dem die Schweiz seit 2014 ein Freihandelsabkommen hat, haben sich im selben Zeitraum mehr als verdreifacht.

Pharmafirmen fürchten um ihre Patente

Für Jan Atteslander von Economiesuisse ist klar: «Das Potenzial im Handel mit Indien ist noch lange nicht ausgeschöpft – und ein Freihandelsabkommen sehr wichtig für die Schweizer Exportwirtschaft.» Atteslander, Leiter Aussenwirtschaft beim Wirtschaftsdachverband, bezeichnet die Freihandelsverhandlungen mit Indien als «eine der grössten Baustellen der Schweizer Aussenwirtschaftspolitik», gleich nach dem Rahmenabkommen mit der EU und den Freihandelsgesprächen mit den USA.

Indien ist eines der Länder, das noch fehlt im Schweizer Freihandelsnetz. Und das, obwohl wichtige Exportbranchen wie die Pharma- oder die Maschinenindustrie betonen, dass ein schneller Abschluss von Vorteil wäre. Das würde hiesigen Firmen, die heute schon der elftwichtigste Direktinvestor in Indien sind, einen Vorsprung auf die Konkurrenz aus der Europäischen Union oder den USA verschaffen.

Laut dem Staatssekretariat für Wirtschaft sind verschiedene Fragen noch offen, etwa beim Marktzugang von Waren, bei den Ursprungsregeln oder beim Schutz des geistigen Eigentums. Es ist ein offenes Geheimnis, dass der Knackpunkt dort liegt. Es geht dabei um die Frage, inwiefern Indien Schweizer Patente anerkennt.

Das Thema ist gerade für die Pharmaunternehmen wichtig. Marcel Sennhauser, stellvertretender Direktor beim Wirtschaftsverband Scienceindustries, verweist auf die hohen Investitionskosten zur Erforschung neuer Medikamente. «Wir brauchen die Anerkennung unserer Patente als Garantie, dass wir auch in Zukunft in die Forschung innovativer Medikamente investieren können», sagt er. Ohne diese Anerkennung, so die Befürchtung, könnte die indische Regierung Zwangslizenzen an die eigene Pharmaindustrie erteilen – und sich die Forschungsresultate der Schweizer Pharmafirmen zueigen machen. Sennhauser sagt deshalb, ein Freihandelsabkommen mit Indien sei zwar wünschenswert – «aber nicht um jeden Preis».