Kaum ein Pflegeheim gleicht dem anderen: Je nach Kanton, gar je nach Betrieb unterscheidet sich die Qualität von Betreuung und Pflege. Der Kanton Freiburg hat schon vor Jahrzehnten neue Massstäbe gesetzt, als Ärzte und Apotheker in Qualitätszirkeln begannen, die Medikation von Patienten gemeinsam zu verbessern. Das Ziel dieser Zirkel: Apotheker informieren Ärzte über Innovationen und neue Erkenntnisse bei gängigen Therapien.

Ärzte können dank mehr Wissen die besseren Medikamente verschreiben. Gerade ältere Patienten in Heimen, die im Schnitt neun verschiedene Medikamente parallel einnehmen, profitieren von einer engen pharmazeutischen Betreuung. Denn Medikamente können zu unerwünschten Wirkungen führen. Zudem geht die Funktion von Leber und Nieren bei älteren Menschen zurück. Sie können Medikamente nicht mehr gut abbauen.

2002 haben die Heime in Freiburg das System optimiert, haben mit den Versicherern einen Vertrag abgeschlossen, der nicht nur eine pharmazeutische Betreuung in jedem Heim vorsieht, sondern auch Pauschalen, um die Medikamentenkosten in den Heimen zu vergüten. Die Zahlen der Vereinigung der Freiburgischen Alterseinrichtung (VFA) zeigen, dass die Kosten dank den Pauschalen und der besseren Betreuung zwischen 2001 und 2016 um 30 Prozent gesunken sind. Auch im nationalen Vergleich sticht Freiburg als positives Beispiel hervor: Pro Patient wird in den Pflegheimen eine Tagespauschale von von Fr. 5.50 Franken für Medikamente verrechnet. Schweizweit liegt der Durchschnitt bei Fr. 8.55 Franken.

Vorteil: Rabatte und Generika

Die Freiburger nutzen zwei Vorteile zu ihren Gunsten. Einerseits kaufen die Heime grössere Mengen von Medikamenten gemeinsam ein und können so von Rabatten bis zu 40 Prozent profitieren. Andererseits bieten die Pauschalen den Heimen einen Anreiz, bei den Medikamenten zu sparen. So haben die Apotheker den Auftrag, neben einer sicheren Abgabe von Medikamenten auch dafür zu sorgen, dass Originalpräparate mit gleichwertigen Generika ausgetauscht werden. Letztere sind deutlich günstiger.

Das System funktioniert solidarisch: Die Heime verfügen über einen gemeinsamen Finanzierungs-Topf, der von Heimen mit «günstigen» Patienten gespeist wird. Das sind Patienten, welche die Pauschale nicht voll ausschöpfen. Hat ein Heim einen Ertragsüberschuss, muss es 60 Prozent davon in den Topf geben. Profitieren können hingegen Heime, die Patienten beherbergen, die sehr teure Medikamente brauchen – etwa bei Krebs.

Das Modell steht kurz vor dem Aus

Verschiedene Experten stellten diesem Modell schon vor Jahren in Fachzeitschriften Bestnoten aus. So empfahl etwa der Lausanner Pharmazie-Professor Olivier Bugnon, das Modell auf andere Bereiche auszuweiten – und nicht nur bei betagten Menschen anzuwenden. Auch der Versicherungsverband Santésuisse, welcher das Modell mit den Heimen ausgehandelt hatte, war lange davon überzeugt. Zuspruch findet das Modell auch bei den Leistungserbringern. Marcel Mesnil vom Apothekerverband Pharmasuisse, der sich eingehend mit der Thematik auseinandergesetzt hat, spricht von einem «Erfolgsmodell».

Trotzdem steht das Freiburger System kurz vor dem Aus. Der Grund ist ein Gesetz, das Anfang Jahr angepasst wurde: der Risikoausgleich. Mit diesem will das Parlament die Jagd nach gesunden Versicherten («guten Risiken») unterbinden, indem es die Krankenkassen zu einer Ausgleichszahlung verpflichtet: Wer viele alte und kranke Patienten versichert, erhält einen Zustupf. Wer mehr Junge hat, muss zahlen. Um die Ausgleichszahlungen zu bestimmen, benötigen die Versicherer die Detaildaten über die Medikation eines jeden Patienten.

Das Problem: Die Freiburger Heime tun sich schwer damit, die Daten aller Bewohner offenzulegen. Vorrangig scheitere es an der technischen Umsetzung, heisst es. Klar ist aber auch, dass es das Solidaritätsprinzip zwischen den Heimen gefährdet, wenn jeder genau weiss, wie der andere wirtschaftet.

Das effiziente System der Medikamentenpauschalen kann also kaum aufrechterhalten werden: Die Versicherer fordern Transparenz. Es sei beispielsweise unklar, wie hoch die Rabatte beim Medikamentenkauf ausfallen, ob die Pauschalen also berechtigt sind. Zudem würden Patienten, die sehr teure Medikamente benötigen, separat verrechnet, sagt Sandra Kobelt, Kommunikationschefin von Santésuisse.

Um das Modell zu retten, hat sich unlängst auch die Kantonsregierung eingeschaltet. Ganz gestorben ist es zwar noch nicht. Das zeigt alleine schon die Fristverlängerung, welche den Heimen gewährt wurde. Das System wird trotz Risikoausgleich derzeit noch fortgeführt. Finden die Heime nicht bald eine Lösung, so ist das Vorzeigemodell Geschichte. Und es wird erwartet, dass die Medikamentenkosten in Freiburg wieder steigen.