Frisch gewählt

«Forza Marco»: Der neue SVP-Präsident soll Milliardäre und Bergbauern zusammenbringen

Marco Chiesa, der frisch gewählte SVP-Präsident, steht in der Partei für einen Neuaufbruch nach vielen herben Niederlagen.

Ueli Maurer ist eine Instanz in der SVP. Und das nicht, weil er der amtsälteste Bundesrat ist. Sondern vielmehr, weil er die Partei zwölf Jahre lang führte. Er «chrampfte», war jeden Abend unterwegs und gründete zwischen 1996 und 2008 zwölf neue Kantonalparteien sowie 600 lokale Sektionen. Maurer machte die SVP damit zu einer Bewegung. Also das, wonach heute alle Parteien streben.

Und so lernte er auch Marco Chiesa kennen. «Ich habe ihn mit entdeckt», sagte Ueli Maurer am Rande der Delegiertenversammlung der SVP in Brugg. Chiesa sei ihm schon vor 15 Jahren aufgefallen, als dieser noch kein politisches Mandat innehatte. Denn der Tessiner habe ein gutes Gefühl für die Menschen und die Parteibasis, habe Charme und sei hartnäckig in den wichtigen Themen, so Maurer. Und weil man eine Partei eben nicht wie ein Unternehmen führen könne, sondern vor allem motivieren müsse, sei Chiesa der ideale Präsident. Er habe die Fähigkeit, Milliardäre und Bergbauern zusammenzubringen. In der SVP keine unwesentliche Eigenschaft.

«Glücksfall Chiesa» macht die Delegierten happy

Was Maurer sagt, sagen am Samstag in Brugg viele über Chiesa. «Ich bin happy», so der Solothurner Nationalrat Walter Wobmann. Sein Ratskollege Mike Egger (SG) lobt Chiesas Authentizität: «Er wird sich treu bleiben und die Leute begeistern.» Und Caspar Baader, der einstige Fraktionschef und Präsident der Findungskommission, hält fest: «Chiesa ist ein Glücksfall.» Er könne helfen, die SVP in der Romandie zu stärken, denn Chiesa spreche perfekt französisch. Chiesa soll die Partei auch verjüngen. Und natürlich sei er Garant dafür, dass die Ablehnung des Rahmenabkommens zu oberst auf der Agenda der Partei bleibe. Vor allem aber: Chiesa ist Tessiner. «Wer könnte den Kampf für die Unabhängigkeit besser verkörpern? Als Tessiner kennt er die Probleme mit der Zuwanderung», sagt Egger.

Marco Chiesa, 45-Jährig, Tessiner Ständerat und einstiger Leiter eines Altersheims, war der einzige Kandidat für das Amt des SVP-Präsidenten. Der Zürcher Nationalrat Alfred Heer zog sich kurz vor der Wahl zurück, zuvor schwieg er wochenlang. Für die meisten Delegierten war die kuriose Geschichte um Heer nur eine Randnotiz. Einzelne Votanten, wie die Aargauer Grossrätin Nicole Müller-Boder kritisierten aber den Einervorschlag der Findungskommission; monierten, dass Alfred Heer und Andreas Glarner den Delegierten nicht vorgeschlagen wurden, obschon sich beide offiziell um das Amt beworben hatten. 

Müller-Boder enthielt sich ebenso der Stimme wie die St.Galler Kantonsrätin Carmen Russ, die kritisierte: «Wählen ist dafür nicht das richtige Wort.» Doch das spielte keine Rolle. Ausgezählt wurde nicht, Chiesa mit Standing Ovations gewählt. Die Partei, die bei den letzten Wahlen beim Wähleranteil 3,8 Prozentpunkte verlor und bei Abstimmungen seit dem Ja zur Masseneinwanderungs-Initiative Niederlage an Niederlage reihte, sehnt sich nach einem Neuanfang. «Forza Marco», heisst die neue Formel.

Wie Rösti seinen Nachfolger schützt

Und Marco Chiesa wurde den Erwartungen gerecht. In drei Sprachen sagte er das, was die Parteibasis hören wollte. Unabhängigkeit und Selbstbestimmung seien die Leitprinzipien der Partei. Und nein, nein, mit ihm werde die Partei nicht grüner und sozialer, wie aufgrund seines politischen Profils im Vorfeld gemutmasst wurde: «Wir werden unsere Werte nicht ändern, nur um netter dazustehen.» Er warb für die Begrenzungs-Initiative. «Schaut euch nur das Tessin an: Lohndumping, Arbeitslosigkeit, Verdrängung der einheimischen Arbeitnehmer durch billige Arbeitskräfte aus der EU.» Das Tessin sei keine Pufferzone, sondern der «Vorbote für das, was bald in der ganzen Schweiz traurige Realität sein wird».

Albert Rösti spricht an der Delegiertenversammlung der SVP Schweiz.

Albert Rösti spricht an der Delegiertenversammlung der SVP Schweiz.

Der abtretende Präsident Alber Rösti merkte lakonisch an: «Man kann gut arbeiten, aber man muss Tore schiessen.» Sein Rücktritt hatte mit dem schlechten Abschneiden bei den eidgenössischen Wahlen im Oktober 2019 zu tun. «Marco, du wirst Tore schiessen», meinte Rösti, «das erste Mal am 27. September.» Dann stimmt die Schweiz über die SVP-Initiative zur Kündigung der Personenfreizügigkeit ab. Ganz sicher scheint sich Rösti aber nicht zu sein: «Messen Sie Marco Chiesa nicht am Resultat vom 27.9., messen Sie mich noch daran.» So als wolle er seinen Nachfolger schützen. Doch der neue Präsident hat keine Angst vor einem Nein: «Es geht doch nicht um die Partei, es geht um viel mehr. Dieser Kampf betrifft alle, denen die Schweiz am Herzen liegt.» Es lebe die SVP, es lebe die Schweiz, schliesst Chiesa. Der Präsident ist neu, die Parolen bleiben gleich.

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