Goldener Herbst
Fallende Preise für Übernachtungen: Schweizer Hoteliers handeln sich neue Krise ein

Erstmals seit Jahren zahlen Hotelgäste in der Schweiz nicht mehr höhere Preise als in Österreich und in Südtirol. Die Hoteliers handeln sich eine neuerliche Krise ein.

Niklaus Vontobel
Drucken
Teilen
Der Oktober hat sich in den letzten Jahren zum idealen Monat für Ausflüge entwickelt – hier der «Lac Bleu» in der Nähe von Arolla, im Wallis.

Der Oktober hat sich in den letzten Jahren zum idealen Monat für Ausflüge entwickelt – hier der «Lac Bleu» in der Nähe von Arolla, im Wallis.

ANTHONY ANEX/KEYSTONE

Der Bündner Hotelier lebt in immer währender Konkurrenz mit seinen ausländischen Kollegen. Südtirol und Österreich sind nah, man fischt im selben Teich – Süddeutschland, Ostschweiz, Zürich und umliegende Kantone. Nun hat man die Konkurrenten endlich eingeholt. «Wir haben bei den Übernachtungspreisen wieder gleichgezogen mit Österreich und Südtirol», sagt Andreas Züllig, Präsident des Branchenverbandes Hotelleriesuisse.

Das zeigt sich anhand von Beispielen auf Online-Buchungsplattformen. Mitte Oktober kostete in Zülligs eigenem Hotel, dem «Schweizerhof» auf der Lenzerheide, die Übernachtung für zwei Personen genau 270 Franken. In einem vergleichbaren Südtiroler Hotel, dem «Vigilius», hingegen 322 Franken, im Vorarlberger «Löwen» schon 336 Franken, geht man von einem Frankenkurs von 1.15 aus.

Andreas Züllig, Hotelier und Präsident des Branchenverbandes «Hotelleriesuisse» «Die Preissenkungen sind auf Dauer nicht zu verkraften. Irgendwann fehlen die Mittel, um wieder ins eigene Hotel zu investieren.»

Andreas Züllig, Hotelier und Präsident des Branchenverbandes «Hotelleriesuisse» «Die Preissenkungen sind auf Dauer nicht zu verkraften. Irgendwann fehlen die Mittel, um wieder ins eigene Hotel zu investieren.»

zvg

Die Erleichterung in der Berghotellerie ist gross. «Hotels: die Schweiz ist nicht mehr teuer», titelte die «Hotel Revue». Das Branchenmagazin stützt sich ebenfalls auf Online-Preisvergleiche. Im «Belvédère» in Scuol GR etwa zahlt ein Gast für die Nacht 185 Franken; im vergleichbaren «Lindenhof» in Südtirol dagegen 227 Franken für die Nacht und ähnliche Extras.

Nicht ohne Fitnessprogramm

Die Preissenkungen werden durch das Bundesamt für Statistik bestätigt. Laut Landesindex für Konsumentenpreise geht es seit sechs Jahren abwärts, besonders steil nach der Aufhebung des Mindestkurses. Im September 2017 standen die Hotelpreise um 7 Prozent unter dem Niveau von 2009 (siehe Chart). Das brachte die Schweizer Hotellerie dieses Jahr in Schlagweite zur ausländischen Konkurrenz, auch weil der Franken sich zum Euro deutlich abschwächte.

Es brauchte jedoch die gütige Mithilfe der ausländischen Hoteliers, damit die Schweizer Berghotels wieder vollends preislich konkurrenzfähig wurden. Die Hoteliers in Österreich und Südtirol nutzten die Schwäche ihrer schweizerischen Kollegen aus, um die eigenen Preise eifrig in die Höhe zu drücken. Der Zustrom an Gästen, die einst die Schweiz bevorzugten, ermöglichte kräftige Erhöhungen der Zimmerpreise, wie Bündner Hoteliers beobachtet haben.

In der Schweiz waren die Preissenkungen nur mit einem grossen Effort zu erreichen. «Wir mussten ein eigentliches Fitnessprogramm durchlaufen», sagt Züllig. Konkurrenten kauften nun gemeinsam Strom ein und bekamen so bessere Konditionen. Wärmepumpen ermöglichten zusätzliche Ersparnisse. Software wurde angeschafft, damit Mitarbeiter nicht mehr untätig auf den nächsten Einsatz warten.

Das Fitnessprogramm hat gewirkt, dennoch ist den Hoteliers nur bedingt zum Feiern zumute. Kostensenkungen alleine reichten nicht aus, um die Preise nach unten zu kriegen. «Die Margen haben in der Berghotellerie abgenommen, und damit die Nettoeinnahmen», sagt Züllig. Mit anderen Worten: Die Branche bezahlt bislang mit einer Margenkrise dafür, dass die Gäste sich freuen dürfen über tiefere Preise in Schweizer Hotels.

Die Kunst des Durchwurstelns

Die Folgen werden sich schleichend zeigen, sollte die Margen-Krise andauern. «Die Preissenkungen sind auf Dauer nicht zu verkraften», sagt Züllig. «Irgendwann fehlen die Mittel, um wieder ins eigene Hotel investieren zu können.» Bereits warnen Stimmen aus der Branche, viele Betriebe könnten langfristig verlottern. Es würden zwar nicht mehr aufgeben, als es heute tun, nämlich jedes Jahr ein Prozent aller Hotels. Aber mehr Betriebe würden sich nur noch durchwursteln, ihre Einrichtungen würden immer weiter hinter die Gästeansprüche zurückfallen.

Weitere Kostensenkungen wären schwierig zu erreichen, gerade für die Hotellerie. Die Industrie zum Beispiel kann den starken Franken wenigstens dazu nutzen, sich im Ausland günstig mit Vorleistungen einzudecken, die Hotellerie nicht. Züllig sagt: «In unserer Branche sind vor allem die Ausgaben für die Mitarbeiter wichtig und für Lebensmittel. An beiden Kostenblöcken gibt es kaum etwas zu rütteln.»

Insbesondere bei den Mitarbeitern lässt sich nicht sparen – das zeigte sich gerade in dieser Krise der Berghotellerie einmal mehr. Die Branche schwächelte, sie verlor mancherorts massiv an Logiernächten, die Nettoeinnahmen schwanden ihr bedenklich dahin – und dennoch gaben die Löhne in der Branche nicht nach. «Im Gegenteil, sie stiegen sogar eher an, weil es mittlerweile in der ganzen Schweiz an Fachkräften mangelt», berichtet Züllig.

Die Branche steht nun vor der Frage, wie sie ihre Gäste über die neue Ausgangslage informiert. Allzu offensiv will sie nicht an die Öffentlichkeit gehen. Hotelpreise kann man nicht kategorisch versprechen, sie schwanken nach wie vor – nach Saison, Zimmertyp oder Zusatzleistung. Im österreichischen Ischgl zum Beispiel sind im Sommer jeweils die meisten Betriebe zu, die wenigen offenen bieten sehr tiefe Preise. Züllig sagt deshalb: «Ein Preisvergleich ist in der Hotellerie immer nur eine Momentaufnahme.»

Andere Vertreter in der Bündner Hotellerie vertrauen auf die neuen Buchungsplattformen. Ohnehin gehe ein Hotelier heute «nackt» umher, heisst es. Die Preise seien jederzeit einsehbar, und die Kunden würden deshalb den preislichen Gleichstand selber bemerken. Die Zuversicht ist mancherorts bereits wieder gross. So soll die neue Ausgangslage es ermöglichen, von den ewigen Konkurrenten in Südtirol und Österreich wieder ein gutes Stück der verlorenen Marktanteile zurückzuholen. Nun darf nur der Franken nicht wieder erstarken.

Aktuelle Nachrichten