Armut

Essen vom Hilfswerk und Gebete für den Bundesrat – so geht es einem Arbeitslosen in der Coronakrise

Raman Mahendran hat von der Heilsarmee einen Papiersack mit Essen bekommen. Er sagt: «Ich habe nicht einmal ein Zwanzigernötli im Sack.»

Raman Mahendran hat von der Heilsarmee einen Papiersack mit Essen bekommen. Er sagt: «Ich habe nicht einmal ein Zwanzigernötli im Sack.»

Die Armut nimmt wegen der Krise zu. Hilfswerke verteilen Essen. Eine Begegnung mit einem Betroffenen.

Raman Mahendran kommt mit einem Papiersack aus dem Gebäude der Heilsarmee. Dem 61-Jährigen sieht man in seinem Anzug, dem rosa Hemd und der dazu passenden Krawatte nicht an, dass er auf Hilfe angewiesen ist. Für jeden, der ihm begegnet, hat er ein freundliches «Grüezi» parat.

Mahendran, der einst vor dem Bürgerkrieg in Sri Lanka in die Schweiz geflohen ist, hat die Stelle seines Lebens bei Stadler Rail in Bussnang TG aus gesundheitlichen Gründen aufgeben müssen. Elf Jahre hat er dort Zugwaggons geputzt und isoliert. Seither hält er sich mit Gelegenheitsjobs über Wasser. Zusammen mit dem Einkommen seiner Frau, die im Restaurant eines Grossverteilers arbeitet, reicht es normalerweise gerade so zum Leben.

Rechnungen werden zur Herausforderung

Die Coronakrise reisst nun ein Loch ins Familienbudget. Er weiss nicht, wie er die Rechnung eines Handwerkers, der seine Geschirrspülmaschine repariert hat, bezahlen soll. Normalerweise füllt Mahendran Pendlerzeitungen in die Boxen an Tramstationen. Weil viele Pendler nun zuhause arbeiten, braucht es weniger Zeitungen und auch weniger Verträger wie ihn. Das Restaurant, wo seine Frau arbeitet, hat geschlossen. Sie ist auf Kurzarbeit.

Schon vor der Coronakrise verpflegte sich Mahendran ab und zu im Christenhüsli, das auch in normalen Zeiten 80 Mahlzeiten pro Tag verteilt. Nun hat sich die Hilfsorganisation mit der Heilsarmee und dem Verein Netz 4 zusammengetan, um bis zu 200 Menus zu verteilen. Mahendran kommt nun jede Woche. In seiner Papiertüte befindet sich eine Flasche Wasser und eine Styroporschale mit einem Linsengericht. Mahendran zuckt mit den Schultern. «Ich habe nicht einmal mehr ein Zwanzigernötli im Sack», sagt er. Und der Monat hat erst gerade begonnen.

Gut qualifiziert, aber ohne feste Arbeit

Eigentlich würde Mahendran lieber arbeiten und seinen Zmittag selber verdienen. «Schreiben Sie, wer einen Chauffeur sucht, solle sich bei mir melden», sagt er und zückt seinen Fahrausweis. Auf der Rückseite, dort wo bei den meisten ein kleines Auto, einsam auf der obersten Linie zu sehen ist, stauen sich bei ihm auf sechs Zeilen Lieferwagen und Autos mit und ohne Anhänger. Wie um seine Fähigkeiten zu beweisen, zeigt er auch noch seinen Gabelstaplerausweis. Im Moment nützt ihm das alles nichts. Dass er «zu alt» sei für eine Stelle, habe er schon früher oft gehört, nun heisse es auch noch «Corona». Und manchmal falle das Wort «abfahre!», wenn er sich um Arbeit bemühe.

Was Mahendran schildert, zeigt auch die Statistik. Gemäss Bund meldeten sich rund 18'000 Menschen im April bei den Regionalen Arbeitsvermittlungszentren (RAV). Ende April waren dort nun 153'413 Personen registriert. Hinzu kommen die Arbeitslosen, die nicht beim RAV registriert sind.

Mahendran kramt eine Bibel hervor und schlägt die Seite mit Psalm 91 hervor. Dort heisst es:

Er lese diesen Satz jeden morgen und bete. Für seine Familie und auch für den Bundesrat. «Warum gibt Frau Sommaruga uns kein Geld?», fragt er. Warum er keine Sozialhilfe beantrage, frage ich zurück. Schwierigkeiten mit dem Amt, antwortet er.

Beim Hilfswerk Caritas ist die Nachfrage nach Ausweisen, die zum Bezug von vergünstigtem Essen und Kleidern, berechtigen wegen der Corona-Krise stark angestiegen. Mehrere Hundert Anträge seien in den letzten Wochen eingegangen, sagt Caritas-Sprecher Stefan Gribi.

Die Caritas fordert für Menschen wie Mahendran Hilfe vom Bund. Tausend Franken auf die Hand, gratis Krippenplätze, günstigere Krankenkassenprämien und eine Aufstockung der Kurzarbeitsentschädigung auf 100 Prozent sollen die Not lindern. Entsprechende Vorstösse berät das Parlament aber erst im Sommer.

Arme schämen sich und scheuen die Essensausgabe

Dass Mahendran keine Ausnahme ist, zeigten diese Woche Bilder aus Genf. Stundenlang standen Menschen für Grundnahrungsmittel an. In der Deutschschweiz gibt es keine solchen Bilder. Das heisse aber nicht, dass es keine Not gebe, sagt Emmanuel Parvaresh-Glauser, der die Essensausgabe in Zürich organisiert. Viele Menschen schämten sich, anzustehen. Ihnen bringt er Essen und Kleider diskret nach Hause.

Dorthin macht sich nun auch Mahendran wieder auf den Weg. Zusammen mit seiner Frau, seinem Sohn und dessen Frau lebt er in einer Vierzimmerwohnung in der Agglomeration. Am nächsten morgen wird er wieder beten und sich dann auf die Suche nach Arbeit machen.

Meistgesehen

Artboard 1