ERFOLGSSERIE
Die Grünliberalen waren städtisch geprägt – nun erobern sie die Agglomerationen

In den Wahlen im Aargau und in Bern feiert die Partei spektakuläre Erfolge. Ein Sitz im Bundesrat ist für die GLP trotzdem fern.

Francesco Benini
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Wachsender Zuspruch: Jürg Grossen, der Präsident der Grünliberalen, im Gespräch mit Fraktionschefin Tiana Angelina Moser.

Wachsender Zuspruch: Jürg Grossen, der Präsident der Grünliberalen, im Gespräch mit Fraktionschefin Tiana Angelina Moser.

Anthony Anex / KEYSTONE

Nidau liegt am Bielersee, zählt 7000 Einwohner, trägt den Titel einer Stadt und hat ein Parlament. In den Wahlen von Ende September traten die Grünliberalen zum ersten Mal an. Sie erreichten 14,9 Wählerprozente.

In der Partei fragten sich zunächst einige, ob auf dem Wahlbüro ein Fehler passiert sei. «Sensationell», hiess es dann auf der Website der Grünliberalen. Parteipräsident Stefan Dörig sagt, das Engagement der Leute habe sich ausbezahlt; von morgens bis abends seien sie im Wahlkampf unterwegs gewesen. Und die eigene Wahlzeitung, die auf 16 Seiten grünliberale Köpfe und Ideen präsentierte und in alle Haushalte verteilt wurde, sei gut angekommen bei den Nidauern.

Der neuen Generation ist der Streit mit den Grünen egal

Am vergangenen Sonntag war die Reihe dann an Münsigen. 13'000 Einwohner, 11 Kilometer Luftdistanz zu Bern, 30 Köpfe im Stadtparlament. Die Grünliberalen sprangen von zwei auf sechs Sitze und haben damit nun gleich viele Mandate wie die beiden grössten Parteien in der Kleinstadt, die SVP und die SP.

Die Gemeindewahlen im Kanton Bern bescherten den Grünliberalen hohe Gewinne. In Konolfingen kam die Partei auf 23,6 Prozent der Stimmen.

Im Aargau dasselbe Bild: Die Wahlen in die Stadtparlamente wurden am vergangenen Wochenende abgeschlossen. In Aarau, Lenzburg, Wohlen, Baden, Brugg – überall waren die Grünliberalen unter den Gewinnern. Im 50-köpfigen Einwohnerrat von Wettingen besetzte die Partei bisher 4 Sitze. Nun sind es deren 8. Insgesamt 23 zusätzliche Parlamentsmandate holte die GLP im Aargau, mehr als jede andere Partei.

Die Grünliberalen, 2004 im Kanton Zürich als Abspaltung von den Grünen gegründet, waren lange eine städtisch geprägte Partei. Jetzt greifen sie zunehmend in die Agglomerationen und auch in ländliche Gebiete aus. Parteipräsident Jürg Grossen sagt:

«In den semi-urbanen Gebieten und auf dem Land dauerte es seine Zeit, bis wir gute Kandidatinnen und Kandidaten präsentieren konnten.»

Nun seien die Wahlresultate sehr gut.

In Zeiten, da sich die Menschen Sorgen machen wegen der Klimaerwärmung, wachsen ökologisch ausgerichtete Parteien. So viel ist klar. Nach Ansicht des Parteipräsidenten helfen ausserdem klare Positionen in anderen wichtigen Themen: Die Grünliberalen stützen die Linie des Bundesrats in der Coronakrise. Im Europadossier kritisierte die Partei hingegen die Regierung. Die Grünliberalen waren die einzigen, die dem Rahmenvertrag zustimmten und ihn den Stimmberechtigten vorlegen wollten.

Die Grünliberalen entstanden in Zürich, fassten in Bern schnell Fuss und legen nun im ganzen Land zu. Der Politgeograf Michael Hermann sieht – neben der grünen Welle – zwei Gründe für den Erfolg der Partei. «Es hat einen Generationenwechsel gegeben», meint er.

Unter Parteivater Martin Bäumle spielten Animositäten mit den Grünen eine Rolle. Die neue Generation ist daran nicht mehr interessiert. Sie will eine Politik machen, die sie als progressiv wahrnimmt; dabei sollen anders als bei den Linken dem Staat nicht ständig neue Aufgaben aufgebürdet werden.

Die Grünliberalen setzen in den Wahlen auf Zebra-Listen: Männliche und weibliche Kandidaten wechseln sich ab. Das führt dazu, dass viele Frauen gewählt werden. Zudem lässt die Partei junge Anwärter auf aussichtsreichen Plätzen an den Start gehen. Die Grünliberalen haben sich damit das Image des Frischen, Unverbrauchten bewahrt, obwohl es die Partei seit 17 Jahren gibt.

Abwesend in einer Kammer des Bundesparlaments

Als zweiten Erfolgsfaktor sieht Politgeograf Hermann die Positionierung anderer Parteien: «Die SP steht klar links, die FDP orientiert sich mit dem neuen Präsidenten wohl weiter nach rechts als bisher – der Raum dazwischen wächst, was die GLP nutzen kann», meint er.

Die FDP hat unlängst ein wenig ambitioniertes Drei-Säulen-Konzept zur Klimapolitik vorgelegt. Dass die Freisinnigen damit Sympathisanten zurückholen, die wegen Umweltanliegen zu den Grünliberalen abgesprungen sind, ist wenig wahrscheinlich.

Wenn die Grünliberalen weiter wachsen – erobern sie dann 2023 einen Sitz im Bundesrat? Hermann ist skeptisch. «Die Partei hat keinen einzigen Sitz im Ständerat. So ist es schwierig, den Anspruch auf einen Sitz im Bundesrat zu legitimieren.» Bei allen Erfolgen in letzter Zeit – die Grünliberalen müssen sich weiter steigern, wenn sie in die Landesregierung wollen.