Herr Altermatt, Sie geben das Bundesrats-Lexikon neu heraus. Wann genau?

Urs Altermatt: Die Neuauflage des Bundesrats-Lexikons hätte auf das Weihnachtsgeschäft hin erscheinen sollen. Die Rücktritte machten dem Verlag einen Strich durch die Rechnung. Statt das Gut zum Druck zu geben, muss ich nun das Lexikon nachführen.

Sie schreiben noch die Porträts von Schneider-Ammann und Leuthard?

Ja. In Ausnahmesituationen muss sich der Chef selbst an die Arbeit machen, um kein Risiko einzugehen. Das Lexikon kommt Ende Januar auf den Markt, da wir die Namen der zwei Bundesräte im Buch haben wollen, die am 5. Dezember gewählt werden.

Werden das zwei Frauen sein?

So, wie sich die Situation heute präsentiert, wird sicher ein Sitz, jener der FDP, mit einer Frau besetzt.

Was bedeutet es für die FDP, wieder eine Bundesrätin zu haben?

Die Frauenfrage ist im Moment eine zentrale Frage. Sie wird in der Schweiz diskutiert, aber auch weltweit. Die FDP stellte mit Elisabeth Kopp die erste Frau im Bundesrat, bis 1989 ihr verfrühter Rücktritt kam. Danach stellte die SP mit Ruth Dreifuss, Micheline Calmy-Rey und Simonetta Sommaruga drei Bundesrätinnen und die CVP mit Ruth Metzler und Doris Leuthard zwei. Nun ist die FDP an der Reihe. Das verhilft ihr auch zu einem frauenfreundlicheren Image. Frauen-Kandidaturen sind in der heutigen Zeit aber für alle Parteien ein gesellschaftspolitisches Muss.

Müsste also die CVP ein Ticket mit zwei Frauen bringen?

Das wäre ein starkes Signal der CVP. Die Botschaft wäre klar: Die CVP trägt zu einer angemessenen Vertretung der Frauen, drei Bundesrätinnen, bei. Dieses Signal würde die Wahl der FDP-Frau überstrahlen. Die Ersatzwahl von Doris Leuthard findet ja zuerst statt. Die CVP würde betonen, dass frauenpolitische Anliegen wichtiger sind für die Gesellschaft als regionalpolitische.

Sind die Männer nur Quotenmänner?

Im freisinnigen Fall, mit Ständerat Hans Wicki (NW) und Regierungsrat Christian Amsler (SH), ganz sicher. Bei der CVP hingegen ist die Wahl offener. Ständerat Peter Hegglin (ZG) ist ein Kandidat, der aus der richtigen Region – der Zentralschweiz – kommt und über Exekutiverfahrung verfügt. Die Geschichte zeigt zudem, dass die Solidarität unter den Ständeräten sehr gross ist. Als gelernter Bauer kann er auch mit der Solidarität des erweiterten Bauernklubs rechnen. Die CVP kann zu Recht vorbringen, nach Ruth Metzler und Doris Leuthard dürfe es auch wieder ein Mann sein.

Bei den Frauen gilt Viola Amherd (VS) als Favoritin.

Amherd muss Hegglin erst schlagen. Man gibt ihr meist das Etikett links. Sieht man sich allerdings das Links-Rechts-Rating an, gehört sie zu jenen Parlamentariern, die stark eingemittet sind. Sie ist in meinen Augen eine typische Christdemokratin. Sie ist mitte-rechts in Wirtschafts-, KMU- und Finanzfragen und mitte-links in sozialpolitischen Fragen. Das entspricht dem Profil der deutschen Bundeskanzlerin Angela Merkel.

Viola Amherd wie Angela Merkel?

Das ist ein hinkender Vergleich. Amherd kommt aus den Bergen, Merkel aus Ostdeutschland. Von der Art her sind beide zurückhaltende Menschentypen. Das christdemokratische Profil Amherds kennen wir von anderswo in Europa, es hat aber auch in der Schweiz eine Tradition. Ich denke etwa an die Luzerner Alt-Nationalrätin Judith Stamm, die 1986 als Frau ohne Nomination für die Nachfolge von Kurt Furgler und Alfons Egli kandidierte und eine ansehnliche Stimmenzahl erreichte.

Amherd und Stamm haben ähnliche Lebensentwürfe. Beide sind Single-Frauen, haben keine Kinder, sind Feministinnen.

Für mich ist der Begriff Feministin heute kein Schimpfwort mehr. Vor allem dann nicht, wenn eine Frau pointiert für Frauenanliegen einsteht. Mit ihrem Lebensmodell spiegelt Amherd die Verschiedenheit der Lebensentwürfe in der modernen Gesellschaft wider. Sie lebt in einem Haushalt von zwei Frauen: mit ihrer alleinstehenden Schwester und deren Tochter. Die beiden Schwestern hatten sich zuvor auch um die demente Mutter gekümmert. Das ist eine der Varianten von Patchwork-Haushalten, die wir in der heutigen Gesellschaft haben. Ohne Mann allerdings. Das ist das Interessante daran. Aber weshalb nicht? Käme Amherd in die Regierung, wäre ihr Lebensmodell zweifellos das Faszinosum der neuen Bundesrätin.

Wie sehen Sie Heidi Z’graggen?

Bei ihr ist der regionalpolitische Faktor wichtig. Sie hat zudem Exekutiverfahrung. Ihr Nachteil ist, dass sie nicht aus dem Klub der Bundesversammlung stammt.

Elisabeth Schneider-Schneiter (BL) wäre die erste reformierte CVP-Bundesrätin.

Sie kommt aus einem Kanton, der Ende des 19. Jahrhunderts den ersten und letzten Bundesrat hatte: Emil Frey. Der transjurassische Bogen mit Basel-Stadt (2 Bundesräte), Basel-Landschaft (1), dem Jura (keiner) und Solothurn (6) hatte nur wenige Bundesräte. Auch diese Region kann einen Anspruch stellen. Schneider-Schneiter ist mit ihrem Profil ein Beispiel, wie stark sich die CVP gewandelt hat. In der öffentlichen Wahrnehmung trägt die CVP zwar noch das Etikett der katholischen und eher ländlichen Partei. Doch dieses Klischee stimmt nicht mehr.

Welche Bedeutung hätte die erste reformierte Bundesrätin für die CVP?

Die CVP machte die konfessionelle Öffnung schon 1970. Sie stiess dann die Fusion mit der reformiert geprägten BDP an. Diese wollte aber nicht mit der CVP zusammengehen, denn manche Parteimitglieder betrachteten die CVP als zu katholisch. Eine Bundesrätin Schneider-Schneiter würde die Öffnung der Partei nach aussen dokumentieren.

Sie wäre die erste Mutter im Bundesrat mit schulpflichtigem Kind. Ihr Sohn ist 16, ihre Tochter 18.

Ich weiss nicht, wie alt die Kinder von Frau Kopp und Calmy-Rey waren. Aber es gab immer schon Männer mit schulpflichtigen Kindern im Bundesrat, auch heute noch. Diese Diskussionen über Singles und Kinder sind nicht so sehr Diskussionen über die Bundesrats-Kandidatinnen an sich.

Sondern?

Es sind vielmehr Diskussionen über unsere Gesellschaft. Politiker, vor allem die Frauen, haben Schwierigkeiten den Dreiklang – Familie mit Kindern, Beruf und Politik – in Übereinstimmung zu bringen. Das Interessante an dieser Ersatzwahl ist aber, dass erstmals Männer gleich argumentieren wie die Frauen früher und noch heute. Die Kandidaten sagen, sie könnten das Bundesratsamt nicht mit Familie und Kindern verbinden. Nationalrat Martin Candinas (GR) und Ständerat Pirmin Bischof (SO) äusserten sich eindeutig in diese Richtung.