Claudia Polar (32) wird mit der Bezeichnung «Plus Size Model» nicht warm. «Ich hasse den Begriff Plus Size-Model. Aber in der Branche wird er leider für Models wie mich verwendet. Ich hoffe, das ändert sich bald», erklärt die gelernte Kleinkinderzieherin, die als Model für normale Kleidergrössen Furore macht.

Size Plus, das bedeutet wörtlich «eine Grösse grösser». Plus Size Models tragen Grösse 38-50+. Die durchschnittliche Kleidergrösse einer Frau ist laut Statistik 40-42. Claudia Polar gehört dazu. Sie ist 1,79m gross, wiegt 80-82 Kilogramm und trägt Kleidergrösse 42. Über das Gewese um kleine Grössen kann die Blondine, die in Niderwil bei BAden wohnt, nur lachen: «Wenn ich in ein Kleidergeschäft gehe und etwas kaufen will, finde ich nur noch XS und S. Es kann mir also niemand weismachen, dass 34 oder 36 eine Kleidergrösse ist, die einer Norm entspricht. Das regt mich auf.«

Diese Norm erfunden hat, es ist bekannt, die Modeindustrie und mit ihr die Designer, deren Namen uns allen bekannt sind. Victoria Beckham etwa gehört neu auch dazu. Eine der wenigen, die selbst eine Kindergrösse trägt und aus Prinzip nur für Gleichgesinnte schneidert, die sich in Size Zero zwängen können, die den Massen 76-56-81 und damit einer einer Zwölfjährigen entspricht - Busen, Hüften und Hintern müssen da passen.

Es ist noch nicht lange her, da haben Modelagenten die Hände verworfen, wenn eine junge Frau wie Claudia Model-Ambitionen hatte. Dem ist nicht mehr so geändert. Zuverdanken ist es einem Trend aus den USA. Dort gehören XL-Models längst zum Mainstream, weil wohlbeleibte Frauenfiguren schlicht der Realität entsprechen: 60 Prozent aller Amerikanerinnen sind leicht übergewichtig und tragen Kleider ab Grösse 42.

Keine Lücke zwischen den Oberschenkeln

Noch mehr Gewicht bekommen sie, wenn sie sich wie unlängst Robyn Lawley auch in Gesellschaftskritik ausüben. Die Australierin Lawley (1,88m, Masse 99-78-104) gehört zu den weltweit bekanntesten Size Plus-Models und wurde für ihre Kurven mehrfach in den sozialen Netzwerken als «fette Schlampe» beschimpft, weil sie nicht über den sogenannten «Tigh Gap» verfügt, die knabenhaften Figuren vorbehaltene Oberschenkellücke.

Lawley wehrte sich mit einem verführerischen Shooting für die italienische «Vogue», inszeniert als veritable Femme fatale à la Sophia Loren und doppelte mit einem Zeitungsartikel und Auftritten in verschiedenen TV-Shows nach. Sie berichtete über ihre eigenen Erfahrungen als Model, das nie dünn genug war, und wetterte gegen ein krankhaftes Schönheitsideal, das junge Mädchen zum Hungern auffordert und ein falsches Selbstbild vermittelt.

Auch Claudia Polar möchte gern eine Bresche schlagen für alle, die den Kampf mit den Kilos satt haben. Sie kennt den Frust mit der Waage. Sie sagt: «Ich war als Kind übergewichtig und als Teenager so richtig dick», erzählt sie. «Ich wog 115 Kilogramm und wurde dafür nonstop gehänselt. Ich war unglücklich und einsam, Essen war mein Trost.» Erst in der Lehre in einer Kinderkrippe lernte sie, was gesunde Ernährung bedeutet. «So nahm ich innert eines Jahres 30 Kilo ab.» Obwohl sie als Mollig-Model aufpassen muss, nicht zu viel abzunehmen, «geht ohne Disziplin gar nichts. Ich esse gesund, aber lustvoll, denn ich habe keine Lust, den ganzen Tag an einem Salatblatt zu knabbern. Dazu trainiere ich dreimal pro Woche, um meinen Körper straff zu halten.»

Ein Herz für Tiere

Im Frühling 2006 wurde sie an einem Casting für einen Modeljob für Mode von Ulla Popken unter 2500 Bewerberinnen ausgesucht. Es war der Auftakt zu einer ganzen Reihe Aufträgen als Model mit echten Kurven, darunter so bekannte Labels wie Marina Rinaldi oder Sugar Shape und Seaside. Zwischen 40 und 50 Prozent ihrer Arbeitszeit gehört seither ganz dem Modeln, ganz davon leben kann sie allerdings noch nicht. «Es macht mir einfach Spass, mich zu verwandeln und zu posieren, in eine andere Persönlichkeit auszuleben.» Viele Aufträge ergattert sie in Deutschland, «weil es dort einfach mehr Möglichkeiten und Labels gibt».

Mehrmals pro Monat reist sie dorthin, und versucht, jeweils ein paar Tage anzuhängen, um die Städte kennenzulernen, in denen sie sich aufhält. Doch nach Deutschland zu ziehen und den Sprung als Vollzeitmodel zu wagen, liegt ihr (noch) fern: «Die Schweiz ist mir zu wichtig, ich würde die Landschaften und die Berge vermissen.» Ihren Freund natürlich auch. Ach ja, und ihre Tiere: Claudia Polar ist nämlich engagierte Tierschützerin und adoptiert nicht selten Tiere, die ausgesetzt wurden oder denen die Schlachtbank droht. Vier Kaninchen und zwei Kätzchen hat sie schon gerettet. Das wäre, so gibt sie zögernd zu, ihr Traum: Ein Job, der ihre Liebe für Tiere und den Spass am Posieren zu vereinen vermag.

Ein letztes Thema: Männer. Polar ist überzeugt: «Männer im Ausgang suchen sicherlich ganz dünne Frauen. Da hatte ich nie eine Chance. Aber sonst habe ich nie die Erfahrung gemacht, dass mich ein Mann wegen meiner Kurven nicht mochte. Im Gegenteil. Frauen, seid selbstbewusst und steht zu Euch! Ein Mann liebt eine Frau nicht mehr, wenn sie zwei Kilo weniger wiegt.»

Mehr Fotos von Claudia gibt es hier: https://www.facebook.com/Curvy.Princess.Claudia