Circus Knie

Ein Drahtseilakt: Wenn 200 Zirkusleute auf eine Tournee warten

Der Zirkus Knie steht still

"Es ist schwierig": Stimmen und Bilder aus dem Zirkus-Winterquartier in Rapperswil SG.

Ausharren im Wartequartier in Rapperswil, heisst es beim Circus Knie seit Mitte März. Die Zirkusfamilie und ihre über 200 Artisten, Zeltarbeiter, Tierpfleger, Musiker und Chauffeure hoffen, dass eine verkürzte Tournee doch noch möglich wird.

Die Wohnwagenstadt des Circus Knie auf einem Parkplatz bei der Eishalle in Rapperswil SG wirkt an diesem regnerischen Morgen etwas trist. Auf fünf hohen Pappeln haben Störche ihre Nester gebaut. Vom nahen Kinderzoo blicken zwei Giraffen gelangweilt über den Zaun.

Zirkus-Patron Fredy Knie (73) steht in der "Knie-Stube" am Rand der Reithalle, die in diesen Tagen auch als Fitness- und Kraftraum für die Artisten dient. Trainingsgeräte nehmen viel Platz ein, an den Wänden hängen Fotos. Seit sechs Wochen lebt Fredy Knie zusammen mit über 200 Zirkus-Mitarbeitenden im Ungewissen.

Knie musste die Premiere im März wegen der Coronakrise absagen und die 101. Tournee verschieben. Zahlreiche Gastspiele sind gestrichen. "Es ist ein unglaublich schwieriges Gefühl für uns alle", sagt Knie. "Wir haben die Verantwortung für unsere über 200 Leute, die auf Tournee gehen wollen."

Innert einer Woche bereit

Ob es damit im Sommer oder Herbst noch klappt, ist sehr unsicher. Trotz allem strahlt Fredy Knie eine souveräne Ruhe aus und sieht auch etwas Positives: "Wir haben die Generalprobe gehabt. Wir sind parat." Innert einer guten Woche wäre die Truppe bereit für eine verkürzte Tournee. "Die Hoffnung stirbt zuletzt."

Knie öffnet das Fenster vom Büro zur Reithalle. Dort trainiert sein Enkel Ivan in einer Manege fünf junge Pferde, die erst seit kurzem beim Zirkus und daher noch etwas schreckhaft sind. "Du musst sie führen", ruft er Ivan zu. Als 73-Jähriger schützt sich Knie mit einer Maske. Dem Enkel gibt er nur aus Distanz Anweisungen.

Fredy Knie gibt mit Schutzmaske Anweisungen beim Training der Pferde beim Circus Knie im "Wartequartier" in Rapperswil SG.

Fredy Knie gibt mit Schutzmaske Anweisungen beim Training der Pferde beim Circus Knie im "Wartequartier" in Rapperswil SG.

Auf dem Wagen Nummer 31 steht "Mannschaftsküche". Hier wird am Mittag gestaffelt das Essen für alle ausgegeben. Heute steht Couscous auf dem Menü. Weil der Zirkus viele Mitarbeiter aus Polen und Marokko beschäftigt, gibt es regelmässig auch polnische und marokkanische Gerichte, erklärt Mediensprecherin Catherine Bloch.

Bei den Zirkusmitarbeitern, die aus 16 Nationen kommen, ist die Stimmung schwierig. "Es nervt alle", sagt Fredy Knie. Alle würden aber die Situation akzeptieren und sich an die Regeln halten.

Keine Löhne – auch für die Familien zuhause

Einer von ihnen ist der Artist Diego Balbin aus Kolumbien. Seine siebenköpfige Truppe "The Gerlings" zeigt atemberaubende Hochseilartistik unter der Zeltkuppel in elf Metern Höhe. Für uns ist es sehr schwierig", erklärt Balbin. "Wir müssen auf Weltklasse-Niveau arbeiten und bereit sein."

Hochseilartist Diego Balbin beim Training. Der Zirkus steht vor einer ungewissen Zukunft.

Hochseilartist Diego Balbin beim Training. Der Zirkus steht vor einer ungewissen Zukunft.

In der Nähe seines Wohnwagens hat der Kolumbianer ein Drahtseil auf 50 Zentimetern Höhe gespannt. Darauf schwingt er locker hüpfend ein Springseil, um in Übung zu bleiben. Er sei froh, in der Schweiz zu sein und Geld für seine Familie zu verdienen, sagt der Artist. In Kolumbien sei der Lockdown noch viel strenger.

Aber: "Wir erhalten für drei Monate keine Löhne, und unsere Familien zuhause, die auch kein Einkommen generieren können, sind finanziell von uns abhängig. Das macht die Situation sehr schwierig."

"Das Virus ist der Chef"

Die finanziellen Auswirkungen sind hart für die Artisten. Aber auch für den Schweizer Nationalzirkus verheerend. "Die Krise hat ein grosses Loch gerissen, das kann man nicht aufholen", sagt Fredy Knie. Und man könne auch nichts beeinflussen. "Allein das Virus entscheidet. Es ist der Chef."

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