Fifa-Skandal
«Dr Sepp isch in Visp eifach mit ollnä per dü»

Heute wird Sepp Blatter wohl wiedergewählt. In seinem Heimatort Visp sind viele stolz auf ihren Sepp. Aber nicht alle. Auf Spurensuche im Wallis.

Rinaldo Tibolla
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Sepp Blatters Fussballkollegen am Stammtisch.

Sepp Blatters Fussballkollegen am Stammtisch.

Keystone

Normalerweise erhalten Persönlichkeiten nach ihrem Tod eine Strasse oder ein Gebäude nach ihrem Namen benannt. Nicht so in Visp. Dort gehen die Visper Kinder ins «Primarschulhaus Sepp Blatter». Auch Blatter ging dort zur Schule – von 1943 bis 1948 – damals noch ins «Alte Schulhaus».

Eine Holztafel im Gebäude weist immer noch auf seine Schulzeit hin. 1998, als Blatter zum Fifa-Präsidenten aufstieg, wurde die Lehrstätte kurzerhand umbenannt.

Der Schuldirektor wusste nicht einmal davon. Wer das Städtchen am östlichen Ende des weiten Rhonetals, umringt von Bergen, besucht und mit den Bewohnern redet, spürt diesen Stolz heraus und kann nachvollziehen, wieso eine solche Ehrerbietung gerade hier möglich ist.

Gestern, am Tag vor der fast todsicheren Wiederwahl von Sepp Blatter, sind seine Liebsten und Freunde in Visp bereits alle nach Zürich an den Kongress gereist: seine Tochter Corinne, deren Mann, der Gemeindepräsident.

Sie alle sind dort, heisst es im Bistro Napoleon, das unweit des Bahnhofs liegt und vom Schwiegersohn Blatters geführt wird. Die Einheimischen nennen das Lokal «Napi».

Dort würde sich heute Abend ein fröhliches Wiedersehen der Familie Blatter abspielen, wenn nicht die Wiederwahl des Fifa-Präsidenten im Hallenstadion anstehen würde.

Wie es heisst, wird dann jeweils gemütlich Wein getrunken – in zumeist ausgelassener Stimmung.

«Korruption? Gibt es überall»

Unweit des Bistros sitzt Richard auf einer Bank. Der 92-Jährige lacht, als der Name «Sepp Blatter» fällt. Ja, dieser Tage seien viele Journalisten hierhergekommen.

Trotzdem gibt er gerne Auskunft. Wie jeder, der gut über Blatter redet. Anders ist es bei jenen, die nicht so ganz vom Fifa-Präsidenten überzeugt sind. Nach einem «Aber» wird gerne mit der Hand abgewinkt. Kritisch will sich niemand äussern, Richard sagt gleich, wieso Sepp Blatter in Visp so gerne gesehen ist. «Dr Sepp isch eifach mit ollnä per dü», sagt er in Walliserdeutsch.

Jeder kenne ihn und könne hier in Visp auf ihn zugehen. Das mache ihn zu einem von ihnen. Hier sei er einfach der «Sepp». Sein Vater, den er auch gekannt habe, sei der «Joseph» gewesen.

Korruption? Das gebe es überall. Aber der Präsident könne deshalb doch nicht zur Rechenschaft gezogen werden. «Wenn ich krumm ‹geschäfte›, kann doch der Gemeindepräsident von Visp auch nichts dafür», sagt Richard.

Das Primarschulhaus Sepp Blatter in Visp.

Das Primarschulhaus Sepp Blatter in Visp.

ho

Die Jungen sind kritischer

Der «Sepp» sei ein massvoller Mann. Sonst wäre er nie so weit gekommen. Er habe immer geschaut, dass es den Ärmeren gut gehe. Klar würden diese ihn nun unterstützen.

Im gleichen Atemzug nennt Richard Papst Franziskus, der ja auch den Armen helfen möchte. Die Worte sprudeln nur so aus dem 92-Jährigen heraus. Das «Sepp- Blatter-Turnier» erwähnt er auch. Seit Jahren veranstaltet der Fifa-Boss in Ulrichen im Obergoms ein Fussballfest. Seit 2008 heisst das Spielfeld – oh Wunder – «Sepp-Blatter-Fussballplatz».

Wer sich bei den Jungen in Visp nach Sepp Blatter erkundigt, ist von deren Direktheit im ersten Moment beeindruckt.

«Er macht seinen Job offensichtlich nicht richtig», «Seine Zeit ist abgelaufen» und «Mit ihm wird sich am System und dementsprechend an der Korruption nichts ändern», heisst es etwa. Gerne erwähnen sie die Buh-Rufe, die immer lauter würden, wenn er mal wieder in Visp erscheine. Wer weiss, vielleicht werden künftige Generationen, die Schule wieder umbenennen.

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