Nun gesellt sich also auch Doris Leuthard zu den Bundesratsmitgliedern, die sich nach ihrem Rücktritt politisch äussern. Obwohl die populäre CVP-Politikerin noch im vergangenen Dezember betont hat, sie werde «von der politischen Ebene verschwinden» und sich nicht mehr einmischen, tritt sie demnächst an CVP-Veranstaltungen auf, um über Klimapolitik zu reden. Dieser Sinneswandel, den die «Schweiz am Wochenende» publik gemacht hat, kam nicht überall gut an. In den Onlineforen und auf Social Media überwogen die kritischen Stimmen. «Liebe Frau Ex-Bundesrätin, geniessen Sie Ihre Rente und schweigen Sie!», lautete ein Kommentar.

Schweigen? Wieso denn? Leuthard ist erst 56-jährig, und in unserem kleinen Land ist die Zahl von Politikern mit Exekutiverfahrung und internationaler Vernetzung überschaubar. Diese rare helvetische Spezies hat etwas zu sagen. Ihre Erfahrung und ihre Expertise öffentlich einzubringen, ist in unserer Demokratie nicht nur legitim, sondern wünschenswert.

Kopp und Ogi machen es gut – Calmy-Rey und Widmer-Schlumpf weniger

Allerdings sind öffentliche Auftritte, sei es in Sälen oder in den Medien, eine Gratwanderung. Beginnen wir mit den guten Beispielen. Zu ihnen zählen die Politpensionäre Elisabeth Kopp (FDP, Rücktritt 1989), Adolf Ogi (SVP, 2000), Kaspar Villiger (FDP, 2003), Pascal Couchepin (FDP, 2009) und Moritz Leuenberger (SP, 2010). Sie äussern sich sporadisch zu Fragen, zu denen sie einen besonderen Bezug haben. Kopp zur Frauenpolitik, Ogi zur Stellung der Schweiz in der Welt, Couchepin zu staatspolitischen Themen. Aus der Tagespolitik oder Abstimmungen halten sie sich heraus. Und das ist richtig so.

Die Mehrheit ist nach wie vor in den Medien präsent: Das Bundesratsfoto 2007, v.l.n.r. Doris Leuthard, Christoph Blocher, Moritz Leuenberger, Micheline Calmy-Rey, Pascal Couchepin, Samuel Schmid, Hans-Rudolf Merz und die kürzlich verstorbene Bundeskanzlerin Annemarie Huber-Hotz.

Die Mehrheit ist nach wie vor in den Medien präsent: Das Bundesratsfoto 2007, v.l.n.r. Doris Leuthard, Christoph Blocher, Moritz Leuenberger, Micheline Calmy-Rey, Pascal Couchepin, Samuel Schmid, Hans-Rudolf Merz und die kürzlich verstorbene Bundeskanzlerin Annemarie Huber-Hotz.

Andere Ex-Magistraten lassen diese wohltuende Zurückhaltung vermissen. Ruth Dreifuss (SP, Rücktritt 2002) weibelte schlagzeilenträchtig für die AHV-Reform, Eveline Widmer-Schlumpf (BDP, 2015) gegen die Unternehmenssteuerreform III, Micheline Calmy-Rey (SP, 2011) und Christoph Blocher (SVP, 2007) traten gar in einer «Arena» zur Masseneinwanderungs-Initiative gegeneinander an. Das ist ihr gutes Recht, aber kaum die Aufgabe ehemaliger Bundesräte. Wobei Blocher ein Sonderfall in jeder Hinsicht ist. Dass er sich an Rollenmuster von Alt-Bundesräten hält, hat niemand erwartet und wäre in seinem Fall fast widernatürlich. Unkonventionell war ja auch seine Abwahl – und dass Blocher später wieder Nationalrat wurde.

Es gibt eine Gruppe weiterer Ex-Bundesräte, die sich – was politische Aussagen betrifft – komplett aus der Öffentlichkeit zurückgezogen haben. Von René Felber (SP, Rücktritt 1993), Flavio Cotti (CVP, 1999), Ruth Metzler (CVP, 2003), Didier Burkhalter (FDP, 2017) und Johann Schneider-Ammann (FDP, 2018) hat man seit ihrem Abgang keine Interventionen mehr vernommen, abgesehen von wenigen Ausnahmen gilt das auch für Arnold Koller (CVP, 1999), Samuel Schmid (BDP, 2008) und Joseph Deiss (CVP, 2006) – Letzterer schwieg, bis er sich vor wenigen Wochen in den CH-Media-Zeitungen überraschend in die Europadebatte einschaltete.

Fehlt noch einer: Hans-Rudolf Merz (FDP, 2010). Er zieht es vor zu schweigen, es sei denn, er wird angegriffen, wie jüngst in einem Buch zur UBS-Rettung. «Eine verleumderische Behauptung» sei es, dass er die Staatshilfe für die UBS habe sabotieren wollen, sagte er in dieser Zeitung. Das Szenario einer

FDP-Chefin Gössi sah Gefahr einer «Schattenregierung» - doch das ist abwegig

18 lebende Alt-Bundesräte gibt es zurzeit, die Zahl ist höher denn je, denn auch diese Menschen werden immer älter. Im Bundesstaat des 19. Jahrhunderts verstarben Bundesräte oft noch im Amt. Dass die wachsende Gruppe von Ex-Magistraten durch ihre Einmischung eine Art «Schattenregierung» bildet, wie dies FDP-Präsidentin Petra Gössi einst befürchtete, ist abwegig. Gössi ärgerte sich damals über Dreifuss’ und Widmer-Schlumpfs Trommeln für die AHV-Revision. Was aber stimmt: Das Wort von Alt-Bundesräten hat Gewicht, denn sie geniessen in der Bevölkerung hohe Glaubwürdigkeit. Äussern sie sich grundsätzlich, sind ihre Auftritte und Interviews oft eine Bereicherung für den demokratischen Diskurs. Dann gilt: Schweigen ist Silber, Reden ist Gold.