Oberbipp
Dieses Kreuz ist schwer zu tragen

Soll in der reformierten Kirche ein Kreuz installiert werden? Diese Frage ist für die Oberbipper Kirche heikel und beschäftigt deshalb viele Gläubige.

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Kirche

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Berner Rundschau

Marisa Cordeiro

Eines steht fest: Ob es ein Kreuz zum Praktizieren des christlichen Glaubens braucht oder nicht, ist nicht so sicher wie das Amen in der Kirche. Anfang Mai entbrannte darüber zumindest in der reformierten Kirchgemeinde Oberbipp eine heftige Diskussion (wir berichteten). Ihr gehören sechs Einwohnergemeinden und zwei Kirchen (Attiswil und Wiedlisbach) an, die notabene ein Kreuz besitzen.

Den Stein ins Rollen brachte eine besondere Begebenheit, wie Therese Schenk aus Oberbipp erzählt. Es sei eine Weile her, als sie und zwei Kolleginnen sich wie üblich zum Beten in der Oberbipper Kirche getroffen hätten. «Wir fanden, dass es schön wäre, wenn die Kirche ein Kreuz hätte. Also liessen wir diesen Wunsch ins Gebet einfliessen.» Einen Augenblick später sei eine Frau in die Kirche eingetreten, eine Walliser Besucherin, wie Schenk erzählt, die ihnen 50 Franken offerierte: «Als Startkapital für das Kreuz, das in der Kirche offensichtlich fehle», erzählt Schenk die Begebenheit nach. Diese Spende habe sie entgegengenommen und daraufhin vom Kirchgemeinderat wissen wollen, ob sich ein Kreuz installieren liesse.

Die Kirche nicht verschandeln

Anfang Mai fand dann eine Infoveranstaltung statt, an der rund 30 Personen teilgenommen haben und an der es hitzig und emotional zu und her ging. Die Kirche solle jetzt nicht mit einem Kreuz verschandelt werden, derartige Voten soll es gar gegeben haben.
Bis Ende Mai hatten nun die Kirchgemeindemitglieder die Gelegenheit, sich per Fragebogen auch noch zu äussern. Wie Kirchgemeindepräsident Thomas Gehrig sagt, seien gegen 70 dieser Fragebögen retourniert worden. Der Rücklauf sei damit überraschend gross ausgefallen, sagt er. Viele hätten nicht nur mit Ja oder Nein geantwortet, sondern hätten ihre Meinung gar begründet. Gehrig schätzt, dass gegenwärtig zu einem Kreuz wohl die Mehrheit Nein sagen würde.

«Die Tradition spielt hierbei eine grosse Rolle»

Ist es eher die Ausnahme oder die Regel, dass eine reformierte Kirche kein Kreuz besitzt? «Das ist eine grosse, und im Falle der Kirche Oberbipp eine heikle Frage», entgegnet Daniel Wiederkehr, Pfarrer der Kirche Oberbipp und Seelsorger im Alters- und Pflegeheim Wiedlisbach. Er begründet: «Die Geschichte der Oberbipper Kirche reicht bis ins zweite Jahrhundert zurück.» Ob eine reformierte Kirche mit einem Kreuz ausgestattet ist oder nicht, hänge nämlich stark mit der Tradition der Kirche selber zusammen. «Eine Norm gibt es in dieser Frage nicht», sagt Wiederkehr. Nach der Reformation seien vor allem Bilder, Statuen, aber auch Kreuze aus den Kirchen entfernt worden, um sich in der Ausstattung von der herkömmlichen, römisch-katholischen Kirche zu unterscheiden. Die Bedeutung des Kreuzsymbols als Ort des Todes Jesu stamme aus dem Mittelalter, als dies noch der Brennpunkt des Glaubens darstellte. «Heute ist der Tod Jesu nicht mehr so relevant», sagt Wiederkehr. Zwar stehe das Kreuz noch immer für das Christentum, doch die Interpretation des Symbols sei heute sehr individuell. «Jeder liest das Kreuz anders», sagt Wiederkehr. (com)

Doch erstens lasse sich über das Kreuz nicht wie über ein politisches Geschäft abstimmen, denn die Angelegenheit müsse differenzierter angegangen werden. Und zweitens seien viele Fragen weder ausformuliert noch nicht diskutiert worden, sagt Gehrig. Deshalb würden sich nun zunächst die drei Pfarrer der Kirchgemeinde um die theologischen Aspekte kümmern, die es hierbei zu berücksichtigen gilt, wie: Ob eine reformierte Kirche mit einem Kreuz in der Mitte nicht zu katholisch werde, nennt Gehrig ein Beispiel. Die Pfarrer würden dem Kirchgemeinderat schliesslich Empfehlungen aus theologischer Sicht abgeben. Danach werde sich dieser mit der Frage beschäftigen: Wo liesse sich ein Kreuz, in welcher Form, in welcher Grösse und für wieviel Geld überhaupt installieren? Die Antworten darauf seien vielfältig und das Band der Möglichkeiten deshalb breit, so Gehrig. Er gesteht: Er hätte nie gedacht, dass sich die Angelegenheit so stark aufs Persönliche zuspitzen würde. «Für mich stand nicht das Kreuz, sondern die baulichen Herausforderung bei der Installation in einer 400-jährigen, denkmalgeschützten Kirche im Vordergrund.» Die Krux ums Kreuz soll auch an der Kirchgemeindeversammlung thematisiert werden, allerdings ohne dabei eine Entscheidung zu fällen.

Das Kreuz ist für viele negativ behaftet

Auch Therese Schenk, die den Stein ins Rollen brachte, sagt: Sie hätte sich nie erträumen lassen, mit ihrem Anliegen eine solch angeregte Diskussion zu entfachen. Sie bedaure es, dass das Kreuz einem grossen Teil der Gläubigen offensichtlich nicht viel bedeute. Aus der Diskussion von Anfang Mai habe sie vor allem eine Erkenntnis gezogen: Für viele sei das Kreuz sogar negativ behaftet und werde mit Tod und Leid assoziiert. «Für mich steht das Kreuz aber für Jesus, der uns ein Leben lang begleiten und von unseren Leiden erlösen soll», sagt sie und meint: «Die Besinnung zur Nächstenliebe täte insbesondere der heutigen Gesellschaft gut.» Sie hoffe nun, das Kreuz möge die Gemeinschaft nicht spalten, sondern verbinden. «Es wäre schön, wenn das Kreuz nicht kategorisch verneint, sondern die Frage von der Kirchgemeinde ernsthaft diskutiert würde.» Die Varianten seien zahlreich, wobei das Kreuz aus ihrer Sicht nicht einmal prominent plaziert sein müsste.

Sollte es letztlich dennoch zu einem Nein kommen, hält Schenk fest: Die Spende, die inzwischen auf 150 Franken angewachsen ist, bleibt einem Kreuz und nicht der Kirchgemeinde gewidmet.

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