Flüchtlingsrouten
Die Ruhe vor dem Sturm? Ein Augenschein an der Grenze in Chiasso

An der Schweizer Südgrenze ist es derzeit relativ ruhig. Doch was, wenn der Flüchtlingsstrom nach der Schliessung der ungarischen Grenze plötzlich aufs Tessin zusteuert?

Beat Stauffer, Chiasso
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Grenzwächter in Chiasso. 21 Verdächtige wurden überprüft. «Ein ziemlich ruhiger Tag.»roland schmid

Grenzwächter in Chiasso. 21 Verdächtige wurden überprüft. «Ein ziemlich ruhiger Tag.»roland schmid

Roland Schmid

Bahnhof Chiasso, diesen Donnerstag. Im Inneren des langgestreckten Gebäudes, das sich auf einem breiten Perron zwischen den Gleisen 2 und 3 befindet, ist ein Stimmengewirr aus Tessiner Dialekt, Französisch, Schweizerdeutsch und Englisch zu vernehmen. Wir befinden uns im Herzstück des Zentrums der Grenzwache: ein grosser, äusserst nüchtern gehaltener Saal mit Sitzbänken, einem abgetrennten Raum für Körperdurchsuchung und einem Bürotrakt. Hier werden illegal eingereiste Personen kontrolliert. Rund ein Dutzend Beamte der Grenzwache sowie zwei zivil gekleidete Verbindungspersonen der italienischen Grenzwache sind anwesend.

Es ist halb drei Uhr. Auf einer Bank sitzen sechs junge Männer. Sie sind vor kurzem in dem aus Mailand kommenden Regionalzug aufgegriffen worden. Ihre Ausweise sind bereits überprüft, ihre Personalien aufgenommen, ihr Gepäck systematisch durchsucht worden. Alle erhalten ein Plastikarmband mit einer Identifikationsnummer, damit Verwechslungen ausgeschlossen werden können. Geld, Handy und Wertgegenstände werden in eine verschliessbare Plastiktüte gesteckt und angeschrieben. Alle müssen sich ihre Fingerabdrücke nehmen lassen.

Stress in den Gesichtern

Die Gesichter der jungen Männer wirken ernst; Unsicherheit und Stress sind deutlich zu spüren. Die meisten schauen zu Boden, stützen ihr Gesicht in die Hände. Haben sie sich gewünscht, ohne Kontrolle in die Schweiz einreisen zu können? Sind sie von Landsleuten informiert worden, wie sie sich an der Schweizer Grenze zu verhalten haben? Wollen sie Asyl beantragen? Wissen sie überhaupt, dass sie eine Grenze überquert haben?

15.13 Uhr. Pünktlich rollt der IC aus Mailand in den Bahnhof ein. Auf dem Perron stehen sechs Beamte der Grenzwache in blauen Uniformen bereit. Sie lassen die Passagiere aussteigen und beginnen dann sogleich in Zweiergruppen mit der Kontrolle des Zuges. Dafür stehen ihnen lediglich etwa fünf Minuten zur Verfügung.

Der Reporter begleitet Hauptmann Patrick Benz und seinen Mitarbeiter auf dem Kontrollgang durch den Zug.

Schon bald stossen die Grenzwächter auf zwei Reisende, die ihnen verdächtig scheinen. Sie stammen aus Schwarzafrika, liegen lässig in ihren Sitzen und führen drei voluminöse Koffer mit sich. Die Papiere, welche die beiden vorweisen, berechtigen nicht zur Einreise in die Schweiz. Patrick Benz fordert die beiden höflich, aber entschieden auf, den Zug mitsamt Gepäck zwecks Überprüfung der Personalien zu verlassen.

Die beiden Afrikaner werden zum Grenzwachtposten begleitet und untersucht. Der eine, Lucky I., stammt nach eigenen Aussagen aus Nigeria, der andere aus Guinea-Conakry. Während Lucky I. über einen gültigen italienischen Flüchtlingsausweis verfügt, legt sein Kollege bloss eine Farbkopie desselben Dokuments vor. Gleichzeitig durchsuchen andere Grenzwächter die drei Koffer. Bald wird der echte Ausweis des jungen Mannes aus Guinea-Conakry zutage gefördert. Es stellt sich zudem heraus, dass Lucky I. in Deutschland unter dem Namen Ibrahim B. ein Asylgesuch eingereicht hat.

Die Grenzwächter, darunter auch eine Frau, arbeiten ruhig und konzentriert; ihr Umgang mit den illegal eingereisten Menschen ist höflich und korrekt. Ist dies auch der Fall, wenn keine Beobachter dabei sind und wenn gleichzeitig Dutzende von Flüchtlingen eintreffen? Die Grenzwächter würden geschult und hätten Anweisungen, wie sie sich gegenüber ihren Klienten zu verhalten hätten, versichert Benz.

Die Arbeit der Grenzwächter wird durch die Ankünfte der Züge aus Italien strukturiert: Jede Stunde treffen zwei Regionalzüge und ein Intercity in Chiasso ein. 303 Personen arbeiten zurzeit im Bereich des GWK IV im Schichtbetrieb. Darunter befinden sich Beamte aus der West- und Deutschschweiz, die zur Verstärkung ihrer Tessiner Kollegen vorübergehend nach Chiasso abkommandiert worden sind.

Der Reporter begleitet Hauptmann Benz und seinen Mitarbeiter auf weitere Kontrollgänge. Meist werden die beiden fündig. 17.13 fährt wieder ein Schnellzug ein. Eine junge Frau aus Somalia mit einem Baby, ein junger Somalier sowie ein Mann aus Gambia werden identifiziert. Sie wohne in Bellinzona und habe Papiere, reagiert sie ungehalten. Nur mit einer Portion Hartnäckigkeit ist sie dazu zu bewegen, den Intercity zu verlassen. Die jungen Männer folgen. Alle machen sogleich klar, dass sie in der Schweiz um Asyl ersuchen wollen. Wenig später werden sie in das nahe gelegene Empfangszentrum für Asylbewerber begleitet.

Gegen Abend ist zu erfahren: Lucky I. alias Ibrahim B. ist gemäss Rückübernahmeabkommen der italienischen Grenzwache übergeben worden. Der Mitreisende aus Guinea Bissau bleibt hingegen zu weiteren Abklärungen in Chiasso.

Heroinspuren auf Geldscheinen

Mittlerweile ist es 20 Uhr geworden. Auf einer Pinnwand vermerkt ein Grenzwächter die Ereignisse des Tages: Insgesamt wurden 21 Personen unter dem Verdacht illegaler Einreise festgehalten und überprüft. Sie stammten aus Eritrea, Somalia, Sudan, Gambia, Guinea und weiteren Ländern. Sieben von ihnen wurden den italienischen Behörden übergeben. Ein junger Albaner wurde mit rund 10 000 Franken in bar erwischt. Die Geldscheine wiesen Spuren von Heroin auf. Zwei Rumänen mit Verdacht auf deliktische Tätigkeit wurden zur Abklärung dem Identifikationszentrum übergeben.

Ein ziemlich ruhiger Tag, sagt Hauptmann Patrick Benz. Noch im Juni wurden im Schnitt um die 80 illegale Einreisen pro Tag registriert. Doch das könnte sich schon bald ändern; dann nämlich, wenn Flüchtlingsströme via Kroatien und Slowenien nach Italien gelangen würden. Eine trügerische Ruhe vor dem Sturm? Benz’ Botschaft lautet kurz und bündig: Die Grenzwache macht ihren Job, und sie ist auch für neue Situationen gerüstet.

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