Schweiz

Die Lobbying-Maschinerie der Crypto: Wie sich die Firma die Gunst von Bund, Armee und Öffentlichkeit sicherte

Der Hauptsitz des Chiffriergeräte-Herstellers Crypto in Steinhausen ZG.

Der Hauptsitz des Chiffriergeräte-Herstellers Crypto in Steinhausen ZG.

Die Zuger Crypto AG nahm mehrfach Einfluss auf politische Prozesse. Sie drang bis zu einem Bundesrat vor.

Ein Nationalrat im Verwaltungsrat kann im richtigen Moment Gold wert sein. Diesen Umstand machten sich auch die Verantwortlichen des Zuger Chiffriergeräteherstellers Crypto AG zunutze. Die Firma im Besitz der Nachrichtendienste CIA und BND verpflichtete über die Jahrzehnte mehrere namhafte Schweizer Volksvertreter als Verwaltungsräte. Diese wurden – wissend oder unwissend – Teil einer ausgeklügelten Lobbying- und PR-Maschinerie. Sitzungsprotokolle aus dem Zuger Handelsregister, Militärzeitschriften, PR-Unterlagen und andere Dokumente geben Einblick, wie diese funktionierte.

Intervention bei Bundesrat Delamuraz

Frühling 1993. Die Geschäftsleitung der Crypto AG ist besorgt, weil das damalige Bundesamt für Aussenwirtschaft (heute Staatssekretariat für Wirtschaft) einen Export der Zuger Firma blockiert. Das Unternehmen bittet seinen Verwaltungsrat und damaligen FDP-Nationalrat Georg Stucky, bei Volkswirtschaftsminister Jean-Pascal Delamuraz einen Gesprächstermin zu arrangieren. Delamuraz willigt laut dem Sitzungsprotokoll umgehend zu einem Treffen ein. Die Geschäftsleitung bedankt sich an der Verwaltungsratssitzung vom 4. Juni 1993 bei Stucky, dass der Termin «so schnell zu Stande kam».

Jean-Pascal Delamuraz traf als Bundesrat auf einen Crypto-Kadermann.

Jean-Pascal Delamuraz traf als Bundesrat auf einen Crypto-Kadermann.

Allerdings ist die Sache damit noch nicht erledigt. Der damalige Crypto-Geschäftsführer Michael Grupe berichtet dem Gremium, beim Treffen sei es zwar gelungen, Bundesrat Delamuraz «die Exportsituation, in welcher sich die CAG (Anm. d. Red: Crypto AG) befindet, zu schildern». Das Anliegen sei «gut angekommen». Doch die Mitarbeiter von Delamuraz seien «viel restriktiver» eingestellt als ihr Chef. Das Bundesamt für Aussenwirtschaft werde erfahrungsgemäss auch nach der Intervention auf höchster Ebene eine «harte Stellung einnehmen».

Der Crypto-Verwaltungsrat beschliesst, nötigenfalls noch einmal in Bern zu insistieren. Nationalrat Stucky bietet seine Hilfe erneut an, was sich dann aber sehr schnell erübrigt: Wie am Schluss des Protokolls vermerkt ist, gibt das Bundesamt der Crypto AG noch während der Verwaltungsratssitzung im Juni 1993 grünes Licht für den Export.

FDP-Nationalrat Georg Stucky sass im Crypto-Verwaltungsrat

FDP-Nationalrat Georg Stucky sass im Crypto-Verwaltungsrat

Die Einflussnahme auf politische Prozesse gehört für die Crypto AG offenkundig zum Alltagsgeschäft. An einer weiteren Sitzung vom 12. September 2006 sagt Georg Stucky, inzwischen nicht mehr Nationalrat, dafür Verwaltungsratspräsident, dass «alles darangesetzt» werden müsse, um die Initiative «für ein Verbot von Kriegsmaterial-Exporten» zu verhindern. Die Initianten des Volksbegehrens sammeln damals erst Unterschriften. Dennoch beschliesst der Crypto-Verwaltungsrat bereits in diesem Stadium «Interventionen beim Parlament und bei Verbänden (Swissmem)».

«Gerüchte halten sich im Internet lange»

Zur Strategie der Crypto AG zählt auch der Gang an die Öffentlichkeit. Mitarbeiter lassen sich bereitwillig interviewen oder geben Gastvorträge an Hochschulen zum Thema Informationssicherheit. Kryptologie-Experte Markus Stadler gewährt im Jahr 2003 dem Magazin der ETH Zürich ein Interview zum Thema Verschlüsselung und spricht ausführlich über die neuesten Entwicklungen in diesem Bereich.

Angesprochen auf den zu diesem Zeitpunkt schon viele Jahre alten Vorwurf, die Crypto AG baue in ihre Chiffriergeräte Hintertüren ein, sagt Stadler: «Wenn an der Geschichte etwas dran wäre, hätten unsere Kunden ihr Vertrauen verloren und die Konkurrenz uns längst aus dem Markt gedrängt.» Doch die Crypto AG sei führend bei der Herstellung von Chiffriergeräten für Regierungsstellen und Militärs. «Aber Gerüchte verbreiten sich im Internet halt relativ rasch und halten sich noch lange.» Heute ist Stadler für die CyOne Security AG tätig, die 2018 aus einem Management-Buy-out der Crypto AG entstanden ist. Über eine PR-Agentur lässt er verlauten: «CyOne Security AG möchte sich zur Vergangenheit nicht (mehr) weiter äussern und damit auch nicht zu Ihren Fragen.»

Ihre Nähe zur Armee, dem Bund und anderen Institutionen stellt die Crypto AG immer wieder im unternehmenseigenen «Crypto-Magazine» zur Schau. Korpskommandant Aldo Schellenberg lässt sich vom Unternehmen im Besitz der CIA genauso interviewen wie der Delegierte für Informatiksteuerung des Bundes.

Die Crypto AG schaltet auch regelmässig Inserate in der Allgemeinen Schweizerischen Militärzeitschrift. Mitarbeiter verfassen mehrseitige Beiträge. Ein Customer Segment Manager der Crypto AG warnt die Leserschaft noch im Jahr 2013, staatliche Behörden müssten «jederzeit damit rechnen, primäres Ziel ausländischer Spionage zu sein».

Ein anderes Mal tritt das Unternehmen als Hauptsponsorin eines Symposiums zum Thema «Information Warfare» der Gesellschaft der Luftwaffenoffiziere auf. Ein Crypto-Vertreter hält ein Referat, in dem er den Zuhörern gemäss Manuskript verspricht: «Sie sparen Zeit und Geld, wenn Sie all ihre IT-Sicherheitsprobleme von einem Komplettanbieter lösen lassen. Der Crypto AG.»

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