Videokonferenz

Die Lieblings-Kulisse der Politiker: Bücherregale feiern in der Coronakrise ihre Rückkehr

Bücher als geistige Stützpfeiler: US-Präsidentschaftskandidat Joe Biden in seinem heimischen TV-Studio.

Bücher als geistige Stützpfeiler: US-Präsidentschaftskandidat Joe Biden in seinem heimischen TV-Studio.

In der Coronakrise übernimmt das heimische Bücherregal wieder eine repräsentative Aufgabe – der Digitalisierung sei Dank.

Zu den Szenen, die in diesen Tagen in verschiedensten Spielarten aufgeführt werden, gehört diese: «Videokonferenz vor repräsentativer Bücherwand». Viele Unternehmen und Organisationen müssen in der Coronakrise auf Sitzungen vor Ort verzichten. Stattdessen halten sie Besprechungen per Skype, Zoom oder Teams ab. Auf Ungeübte lauern dabei diverse Gefahren. Wer keine einschlägige Erfahrung vorzuweisen hat, kann die Ratgeberartikel konsultieren, die auf Onlineportalen massenhaft herumgeboten werden.

«Vier Fehler, die Du in einer Videokonferenz vermeiden solltest» sind auf der Plattform «Unternehmer.de» nachzulesen. Fehler Nummer eins: ein schlechter Kamerawinkel. «Schaffen Sie eine Arbeitsfläche, die befreit ist von den Dingen, die nicht zu Ihrer beruflichen Aufgabe gehören», rät ein Kommunikationstrainer im «Spiegel». Jeder Gegenstand könne eine Botschaft vermitteln. Und CVP-Nationalrätin Elisabeth Schneider-Schneiter empfiehlt auf Twitter einen Beitrag des Lifestylemagazins «GQ»: «Wie Sie bei einer Videokonferenz gut aussehen.» Der Winkel einer Webcam könne leider ein Doppelkinn und dunkle Augenringe begünstigen, bedauert der Autor.

Bisher kaum gewürdigt wurde die geradezu phänomenale Rückkehr des einstigen Vorzeigeobjekts des Bürgertums: Wer etwas auf sich hält, wählt sein Bücherregal als Kulisse für Videokonferenzen.

Zwar verlor mit dem Beginn des digitalen Zeitalters auch die analoge Wissensbeschaffung an Bedeutung, ebenso das Bücherregal als Festplatte von Literaturfreunden, persönliches Archiv oder repräsentativer Blickfang. Brockhaus, Reclam-Hefte und Suhrkamp-Bibliothek, sie alle wurden definitiv als Erbstücke des Bildungsdünkels belächelt. Einst mit Büchern vollgestopfte Regaltablare wichen möglichst luftigen Arrangements aus Vasen, Bilderrahmen und sogenannten Wohnaccessoires.

Doch ausgerechnet die digitale Transformation – beschleunigt durch die Verheerungen der Coronakrise – verhilft der privaten Bibliothek nun zu neuer Aufmerksamkeit. Viele wählen diese als Hintergrund für Videokonferenzen.

Wollen sie damit ihre Bildung dokumentieren? Eine persönliche Note ausstrahlen? Oder verstehen sie es angesichts langer Tage vor Bildschirmen einfach gut, unsere Sehnsucht zu bedienen? Die Sehnsucht nach Literatur, nach der Haptik eines Buches?

Ein schlichtes, stabil wirkendes Bücherregal

So ein Bücherregal erzählt jedenfalls einiges darüber, wer man ist oder wer man sein möchte. Hervorragend beobachten lässt sich das derzeit im Fernsehen, wo Interviewgäste vermehrt per Skype zugeschaltet werden.

Besonders Politiker positionieren sich dabei gerne vor ihren Bücherregalen. Zum Beispiel Grünen-Fraktionschef Balthasar Glättli: Er sass beim «Tagesschau»-Gespräch wenige Zentimeter vor einem prall bestückten Eckregal; gut sichtbar im Hintergrund: «Natur und Macht – eine Weltgeschichte der Umwelt» des Historikers Joachim Radkau.

Derweil beugte sich CVP-Präsident Gerhard Pfister über seinen Arbeitstisch, in einiger Distanz vor einem schlichten, stabil wirkenden Bücherregal. Es strahlte die Gewissheit aus, dass es nicht um das Möbelstück an sich geht, sondern um dessen Inhalt. Vom Germanisten und leidenschaftlichen Leser Pfister ist überliefert, dass er kein Buch weglegt, das er einmal angefangen hat.

Trump schart Minister um sich, Biden seine Bücher

Wie so oft lohnt sich auch ein Blick in die USA. Der Präsidentschaftswahlkampf ist wegen der Pandemie faktisch ausgesetzt. Der demokratische Topfavorit Joe Biden verschanzt sich in seinem Haus in Delaware, wo er im Keller ein kleines Videostudio eingerichtet hat. Vor einer raumhohen Bücherwand hält er seine Ansprachen und lässt sich in Talkshows zuschalten.

Auf einigen Tablaren liegen die Werke lose herum, auf anderen stehen sie eng aneinander gepresst; mal horizontal, mal vertikal. Wo es die Schrägen zulassen, hat Biden noch ein paar Bücher reingestopft. Eine Welt voller Rätsel und Geheimnisse: Einzelne Titel sind auf den Buchrücken nicht erkennbar.

Präsident Donald Trump inszeniert sich in der Coronakrise trotz seiner Versäumnisse als Macher, seine Umfragewerte steigen. Bei seinen Auftritten schart er gerne ernst dreinblickende Minister und Beamte um sich. Währenddessen bleiben Politveteran Biden, so scheint es, derzeit nur seine Bücher als geistige Stützpfeiler. Was vertrauenerweckender ist, liegt selbstverständlich in den Augen des Betrachters.

Autor

Sven Altermatt

Sven Altermatt

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