Rauchverbot

Die Gastronomie-Krise, die keine war: 10 Jahre Rauchverbot

Die Bar "Parterre" in der Berner Länggasse. Früher hingen vor Kneipen noch Schilder mit Hunden drauf und dem Satz "Ich bleibe draussen". Seit dem 1. Mai 2010 gilt das auch fürs Herrchen, sofern es raucht. (Archivbild)

Die Bar "Parterre" in der Berner Länggasse. Früher hingen vor Kneipen noch Schilder mit Hunden drauf und dem Satz "Ich bleibe draussen". Seit dem 1. Mai 2010 gilt das auch fürs Herrchen, sofern es raucht. (Archivbild)

Am 1. Mai ist es zehn Jahre her, dass das Rauchverbot in Schweizer Gaststätten in Kraft trat. Die Gastro-Branche befürchtete damals existenzbedrohende Umsatzeinbussen und Rauchgegner bejubelten die verbesserte Volksgesundheit. Beide Szenarien waren zu hoch gegriffen.

93,1 Prozent der Mitglieder des Verbands GastroSuisse beklagten ein Jahr nach der Einführung des Verbots Umsatzeinbussen - die meisten um die 10, einige 20 Prozent, Bars, Diskotheken und Clubs sogar mehr. Die Zahlen des Bundesamts für Statistik (BFS) sprachen eine andere Sprache: Wie vor 2010 nahm die Zahl der Lokale weiter zu und die Umsätze stiegen kontinuierlich bis ins (als letztes ausgewertete) Jahr 2018.

Einige Gastrobetriebe profitierten nämlich auch von der gesetzlich verordneten Entdampfung ihrer Lokale, namentlich "Räucherhöhlen". Die Betreiber der Zürcher "Bodega" beispielsweise berichteten damals, dass nun mehr Kundschaft zum Essen komme und man an den Tischen mehr Umsatz generiere als vorher an der Theke.

Das angebliche Wunder der Volksgesundung

Gute Nachrichten kamen auch von medizinischer Seite: In den zwei Jahren vor dem Inkrafttreten des kantonalen Rauchverbotes 2008 wurden in Graubünden 229 respektive 242 Herzinfarkte verzeichnet. Im ersten Jahr nach der Umstellung sank die Zahl der Infarkte um 22 Prozent auf 183, wie das Kantonsspital damals mitteilte.

Kritiker warfen ein, dass diese wundersame und erstaunlich schnelle Besserung der Volksgesundheit nicht eindeutig auf das Rauchverbot in der Gastronomie zurückzuführen sei, sondern auch auf verschiedene andere Präventionsmassnahmen gegen das Passivrauchen.

Ganz kratzfest war nur die positive Auswirkung des Rauchverbots auf Serviceangestellte: Für eine Studie wurde Kellnern und Kellnerinnen schon vor dem 1. Mai 2010 ein Badge verpasst, der die Rauchbelastung mass. Sie inhalierten in einer einzigen Schicht im Schnitt so viel Schadstoffe, als hätten sie fünf Zigaretten geraucht. Nach dem In-Kraft-Treten des Rauchverbots war die Belastung 16 Mal tiefer und die Gesundheit des Servicepersonals wieder auf dem Stand von vor drei Jahren.

Als noch keiner Böses dachte...

Bis zum 1964 in den USA veröffentlichten Terry-Report machte sich kaum ein Mensch Gedanken über die gesundheitsschädigende Auswirkung des Rauchens. Dr. Luther L. Terry - seinerzeit US-Surgeon General - bewies als erster den ursächlichen Zusammenhang zwischen Rauchen und Lungenkrebs. Die Welt war nachhaltig erschüttert.

Von da an gings systematisch voran mit der Rauchbekämpfung: 1971 verboten die USA gegen den erbitterten Widerstand der Tabakindustrie Zigarettenwerbung in Funk und Fernsehen und verordneten Warnetiketten auf Zigarettenpackungen.

In den 1980er Jahren begannen US-Fluggesellschaften, das Rauchen einzuschränken, ebenso Behörden und Betriebe in ihren Büros, auch in der Schweiz. 1996 unterband die Swissair das Rauchen auf Europa- und im Jahr darauf auch auf Nordatlantikflügen.

2004 verbot der Europäische Fussballverband UEFA bei internationalen Spielen das Rauchen auf Trainerbänken. Und Ende 2005 wurde Rauchen in allen öffentlichen Transportmitteln in der Schweiz untersagt. "Rauchverbot" wurde das Deutschschweizer Wort des Jahres 2006. Das Bundesgesetz zum Schutz vor Passivrauchen vom 3. Oktober 2008 war also kein Bruch, sondern einfach ein weiterer Schritt zum rauchfreien öffentlichen Raum.

Schon der erste Raucher war ein Ketzer

Dennoch beklagen Raucher gern, sie würden verteufelt. Das ist freilich nichts neues, der allererste Raucher Europas wurde sogar als Ketzer verurteilt: Der Vollmatrose Rodrigo de Jerez, der 1492 zur Kolumbus' Crew gehörte und die jahrhundertealte Gewohnheit des Tabakrauchens aus der Neuen Welt nach Spanien heimbrachte, wurde von seinem Umfeld aufs heftigste beargwöhnt. Ein Mensch, dem Rauch aus dem Mund quillt, der muss des Teufels sein! Das fand die Inquisition auch und buchtete den Mann für sieben Jahre ein.

Gotteslästerlich hat wohl auch Papst Urban VII. das Paffen empfunden, denn er sprach 1590 das allererste Rauchverbot aus (für Kirchen) - unter Androhung der Exkommunikation. 1724 hob ein Nachfolger, Papst Benedikt XIII., das Verbot wieder auf, denn er rauchte selber fürs Leben gern.

Harter Gegenwind blies Rauchern im Herzogtum Lüneburg entgegen, wo bis 1692 - wenigstens theoretisch - die Todesstrafe aufs Qualmen stand. In der Türkei soll Sultan Murad IV 1633 eigenhändig Kaffeetrinker, Weinsüffel und Raucher geköpft haben. In Russland erging 1634 eine Tabakprohibition auf deren Verletzung unter anderem Aufschlitzen der Nase stand. Und in Persien wurde Rauchern flüssiges Blei in den Rachen gegossen.

Was ist dagegen schon ein bisschen Rauchverzicht in der Beiz?

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