Kunstflugstaffel
Die Frage nach dem Absturz: Brauchts die Patrouille Suisse noch?

Der Absturz des Tiger F-5 in Holland wirft zahlreiche Fragen auf – das sind die acht wichtigsten Antworten zur Schweizer Kunstflugstaffel.

Antonio Fumagalli
Drucken
Patrouille Suisse
11 Bilder
Nach diversen Zwischenfällen bei der Patrouille Suisse stellt sich die Frage – braucht es die Kunstflugstaffel noch? Patrouille Suisse
F5-Tiger der Patrouille Suisse fliegen in Payerne
Die Patrouille Suisse ist bekannt für ihre eindrücklichen Flugshows
Ein Pilot der Patrouille Suisse gruesst die Fans aus seinem Tiger F5-E kurz vor dem Start
Ein Airbus A330 der Swiss, eskortiert von sechs Tiger-Jets der Patrouille Suisse, überliegt das Gelände.
Ein Airbus A330 der Swiss, eskortiert von sechs Tiger-Jets der Patrouille Suisse, überliegt das Gelände.
Die Patrouille Suisse überfliegt das Basel Tattoo
«Patrouille Suisse» und ein Airbus A320 der Swiss liefern eine Flugshow.
«Patrouille Suisse» mit einem Airbus A320
Die Patrouille Suisse bei der Gotthard-Eröffung

Patrouille Suisse

Lucas Huber

1) Wie geht es dem Piloten, der sich mit dem Schleudersitz retten musste?

Den Umständen entsprechend gut. Der erfahrene Pilot (1250 Flugstunden) landete mit seinem Fallschirm unsanft auf einem Gewächshaus und zog sich dabei einen Fussbruch, Schnittverletzungen sowie Prellungen zu. Deshalb befand er sich gestern noch in einem holländischen Spital, war aber jederzeit ansprechbar. Wann er in die Schweiz repatriiert werden kann, ist noch unklar. Aufgrund der verhältnismässig leichten Verletzungen wird dafür gemäss Verteidigungsdepartement (VBS) jedoch höchstwahrscheinlich kein Sonderflug der Rega notwendig sein.

2) Gibt es neue Erkenntnisse zur Ursache des Unfalls?

Noch nicht allzu viele. Klar ist: Während eines Patrouille-Suisse-Trainingsflugs für einen bevorstehenden Auftritt touchierten sich zwei Tiger-F-5-Kampfjets, wobei der eine danach in einen kleinen See stürzte. Das andere Flugzeug verlor bei der Berührung das rechte Höhenleitwerk, konnte vom Piloten aber sicher gelandet werden. Es ist der erste Absturz in der 52-jährigen Geschichte der Schweizer Kunstflugstaffel.

Am Freitag ist die Untersuchung der Schweizer Militärjustiz angelaufen, zwei Vertreter sind dazu nach Holland gereist. Sie gehören zu einer dreizehnköpfigen Delegation aus der Schweiz – darunter ein Care-Team für die Piloten, Techniker und Flugsicherheitsexperten. Gemäss Militärjustiz ist es aber noch viel zu früh, um erste Ergebnisse zu präsentieren. «Wir können erst kommunizieren, wenn die Untersuchungen abgeschlossen sind», sagt Sprecher Tobias Kühne. Diese würden voraussichtlich mehrere Monate in Anspruch nehmen. Wann der Flieger geborgen werden kann, war gestern auch noch offen – es dürfte aber in den nächsten Tagen sein.

Ein F5-Tiger-Kampfflugzeug der Schweizer Armee ist in den Niederlanden abgestürzt.
10 Bilder
Die Absturzstelle: Der Kampfjet berührte beim Flugshow-Training einen anderen der Patrouille Suisse. Ein Flieger stürzte ab - der Pilot rettete sich per Schleudersitz.
Der zweite Pilot konnte sein Flugzeug kontrolliert landen.
Aldo C. Schellenberg, Kommandant der Luftwaffe, informiert wenige Stunden später über den Absturz.
Schellenberg zeigt sich betroffen über den Absturz, ist aber auch "enorm erleichtert" über den glimpflichen Ausgang des Unfalls.
Die Patrouille Suisse ist bekannt für ihre eindrücklichen Flugshows
Dieses Bild zeigt vier ihrer Flieger über dem Berner Oberland.
F5-Tiger der Patrouille Suisse fliegen in Payerne
Nach diversen Zwischenfällen bei der Patrouille Suisse stellt sich die Frage – braucht es die Kunstflugstaffel noch? Patrouille Suisse
Patrouille Suisse

Ein F5-Tiger-Kampfflugzeug der Schweizer Armee ist in den Niederlanden abgestürzt.

Screenshot www.airlive.net / Tino Broekstra

3) Warum können die Schweizer Behörden den Vorfall auf holländischem Boden überhaupt
untersuchen?

Bei derartigen Fällen, in die zwei (befreundete) Staaten involviert sind, ist das üblich. Die beiden Schweizer Spezialisten haben gestern den Schadenplatz angeschaut, die involvierten Piloten befragt und die Dokumentation der holländischen Kollegen gesichtet. Die Niederländer führen nämlich die Flugsicherheitsuntersuchung durch. Die Zusammenarbeit mit den Holländern sei eng und gut, sagt Kühne. Es sei aber nicht zu verhindern, dass ein Teil der Arbeit doppelt durchgeführt werde. Für die strafrechtliche Aufarbeitung des
Falles ist die Schweiz zuständig.

4) Bedeutet der Unfall das Ende der Patrouille Suisse?

Unmittelbar sicher nicht. Es gibt bislang keine Erkenntnisse zum Unfall,
die eine sofortige Ausserbetriebnahme der Kunstflugstaffel erfordern würden. Auch die anderen Tiger F-5, welche die Schweizer Armee im Betrieb hat, fliegen derzeit normal weiter.

5) Braucht die Schweiz die Patrouille Suisse denn überhaupt noch?

Das ist eine andere Frage, die politisch entschieden werden muss. Sie wird mit der Ausserdienststellung der Tiger F-5, die frühestens 2018 beginnt, an Dringlichkeit gewinnen. Nach dem Grounding des Gripen-Projekts ist noch völlig unklar, ob und in welchem Umfang die Schweiz neue Kampfjets beschafft. Grundsätzlich kann man mit jedem Flugzeug Vorführungen machen, also auch mit den bestehenden F/A-18 oder mit neuen Jets. So oder so dürften die Zeiten vorbei sein, in denen ein Teil der Flotte wie heute rot-weiss bemalt wird.

Sicherheitspolitiker sind sich uneins, ob die Patrouille Suisse auch künftig weitergeführt werden soll: «Sie ist eine lieb gewonnene Tradition, die mit der Ausserdienststellung der
Tiger aber wohl vorbeigehen wird», sagt der Aargauer GLP-Sicherheitspolitiker Beat Flach. FDP-Nationalrätin Corina Eichenberger, Präsidentin der sicherheitspolitischen Kommission, will sich noch nicht festlegen, könnte sich eine Weiterführung der «Visitenkarte der Schweiz» aber vorstellen. Der Schaffhauser SVP-Nationalrat und Kampfjet-Pilot Thomas Hurter sagt: «Es wäre ein Verlust für die Schweiz, wenn die Patrouille Suisse als Botschafterin abgeschafft würde. Zentraler ist aber, dass die neuen Flugzeuge den Auftrag der Armee erfüllen.»

6) Hat die Patrouille Suisse nach dem Absturz noch genügend Flugzeuge für die Shows?

Ja, die Staffel fliegt jeweils in 6er-Formationen. Nach dem Absturz verbleiben der Armee zehn rot-weiss bemalte Flieger, hinzu kommen elf graue. Ob die nächsten Auftritte der Patrouille Suisse aber überhaupt stattfinden, wird kommenden Mittwoch entschieden.

7) Fallen für die Eidgenossenschaft wegen des Unfalls nun riesige Unkosten an?

Die Luftwaffe schliesst für die Teilnahme der Patrouille Suisse an Flugshows im Ausland jeweils eine Haftpflichtversicherung für Drittschaden ab, die allfällige Schäden abdeckt. Wie hoch im aktuellen Fall der Schaden ist, und wer genau der Geschädigte ist, wird erst die Untersuchung zeigen.

8) Stimmt es eigentlich, dass die Patrouille Suisse bei Auftritten aus Sicherheitsgründen nicht über die Zuschauer fliegt?

Jein. Solange die Jets einfach nebeneinander fliegen, kann das sehr wohl auch über den Köpfen der Zuschauer sein, wie man zuletzt bei der Eröffnung des Gotthard-Basistunnels beobachten konnte. Es ist mittlerweile aber internationaler Standard, dass über dem Zuschauerbereich keine Manöver stattfinden – dabei hat man auch aus dem tragischen Unglück von 1988 im deutschen Rammstein mit 70 Toten und 1000 Verletzten gelernt.

Aktuelle Nachrichten