Winterspiele 2022

Die Fifa-Krise ist auch beim IOC angekommen

IOC-Präsident Thomas Bach ermutigte die Fifa, sich in Sachen Reformen ein gutes Beispiel an der olympischen Familie zu nehmen.

IOC-Präsident Thomas Bach ermutigte die Fifa, sich in Sachen Reformen ein gutes Beispiel an der olympischen Familie zu nehmen.

Gestern stellten die beiden letzten verbliebenen Bewerber ihre Dossiers für die Winterspiele 2022 dem Internationalen Olympischen Komitee (IOC) in Lausanne vor. Das Problem: Almaty und Peking klingen für viele nicht besser als Katar und Moskau.

Um 10.30 Uhr bricht leise Hektik aus. Sofern man auf dem idyllischen Gelände des olympischen Museums in Lausanne überhaupt von Hektik sprechen kann. Die Delegation von Kasachstan, angeführt von Premierminister Karim Massimov, verlässt das Gelände. Diplomaten-Autos mit Kasachstan-Fähnchen auf der Kühlerhaube stehen bereit. Das chinesische Staatsfernsehen verfolgt den Konkurrenten um die Austragung der Olympischen Winterspiele 2022 auf Schritt und Tritt. Soeben hatten die Kasachen den IOC-Mitgliedern die Kandidatur Almaty schmackhaft gemacht. Unter Ausschluss der Öffentlichkeit.

Der Wechsel ist fliegend. Kaum verlässt die kasachische Karawane das Areal, folgen die Chinesen. Eine Schar chinesischer Touristen mit Fähnchen winkt der Delegation auf dem Gang zu den IOC-Mitgliedern zu. Angeführt von Chinas Vizepremier Liu Yandong hat die Gruppe eineinhalb Stunden Zeit, dem IOC das Dossier für die Spiele 2022 in Peking zu präsentieren.

Blatter und der Scheich fehlen

Das «technische Briefing», wie der Vorgang offiziell heisst, ist nur für die Ohren der 101 IOC-Mitglieder bestimmt. 16 von ihnen haben abgesagt, darunter auch Fifa-Präsident Sepp Blatter. Blatter habe sich schon vor zwei Monaten, also vor seinem Rücktritt, entschuldigt, erklärte IOC-Präsident Thomas Bach. Der als Blatter-Nachfolger gehandelte Scheich Ahmad al-Fahad al-Sabah, Spitzname «Scheich der Ringe», fehlt ebenfalls.

Es herrscht eine eigentümliche Gemengelage an diesem vor olympischer Historie strotzenden Ort. Feine Anzugsträger, Touristen in kurzen Hosen, Sicherheitskräfte und 150 Journalisten haben das Museum in Beschlag genommen. 80 Prozent aller Anwesenden sind asiatischer Herkunft. Vier Tage konferiert das IOC in Lausanne. Die ersten beiden Tage waren für das Exekutivkomitee reserviert, gestern und heute stellen Almaty und Peking ihre Bewerbungen vor.

Trotz der Skandale rund um den Fifa-Kongress in Zürich scheint die Stimmung hoch über dem Genfersee gelassen. Weisse Tücher schützen hier Tische und nicht verhaftete Funktionäre vor neugierigen Blicken. Kein Fotograf weiss, um welche Zeit er vor welchem Hotel stehen muss, um das Bild seines Lebens zu schiessen. Und die Polizei, die in Zürich noch für Schlagzeilen gesorgt hatte, dient den Touristen im Park des olympischen Museums als willkommenes Fotosujet.

Wie Katar und Moskau

Und doch schwingt Unbehagen mit. Die Fifa-Krise von Zürich ist längst auch im Hauptquartier des IOC angekommen, in Lausanne, dieser Wohlfühl-Oase der internationalen Sportverbände. Almaty und Peking, das klingt in europäischen Ohren nicht viel anders als Katar und Moskau. Wieder ist kein klassischer Wintersportort unter den Bewerbern. Oslo hatte seine Kandidatur im Oktober 2014 zurückgezogen. Eine parlamentarische Gruppe empfahl der Regierung, die Bewerbung nicht weiter zu verfolgen, nachdem der Rückhalt in der Bevölkerung schwand. Das IOC bedauerte den Entscheid. Zuvor hatten sich bereits Stockholm, Krakau, Lemberg, Graubünden und München aus dem Rennen verabschiedet.

Das IOC weiss, dass es dieser Tage und bis zur definitiven Vergabe der Winterspiele unter Beobachtung steht. Der Fall der Fifa beschäftigte die Sitzung des IOC-Exekutivkomitees am Montag. Präsident Thomas Bach ermutigte die Fifa, sich ein gutes Beispiel an der olympischen Familie für Reformen zu nehmen. Wobei der Ausdruck «Familie» im Lichte der Vergangenheit bereits wieder heikel ist. «Wir können die Fifa nur ermutigen, den Weg der Reformen, der offensichtlich schon initiiert worden ist, weiterzugehen», bekräftigte der deutsche IOC-Chef. «Wir begrüssen die Bereitschaft für substanzielle Reformen. Es steht dem IOC aber nicht an, Ratschläge über die Medien zu geben.»

Selbstkritik übte Bach nicht. Dafür strich er die Reformen der Vergangenheit heraus. Das IOC war Ende der 1990er-Jahre selbst durch einen Bestechungsskandal vor den Olympischen Winterspielen 2002 in Salt Lake City erschüttert worden. Dabei waren zehn IOC-Mitglieder ausgeschlossen worden oder zurückgetreten. Daraufhin wurde eine Null-Toleranz-Politik in der olympischen Agenda verankert und der Kampf gegen Korruption gestärkt. «Wir wissen aus eigener Erfahrung, dass es schmerzhaft ist, alles auf den Tisch zu legen, aber es ist absolut notwendig», sagte Bach. Die Fifa-Struktur sei aber anders als die des IOC: «Der Unterschied ist riesig.»

Im vergangenen Dezember hatte das IOC unter der Vorgabe seines Präsidenten die Agenda 2020 auf den Weg gebracht. Dabei handelte es sich um ein umfassendes Reformprogramm mit 40 Punkten, über die die IOC-Mitglieder einzeln abstimmten. Alle wurden einstimmig angenommen. Es war der grosse Triumph von Bach, der sein Amt im September 2013 angetreten hatte. Bach nennt es ein System der Berechenbarkeit mit strengen Regeln bei der Wahl der Olympia-Gastgeber.

Zurück zu den Bewerbern für 2022. Bach lobte die Präsentationen von Peking und Almaty in den höchsten Tönen: «Es war sehr beeindruckend zu sehen, wie beide Städte die Reformen der Agenda 2020 umgesetzt haben, nur sechs Monate, nachdem das IOC sie einstimmig verabschiedet hatte.» Man sehe in beiden Bewerbungen einen «klaren Fokus auf Nachhaltigkeit und Erschwinglichkeit», zudem lobte Bach «gut ausbalancierte Haushalte» und Vorschläge für die «langfristige Entwicklung von Stadt, Region und Land».

Fehlender Schnee in Peking

Kritischer waren freilich die Fragen der Journalisten, denen sich die Bewerber am Nachmittag stellten. Die achtköpfige chinesische Delegation tat dies mit einem stets freundlichen Lächeln, während die fünf Kasachen so grimmig wie entwaffnete Westernhelden dreinschauten. Der Bewerbung Almaty wurden Fragen zur Ölpreisabhängigkeit des Landes, zu den Menschenrechten, zu den fehlenden Unterkünften und der mangelnden Erfahrung im Durchführen von Grossanlässen gestellt. Bei Peking waren die Luftqualität, der fehlende Naturschnee und die weiten Distanzen zwischen den Austragungsorten das Thema. Die Antworten waren so glatt wie die Oberfläche des Genfersees und das Wörtchen «hoch» feierte Konjunktur: Hoch seien die Qualität, die Effizienz, die Standards, die Nachhaltigkeit.

Wem die IOC-Mitglieder ihr Vertrauen schenken, zeigt sich am 31. Juli. Dann wird der Gastgeber der Olympischen Winterspiele 2022 gewählt, im Rahmen der 127. IOC-Sitzung in Kuala Lumpur.

Verwandte Themen:

Meistgesehen

Artboard 1