Thinktank
Die Chef-Laborantin der Grünliberalen will Wissenschaft und Politik versöhnen

Julie Cantalou ist die neue Präsidentin und Markus Koch der neue Leiter des GLP-Labs. Das Führungsduo der zweiten Generation will mit der Denkfabrik expandieren: in die Romandie, in das Tessin - aber auch international.

Othmar von Matt
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Die neue Führungscrew des GLP-Labs: Leiter Markus Koch und Präsidentin Julie Cantalou.

Die neue Führungscrew des GLP-Labs: Leiter Markus Koch und Präsidentin Julie Cantalou.

André Albrecht (Bern, 7. Januar 2021

Elf Jahre lang war sie unterwegs – in Madrid, Barcelona, Brüssel und Southampton. Stets arbeitete die Politikwissenschafterin Julie Cantalou (36) im Strategiebereich, sei es für Stiftungen oder für Universitäten wie die University of Southampton.

«Einmal um Westeuropa» sei sie in ihren Wanderjahren gereist, sagt sie. 2018 kehrte die Bernerin, die in Genf studierte, in die Schweiz zurück. Nach Zürich, wo sie im Stab von ETH-­Präsident Joël Mesot für strategische Prozesse zuständig ist.

Zurück aus den Wanderjahren, kam die Anfrage

Inzwischen sind ihre strategischen Fähigkeiten auch beim GLP-Lab gefragt, dem Politlabor der Grünliberalen. Als sie zurückkam, wurde sie gefragt, ob sie sich nicht für das Präsidium bewerben wolle. Das tat sie – und wurde gewählt.

Mitentscheidend war Markus Koch (31), der seit 2020 das GLP-Lab leitet. Weshalb entschied er sich für Cantalou? Sie lacht und sagt: «Das möchte ich auch gerne wissen.» Koch antwortet ohne Zögern: «Es war die Mischung aus Erfahrung, strategischem Denken, der Präsentation und der menschlichen Komponente.»

Das beruht auf Gegenseitigkeit. «Ich hätte auch Markus gewählt», sagt sie. «Er ist ein Glückstreffer. Wir verstanden uns sofort.» Cantalou, die strategische Denkerin. Und Koch, der Geschäftsführer. Der Ökonom arbeitet als Politikberater.

Sprung in die Romandie und in die kleinen Städte

Die GLP-Mitglieder Cantalou und Koch haben klare Zukunftspläne für die nächsten fünf Jahre. Sie wollen mit der Denkfabrik in die Westschweiz, ins Tessin und in die kleinen Städte expandieren. Das Bedürfnis dafür scheint gross. An einen Lancierungsanlass in Genf kamen im Herbst 60 Personen, alle mit Maske.

Das Duo will aber auch die Basis verbreitern, neue Talente rekrutieren. «Wir wollen mehr Leute begeistern und damit mehr Projekte fördern», sagt Cantalou. «Wachstum ist ein wichtiger Aspekt.» Heute besteht das GLP-Lab aus 100 sogenannten Laborantinnen und Laboranten. Das erweiterte Umfeld umfasst tausend Personen.

«Wachstum ist ein wichtiger Aspekt»: Julie Cantalou, Präsidentin des GLP-Lab.

«Wachstum ist ein wichtiger Aspekt»: Julie Cantalou, Präsidentin des GLP-Lab.

André Albrecht (Bern, 7. Januar 2021

Das GLP-Lab soll sich international vernetzen

Gleichzeitig planen Cantalou und Koch, die Denkfabrik stärker international zu vernetzen. Kontakte bestehen seit der Gründung nach Österreich. Das GLP-Lab war am 27. Oktober 2016 nach dem Muster des Neos-Lab gegründet worden, dem Thinktank der liberalen Partei Neos.

Das Politlabor sollte neue Formen der politischen Partizipation ermöglichen. Wer keine Lust auf eine klassische Partei-­Ochsentour hat, kann punktuell an einzelnen Themen mitarbeiten. Das GLP-Lab war aber auch eine Reaktion auf den Rechtsrutsch bei den Wahlen 2015.

Cantalou und Koch ersetzen die Nationalrätinnen Kathrin Bertschy (Gründerin, Präsidentin) und Corina Gredig (Leiterin), die das Politlabor aufgebaut haben. Beide bleiben im 20-köpfigen Vorstand. Sie haben es geschafft, dass das Politlabor im Ausland zum Vorbild wurde.

Leo Varadkar trifft 2020 als Premierminister von Irland US-Präsident Donald Trump im Weissen Haus. Heute ist Varadkar Vize-Regierungschef und Vorsitzender der irischen Partei Fine Gael, die das GLP-Lab in der Schweiz besuchte.

Leo Varadkar trifft 2020 als Premierminister von Irland US-Präsident Donald Trump im Weissen Haus. Heute ist Varadkar Vize-Regierungschef und Vorsitzender der irischen Partei Fine Gael, die das GLP-Lab in der Schweiz besuchte.

Keystone (Washington, 12 März 2020

Die irische Partei Fine Gael, dessen Parteivorsitzender Leo Varadkar von 2017 bis 2020 Premierminister Irlands war, besuchte das Lab in der Schweiz und zeigte sich angetan. «Wir werden die Fine Gael in der Entwicklung ihres Politlabors unterstützen», sagt die Präsidentin.

Das grosse Liberalismus-Projekt im deutschen Sprachraum

Cantalou und Koch planen zudem ein internationales Projekt über den modernen Liberalismus des 21. Jahrhunderts mit liberalen Parteien Deutschlands und Österreichs. Auch die FDP Schweiz sei dafür «herzlich eingeladen», sagt Cantalou. «Wer, wenn nicht der Freisinn, könnte Wichtiges beitragen.»

In der Schweiz plant das Politlabor für 2021 drei thematische Schwerpunkte. Es will den Dialog zwischen Wissenschaft und Politik fördern und Brücken schlagen. Die Pandemie hat gezeigt, wie wichtig dieser Wissensaustausch ist – und dass er zurzeit nur mit gewissen Schwierigkeiten funktioniert. «Es geht darum, wie man wissenschaftliche Erkenntnisse besser für eine evidenzbasierte Politik nutzen kann», sagt Julie Cantalou. «Grossbritannien ist uns hier fünf Jahre voraus.»

Die Denkfabrik will aber auch moderne Arbeitsformen wie Homeoffice, mobile Arbeit und Co-Working-Spaces aufnehmen. Ein drittes Themenfeld umfasst nachhaltige Ernährung und Landwirtschaft.

Ob dafür wieder eine Online-Partizipationsplattform benutzt wird wie beim basisdemokratischen Projekt «Digitales Klimalabor», ist unklar. 2020 war die Plattform ideal, mitten in der Pandemie.

150 Personen entscheiden über die besten Ideen

Das Beispiel zeigt, wie das GLP-Lab funktioniert. 150 Personen loggten sich ein. Sie entwickelten zwölf Ideen für eine klimaneutrale Siedlungsentwicklung. Die Community stimmte über die Projekte ab, und die drei besten Ideen wurden in der Bundeshausfraktion der Grünliberalen vorgestellt.

Markus Koch, Lab-Leiter: «Wir werden die digitale Partizipationsplattform in Zukunft punktuell einsetzen.»

Markus Koch, Lab-Leiter: «Wir werden die digitale Partizipationsplattform in Zukunft punktuell einsetzen.»

André Albrecht (Bern, 7. Januar 2021

Am weitesten gediehen ist ein Projekt zu dezentralen Energiespeichern, die erneuerbare Energien fördern und die Versorgungssicherheit gewährleisten. «Wir werden die digitale Partizipationsplattform in Zukunft punktuell einsetzen», sagt Laborleiter Koch. Es sei vor allem darum gegangen, zu testen, ob die Menschen bereit seien, sich auch digital zu beteiligen. Das war der Fall.

Markus Koch selbst ist ein Luzerner, der in Bern lebt. Heimweh bekommt er dann, wenn sich die Fasnacht ankündigt. Er ist Mitglied der Wagenbaugruppe Congressus Ebrius, was in etwa «feuchtfröhliche Zusammenkunft» bedeutet. Ein Vergnügen, auf das er diesen Winter verzichten muss.