Ivo Bischofberger
Der neue Ständeratspräsident bringt das Appenzellerland nach Bern

Ivo Bischofberger ist geprägt von seiner Herkunft - dem Appenzellerland Hier hat er Zusammenarbeit und Kompromiss gelernt. Parteien sieht er als zweitrangig an.

Doris Kleck
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Der neue Ständeratspräsident Ivo Bischofberger.

Der neue Ständeratspräsident Ivo Bischofberger.

Keystone

Wer den neuen Ständeratspräsidenten Ivo Bischofberger verstehen will, muss ins Appenzellerland reisen. In Oberegg ist Bischofberger aufgewachsen und nach dem Studium in Zürich und Konstanz kehrte er zurück. Noch immer nennt man ihn dort «des Gemeindeschreibers Ivo». Sein Vater und sein Grossvater waren Bezirksschreiber in Oberegg, und wenn die Appenzeller Bezirk sagen, dann ist damit die Gemeinde gemeint. Oberegg ist eine Exklave: Der Bezirk ist vollständig umgeben von den Kantonen Appenzell Ausserrhoden und St. Gallen. «Wir sind auf Gedeih und Verderben auf die Zusammenarbeit über die Kantonsgrenze hinweg angewiesen», sagt Bischofberger. Beim Abwasser arbeitet man mit Gemeinden im St. Galler Rheintal zusammen. Mit Heiden teilt man die Polizei. Gerade deswegen pflege Oberegg aber auch seine Eigenständigkeit. Ausdruck davon sei die lebendige Vereinskultur.

Man engagiert sich also. So tat und tut es auch der CVP-Ständerat. Schon in jungen Jahren trat Bischofberger der Arbeitnehmerorganisation bei. Mit Gewerkschaften hat dies freilich nichts zu tun. Die Arbeitnehmer gehören wie die Gewerbler und die Bauern zu den mächtigen politischen Organisationen im Innerrhoden: «Bei uns sind die Parteien zweitrangig», sagt Bischofberger. Und immer wieder sagt er: «Das hat mich geprägt.» Die Lage von Oberegg, die (Nicht-)Bedeutung der Parteien oder die Landsgemeinde, wo die Sache im Zentrum stehe. Und wo jeder das Recht hat, eine Einzelinitiative einzureichen. Nächstes Jahr werden die Männer und Frauen im Ring über eine Initiative abstimmen, die eine Warnung vor jedem Radarkasten verlangt. Bischofberger schmunzelt. Doch das Mitspracherecht ist ihm heilig.

So war das Präsidialjahr von Raphaël Comte

Raphaël Comte? Der 37-jährige Neuenburger FDP-Ständerat war vor seiner Wahl als Präsident wenig bekannt. Nicht wenige politisch Interessierte staunten ob dieses brillanten Redners, der ihnen so lange nicht aufgefallen war. Unter Comte herrschten im Ratsaal strenge Sitten. Eine Journalistin musste im Sommer die Pressetribüne verlassen, wegen unbedeckten Schultern. Wegen des gleichen «Vergehens» rügte Comte auch die Genfer SP-Ständerätin Liliane Maury Pasquier – sie durfte aber im Saal bleiben. (NCH)

Der designierte Ständeratspräsident war einst begnadeter Fussballer. Bischofberger war rechter Flügel, wie heute in der CVP. Im Fussball schaffte er es bis in die Schweizer U21-Auswahl. Zwei schwere Knieverletzungen setzten seinen Ambitionen aber ein Ende. Und statt Sport- wurde er Geschichts- und Deutschlehrer. 12 Jahre war er zudem Rektor am Gymnasium Appenzell. Ob ihm das Unterrichten fehle? «Ich vermisste den Kontakt mit der Jugend.»

Der Historiker als Richter

Bischofberger ist ein politischer Quereinsteiger. Ein Exekutivamt hatte er nie inne. Dafür war er lange Zeit Bezirks- und Kantonsrichter. Bis zu seiner Wahl in den Ständerat 2007 als Gerichtspräsident. Bischofberger ist zwar kein Jurist – doch Innerrhoden hat noch immer das Laiengericht.

Seine Richterzeit hat ihn – natürlich – geprägt. Er erzählt vom Spangericht, dass bis 1999 über alle Streitigkeiten richtete, die einen Bezug zur Natur hatten: Wenn sich zwei Nachbarn wegen einer Birke stritten etwa. Bei jeder Witterung fand die Verhandlung draussen statt am Ort des Streitgegenstandes. Dort wurde auch entschieden: «In
99 von 100 Fällen hat man eine Lösung gefunden, mit der es keinen Verlierer gab», sagt Bischofberger. Das habe jeweils viel positives Echo ausgelöst. Und daraus hat er auch seine politischen Leitlinien abgeleitet: «Wir brauchen tragfähige Lösungen, die breit abgestützt sind.» Er sorgt sich darum, dass immer mehr Vorlagen im Parlament oder im Volk nur knapp durchkommen. Dass es eine Tendenz gebe, knappe Mehrheitsentscheide zu relativieren – wie bei der Masseneinwanderungsinitiative. «Wenn Mehrheitsentscheide nicht mehr mitgetragen werden, dann ist das System gefährdet.»

Die Polarisierung, der Mangel an einem «Grundkonsens» treibt Bischofberger um. Die Arbeit des Nationalrates beobachtet er deshalb argwöhnisch – etwa bei der Reform der Altersvorsorge. Der Ständerat sei die «Klinikkammer», die es dann schon richten werde, sagt Bischofberger. Eine Haltung, die dem Sachpolitiker und stillen Schaffer extrem Mühe macht. Sein Präsidialjahr stellt der 58-Jährige unter das Motto «klein, aber wertvoll». Das gilt für Appenzell in der Schweiz. Oder für die Schweiz in Europa. Es ist die Ansicht eines überzeugten Föderalisten.