Geheimdienstchef Jean-Philippe Gaudin ist der Mann, der Putin die Leviten liest

Geheimdienstchef Jean-Philippe Gaudin redet gerne Klartext. Das ärgert zwar die Russen, freut hingegen die Schweizer Politiker.

Henry Habegger
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Geheimdienstchef Jean-Philippe Gaudin mit dem ehemaligen Verteidigungsminister Guy Parmelin. (KEYSTONE/Peter Schneider)

Geheimdienstchef Jean-Philippe Gaudin mit dem ehemaligen Verteidigungsminister Guy Parmelin. (KEYSTONE/Peter Schneider)

CVP-Nationalrat Alois Gmür (SZ) sagt es geradeheraus: «Mir persönlich macht es Freude, wenn er Klartext spricht. Dass man bei ihm weiss, woran man ist.» Das unterscheide ihn wohltuend von anderen Geheimdienstlern und mache es dem Parlament einfacher, einzuschätzen und zu kontrollieren, was er tue. Die Rede ist von Jean-Philippe Gaudin, 56, seit letztem Jahr Chef des Schweizer Nachrichtendienstes (NDB). Was Sicherheitspolitikern besonders gefällt: Dass Gaudin den Russen um Wladimir Putin so richtig die Leviten liest. Flankiert von seiner neuen Chefin Viola Amherd (CVP), stellte er im Mai den Sicherheitsbericht 2019 vor. Ein Drittel der russischen Diplomaten in der Schweiz seien Spione, so Gaudin. Im Sicherheitsbericht ist von «anhaltend aggressiven Spionageaktivitäten» der Russen die Rede.

Endlich einer, der auf die Pauke haut, tönt es bei Politikern. «Es ist gut, wenn man den Russen sagt: Wir wissen genau, was ihr tut», sagt SVP-Ständerat Alex Kuprecht (SZ). SP-Nationalrat Carlo Sommaruga (GE) betont: «Ich begrüsse, dass er Russland öffentlich an den Pranger gestellt hat.» Nur dürfe Gaudin Länder wie China oder die USA nicht ­vergessen. «Und er muss gleichzeitig die Abwehrdispositive gegen Cyberattacken und Cybersabotage aufziehen.»

Russen-Schelte Nummer zwei

Es war die zweite Russenschelte des Schweizer Geheimdienstlers. Als er im Oktober nach 100 Tagen im Amt vor die Medien trat, erklärte er die Russen zur «Bedrohung». Sein Dienst stelle «signifikant mehr Aktivitäten fest» und befürchte Manipulationsversuche im Wahljahr 2019. Neben Gaudin sitzend, sagte auch der damalige Verteidigungsminister Guy Parmelin (SVP), Russland habe mit dem Angriff auf Schweizer Infrastrukturen und internationale Organisationen «eine rote Linie überschritten». Gemeint seien die versuchten Cyberangriffe auf die Anti-Doping-Agentur in Lausanne und das Labor Spiez, ergänzte Gaudin. Die Russen tobten.

Eine der Folgen war, dass Russland die Akkreditierung von Schweizer Diplomaten verzögerte. Zwei Wochen später war Gaudin in Moskau. Er habe sich bei den Russen entschuldigen müssen, sagt ein Kenner. SVP-Ständerat Kuprecht stellt das anders dar: Einer wie Gaudin lasse sich «sicher nicht nach Moskau zitieren». Er leiste allenfalls einer Einladung Folge, erklärt er. Ende November 2018 versuchte auch Aussenminister Ignazio Cassis (FDP), bei einem Treffen mit dem russischen Aussenminister Sergei Lawrow die Wogen zu ­glätten. Die Situation in der Spionageaffäre habe sich nach Gaudins Moskau-Reise «entspannt», hat Cassis laut «NZZ» nach dem Treffen gesagt. Lawrow dagegen stritt «jegliche Spionageaktivität auf Schweizer Boden» ab. Gaudin, womöglich getragen vom parlamentarischen Zuspruch, war bald wieder im Offensivmodus. Nicht nur, was die Russen betrifft. Zum Ibiza-Video, das den österreichischen Vizekanzler Heinz-Christian Strache samt der Regierung Kurz stürzte, sagte er vor den Medien: Das sei wohl eine Geheimdienstoperation gewesen.

Seither wird spekuliert, ob Gaudin mehr weiss oder ob er bluffte. Auch bezüglich seiner Methoden plauderte der Waadtländer aus dem Nähkästchen. In der «NZZ» deutete er an, dass er ausländische Diplomaten verwanzt. Wenn der NDB in einem ausländischen Diplomaten einen Spion vermute, könne er «genehmigungspflichtige Beschaffungsmassnahmen» anordnen, wozu auch Abhören gehöre. Die Gesprächigkeit des Geheimdienstchefs stösst aber nicht nur auf Begeisterung. In der Bundesverwaltung halten ihn einige für einen Wichtigtuer. Im Aussendepartement läuten einige Alarmglocken. Ein ehemaliger Geheimdienstmitarbeiter warnt, dass ein Nachrichtendienstchef, der den Mund nicht halten könnte, keine Informationen mehr erhalte.

Gerne mit Bodyguards unterwegs?

Im Parlament gibt auch anderes zu reden. So heisst es, Gaudin reise viel. Er habe sein Jahres-Reisebudget schon im ersten Quartal ausgeschöpft gehabt. Angeblich lässt sich der NDB-Chef zudem auf Reisen gerne von Bodyguards begleiten. Eine NDB-Sprecherin sagt, man gebe grundsätzlich «keine Auskünfte über die Art, die Anzahl und die Destinationen von Dienstreisen, sei es vom Direktor des NDB oder von anderen Mitarbeitenden, da diese der Geheimhaltung unterliegen».

Sicherheitspolitiker stehen hinter dem offensiven Geheimdienstchef. Endlich einer, der nicht im Dunkeln agiert. Seine direkte Art, zu kommunizieren, sei positiv, sie unterscheide sich wohltuend von derjenigen seines Vorgängers. Für sie steht fest: Gaudin wolle warnen und aufrütteln. Derweil bemühen sich die Aussenminister krampfhaft, das Verhältnis der beiden Länder in gutem Licht erscheinen zu lassen. Lawrow persönlich erschien letzte Woche zur Eröffnung der neuen Schweizer Botschaft in Moskau. Als ein Schweizer Journalist die Spionage ansprach, reagierte der Russe pikiert auf die offenbar unbotmässige Frage. Da hoffen einige erst recht, dass Gaudin punkto Russen-Spionage nicht klein beigibt.