Muss Nationalrätin Edith Graf-Litscher um 10.15 Uhr im Berner Bundeshaus sein für eine Kommissions-Sitzung, kann sie sich auf den Taktfahrplan verlassen. Sie nimmt in Frauenfeld um 8.06 Uhr den Stadtbus der Linie 2. Er trifft Punkt 8.13 Uhr am Bahnhof Frauenfeld ein. Dort bleiben ihr drei Minuten, um den Intercity Richtung Brig zu erwischen. Sie trifft dann um 9.58 Uhr in Bern ein und steht nach einem bequemen 10-Minuten-Fussmarsch um 10.08 im Bundeshaus.

Dieser Taktfahrplan stösst nun in Deutschland auf grosses Interesse. «Den hätten wir gerne in Deutschland», sagt Hermann Abmayr, Filmemacher des Südwestrundfunks (SWR). Er war mit seinem Team drei Tage in der Schweiz für einen Film über den öffentlichen Verkehr. Dafür begleitete er Edith Graf-Litscher, die Präsidentin der Verkehrskommission (KVF) des Nationalrats. Der Film wird am 19. Juni um 20.15 Uhr auf SWR ausgestrahlt.

In der Schweiz gehöre der integrierte Taktfahrplan «zum Alltag», stellte Abmayr fest. Überall gebe es Knotenpunkte, um vom Bus auf Regional- und Schnellzüge umzusteigen. «Man muss nicht wie in Deutschland bis 45 Minuten oder eine Stunde warten», sagt er. «Wir haben Nachholbedarf, haben grosse Probleme mit der Deutschen Bahn.» Die Züge hätten oft hohe Verspätungen, die Infrastruktur sei veraltet. «Das beschäftigt uns.»

SWR-Filmemacher Hermann Abmayr.

SWR-Filmemacher Hermann Abmayr.

Besonders beeindruckt hat das Team des SWR, dass in der Schweiz selbst die Schiffe in den Takt eingebunden sind. Filmemacher Abmayr:

Doch selbst wenn sie den Zug verpassen sollten, wäre das auch kein Problem. «Die Frequenz der Züge ist sehr hoch.»

Das SWR-Team filmte mit einer Drohne die 3000 Züge, die täglich in den Hauptbahnhof Zürich einfahren und ihn wieder verlassen und dabei eine halbe Million Menschen pro Tag transportieren. «Es hat das Filmteam schwer beeindruckt, wie stark das System des öffentlichen Verkehrs in der Schweiz verankert ist und dass wir den Halbstundentakt haben», sagt Edith Graf-Litscher. «Umso mehr, als die Schweiz für den nächsten Ausbauschritt 2030 sogar den Viertelstundentakt einführen will, zumindest zwischen Zürich und Bern. Davon ist Deutschland weit entfernt.» Bis 2030 geht das Bundesamt für Verkehr (BAV) von 40 Prozent mehr Passagieren aus.

Graf-Litscher konnte dem Filmteam das Schweizer ÖV-System besonders gut erklären, weil sie es als gelernte Bahnbetriebsdisponentin von Grund auf kennt. An den Bahnhöfen Goldach (SG), Koblenz (AG), Niederweningen (ZH) und Zürich-Oerlikon war sie als SBB Mitarbeiterin tätig. Inzwischen ist sie Präsidentin der Verkehrskommission des Nationalrats. Mit der Kommission reiste sie im Frühling nach Berlin und traf den Verkehrsausschuss des Bundestags, den der Grüne Cem Özdemir präsidiert.

SWR-Filmemacher Hermann Abmayr, Alt-Bundesrat Moritz Leuenberger und Nationalrätin Edith Graf-Litscher (SP).

SWR-Filmemacher Hermann Abmayr, Alt-Bundesrat Moritz Leuenberger und Nationalrätin Edith Graf-Litscher (SP).

Thema des Besuchs war auch der Vertrag von Lugano, den Bundesrat Moritz Leuenberger 1996 mit Deutschland schloss. Darin steht, dass im Hinblick auf den Gotthard-Basistunnel die Voraussetzungen geschaffen werden sollen für einen leistungsfähigen Eisenbahnverkehr zwischen der Schweiz und Deutschland. «Es ist sehr wichtig, dass dabei fixe Trassen für den Güterverkehr reserviert sind», sagt Graf-Litscher.

Massiv im Verzug mit den Versprechen

Deutschland ist allerdings massiv im Verzug mit seinen Versprechen von damals. «Es hat seine Ziele nicht erreicht», sagt Abmayr. So liegt der durchgehende viergleisige Ausbau zwischen Karlsruhe und Basel noch in weiter Ferne. Abmayr: «Wir befürchten, dass die Rheintal-Strecke erst 2040 oder 2050 viergleisig ausgebaut ist.» Nach Protesten der Bevölkerung fand man immerhin einen Kompromiss, mit Änderungen des Trasseverlaufs, Tunnel-Lösungen oder zusätzlichen Lärmschutzmassnahmen.

Ein Problem bleibt auch der Anschluss der Ostschweiz an das Bahn-Hochgeschwindigkeitsnetz von Europa. Das betrifft die Strecke Zürich-Lindau-München. Hier fehlt die durchgehende Elektrifizierung, was dazu führt, dass Fernbusse viel schneller von Zürich in München sind und umgekehrt. Die durchgehende Elektrifizierung dürfte frühestens 2020 realisiert sein.

Auf der Strecke Zürich-Stuttgart gibt es ebenfalls Probleme. Weil sie zum Teil eingleisig ist, müssen die Züge auf Abstellgleisen entgegenkommende Züge abwarten. Das verlängert die Fahrt und führt teilweise zu grossen Verspätungen. Eingleisig ist die Strecke, weil die Franzosen 1946 als Besatzungsmacht Schienen demontierten, wie Filmemacher Abmayr erzählt. Sie brauchten sie für ihr eigenes Land.

Deutsche Autolobby ist stärker

Sie habe in Berlin «den Willen gespürt, dass das Parlament vorwärts machen will», sagt Graf-Litscher. Die Bahnprobleme mit der Schweiz sollen endlich gelöst werden. Bleibt die Frage, weshalb Deutschland einen so grossen Nachholbedarf hat bei der Bahn. «Das Management der Bahn und die Politik stehen unter Druck, weil die Bahn nicht richtig funktioniert. Die Infrastruktur wurde zurückgebaut statt ausgebaut», sagt Abmayr. Das habe wohl damit zu tun, «dass die Autolobby in Deutschland stärker ist als in der Schweiz».

Edith Graf-Litscher (SP), Präsidentin der Verkehrskommission.

Edith Graf-Litscher (SP), Präsidentin der Verkehrskommission.

Und wie kommt es, dass der Schweizer Taktfahrplan ausgerechnet jetzt zum Thema wird in Deutschland? «Das Management der Bahn versprach immer wieder, die Situation werde besser», sagt Abmayr. «Doch das geschah nicht. Das hat das Fass nun zum Überlaufen gebracht.»

Für Edith Graf Litscher ist das ein Zeichen, dass die Schweiz «wirklich stolz sein kann auf ihren öffentlichen Verkehr», wie die Kommissions-Präsidentin sagt. Doch sie warnt auch: «Wir müssen ihm Sorge tragen.»