Rupperswil-Prozess
Das Unfassbare wird nicht fassbarer – die Reportage aus dem Gericht

Der Gerichtsprozess zum Vierfachmord in Rupperswil bietet einen Einblick in die Scheinwelt von Thomas N. – und in eine Justiz im Ausnahmezustand.

Mario Fuchs
Drucken
Teilen
Rupperswil-Prozess
28 Bilder
65 Journalisten verfolgen den Prozess gegen den geständigen 34-Jährigen.
N. steht zu seiner Pädophilie und wünscht sich eine Therapie, um mit ihr leben zu lernen. Der Vierfachmörder von Rupperswil bekommt keine vollzugsbegleitende ambulante Massnahme.
Das Gericht: René Müller (SVP), Margrit Kaufmann (CVP), Schreiber Lukas Fischer, Präsident Daniel Aeschbach (SVP), Marianne Bitterli (SVP), Luca Cirigliano (SP).
Thomas N. (Mitte) verfolgt den Prozess neben seiner Anwältin Renate Senn.
N. vor Gericht.
Den Kopf hat er meist auf seine rechte Hand gestützt, mit Zeigfinger und Daumen hält er sich die Nasenwurzel.
Staatsanwältin Barbara Loppacher (vorne).
Die Richter hören Gutachter Josef Sachs zu.
Der Angeklagte Thomas N. und seine Pflichtverteidigerin Renate Senn am ersten Prozesstag.
Der Angeklagte Thomas N. und seine Pflichtverteidigerin Renate Senn am ersten Prozesstag.
Blick in den Gerichtssaal mit dem Angeklagten Thomas N. (rechts aussen) beim Prozess um den Vierfachmord von Rupperswil vor dem Bezirksgericht Lenzburg in Schafisheim
Der geständige Thomas N. steht bis voraussichtlich Freitag vor Gericht.
Nicole Payllier, Sprecherin der Gerichte Aargau, begrüsst Opferanwalt Markus Leimbacher.
Tim Hemmi, ehemaliger FC-Aarau-Profi, beobachtet den Prozess als Jus-Student.
Roland Wenger, Sprecher des Fussballclubs Seetal Selection, einem Verbund der Juniorenteams des SC Seengen und de FC Sarmenstorf, wo Thomas N. als Trainer tätig war.
Ein Gerichtszeichner skizziert erste Szenen vor dem Gebäude.
Der Eingang ins Gebäude.
In den Räumen der Mobilen Polizei in Schafisheim findet der Prozess statt.
Aufmarsch der Kantonspolizei Aargau.
Zuschauerin Annina Sonnenwald.
Opferanwalt Leimbacher trifft ein.
Weitere Bilder aus Schafisheim.

Rupperswil-Prozess

Marco Tancredi

Um 8 Uhr an diesem Dienstagmorgen hört man im Theoriesaal der Mobilen Polizei in Schafisheim nur das Klappern von Laptoptastaturen. Alles ist bereit für den Auftritt von Thomas N., 34, letzter Wohnsitz 5102 Rupperswil, Zustelladresse Justizvollzugsanstalt Pöschwies, 8105 Regensdorf. Normalerweise sitzt das Gericht im Saal, wenn Parteien und Beobachter hereingeführt werden.

Nicht bei Thomas N. Um 7 Uhr werden bereits die 65 Journalistinnen und Journalisten eingelassen. Ein Kantonspolizist kontrolliert den Presseausweis, gleicht den Namen mit einer Liste ab. Ein zweiter durchsucht Jacken und Taschen. Der Gang durch die Sicherheitsschleuse ist Pflicht. Daniel Aeschbach, Präsident des Bezirksgerichts Lenzburg, begrüsst Staatsanwältin Barbara Loppacher, die Opferfamilien, deren Anwälte und Thomas N.s Verteidigerin Renate Senn mit Handschlag: «Guete Morge, alles klar?»

Auf die Sekunde

Das Gericht nimmt Platz. Und tut etwas, was es sonst nie tut: Es wartet. Stille. Dann das Klicken sich öffnender Handschellen. Hinter dem Rahmen einer Seitentür tritt Thomas N. in den Saal hervor. Graues Baumwollhemd, oberster Knopf geöffnet, Button-down-Kragen. Dunkelblaue Jeans, hellbrauner Ledergurt, schwarze Lederhalbschuhe, geglänzt. Zeitgemässe Fade-Frisur, die Haare an den Seiten ganz kurz, am Oberkopf länger. Sauber getrimmter Dreitagebart. Seinen Blick hat N. auf den Boden gerichtet. Flüchtig sucht er den Augenkontakt mit seiner Pflichtverteidigerin. Er setzt sich hin, hält sich mit Zeigfinger und Daumen die Nasenwurzel.

Der Zeiger der Funkuhr an der Betonwand schnellt von 8.14 auf 8.15 Uhr. Gerichtspräsident Aeschbach schlägt mit einem schwarzen Richterhammer viermal auf den Resonanzblock. «Ich eröffne die Hauptverhandlung im vierfachen Tötungsdelikt Rupperswil.» Das Gericht der öffentlichen Meinung habe sein Urteil grösstenteils bereits gefällt. «Ich möchte Sie aber einladen, mit dem Bezirksgericht Lenzburg den Weg zum Urteil zu beschreiten, der geprägt sein soll von Sachlichkeit und Unabhängigkeit.» An der Wand hängt die Verhandlungsordnung, gerahmt, in Werbeplakatgrösse.

Kühl, arrogant, abweisend

Vier Tage hat das Gericht für Thomas N. reserviert. Und Aeschbach lässt keine Zweifel, dass er diesen Zeitplan einhalten will. Die Parteien fragt er nicht nur nach ihren Anträgen, sondern auch nach der ungefähren Länge ihrer Plädoyers. N. blickt auf den Tisch vor sich, hält sich jetzt mit der rechten Hand an der linken Schulter, als würde er sich selber umarmen.
«Herr N., Sie wissen, weshalb Sie hier sind?» – «Ja.» Er schaut ein erstes Mal auf. «Sie wissen, was Ihnen vorgeworfen wird?» – «Ja.»

Während der Gutachter Elmar Habermeyer dem Gericht seine Befunde erklärt, sitzt N. regungslos im Stuhl. Hört, wie der Psychiater ihn als «kühl, arrogant und abweisend» beschreibt, als «recht typischen erfolglosen Narzissten» bezeichnet. Als die Staatsanwältin Fragen stellt, nimmt er einen Kugelschreiber, notiert etwas auf den Block der Verteidigerin, sie antwortet handschriftlich. Habermeyer sagt: «Wenn jemand 2014 während der WM im Garten Fussball guckt und vorher alle Nachbarn informiert, dass es eventuell laut werden könnte und anderthalb Jahre später eine solche Tat begeht, dann ist diese Differenz schon sehr eindrücklich.» N. nimmt einen Schluck Mineralwasser aus dem Plastikbecher.

Ein absoluter Perfektionist

Nach gut zwei Stunden wird Habermeyer entlassen, sein Berufskollege Josef Sachs nimmt Platz. Er attestiert Thomas N. «eine Hartnäckigkeit, wie man sie selten sieht». Er sei ein absoluter Perfektionist. Im Notizbüchlein, in dem N. Informationen über mögliche künftige Opfer pädophiler Übergriffe sammelte, habe der Zeilenabstand immer perfekt gestimmt. «Er stellte an sich derart hohe Ansprüche, dass er sie gar nicht einlösen konnte. Deshalb begann er gar nie, sie einzulösen, und zog sich in eine Scheinwelt zurück.» Ein Studium begann er fünfmal, ohne dass er je eines abgeschlossen hätte. Seine Mutter log er an, legte ihr ein gefälschtes Masterdiplom vor. Das erbeutete Geld hätte sein Versagen vertuschen sollen.

Punkt 12 Uhr klopft Gerichtspräsident Aeschbach wieder mit dem Holzhammer. In der nahen Mensa des Strassenverkehrsamts stehen Opfer, Anwälte, Gutachter an für das Mittagsmenü. Sachs, bekannt als gesellig und auskunftsfreudig, darf für einmal nichts sagen, setzt sich allein an einen Tisch, blickt in die Leere. Beim Kaffee stehen die Opfervertreter zusammen, Zentimeter hinter ihnen ein Bildschirm an der Wand, «20 Minuten» meldet: «Thomas N. ist süchtig nach Cybersex.»

Wie vor zwei Türen

Am Nachmittag wird N. befragt. Er gibt detailliert Auskunft. Antwortet etwa auf die Frage, warum er ein Messer als Tatwaffe benutzt habe: «Ich habe wahrscheinlich gedacht, das geht am einfachsten, am schnellsten, schmerzfreiesten.» Er sei «wie vor zwei Türen gestanden. Die eine Türe war, zu gehen, die andere war die Tötung. Ich war überfordert. Ich wusste, du wolltest nie an diesen Punkt kommen. Ich wusste, Abbrechen geht nicht, Weitermachen auch nicht. Ich wäre am liebsten Stunden in diesem Haus gewesen, einfach um nichts entscheiden zu müssen.»

Thomas N. spricht deutlich, verliert nie die Fassung. Doch das Unfassbare wird dadurch nicht wirklich fassbarer.

Am 21. Dezember 2015 wird Rupperswil zum Schauplatz eines der grausamsten Mordfälle in der Schweizer Kriminalitätsgeschichte.
30 Bilder
Als die Feuerwehr zu einem Brand in einem Haus an der Lenzhardstrasse ausrückt, können die Einsatzkräfte nicht ahnen, was auf sie zukommt.
In diesem Haus entdecken die Feuerwehrleute vier verkohlte Leichen.
Wenig später nehmen Ermittler und Spurensicherung ihre Arbeit auf.
Zwei Tage nach den Morden teilt die Polizei mit: Bei den Opfern handelt es sich um Carla Schauer (†48), ihre beiden Söhne Davin (†13) und Dion (†19) ...
... sowie um die Freundin des älteres Sohnes, Simona (†21).
Rupperswil steht unter Schock. Vom Täter fehlt jede Spur.
Die Menschen im Dorf nehmen Anteil am Schicksal der Opfer: Zeichen der Anteilnahme vor dem Haus, in dem die Taten geschahen.
Vierfachmord Rupperswil – von der Tat bis heute (Stand 8.3.2018)
8. Januar 2016: In Rupperswil findet ein Gedenk-Gottesdienst für die Opfer statt.
Rund 500 Personen wohnen dem Trauer-Gottesdienst bei. Wegen des grossen Andrangs müssen rund 200 Gäste den Gottesdienst vom Saal des Kirchgemeindehauses aus verfolgen.
18. Februar 2016: Staatsanwaltschaft und Polizei informieren erstmals ausführlich über die Geschehnisse in Rupperswil an einer Pressekonferenz. Im Bild Staatsanwältin Barbara Loppacher und Kripo-Chef Markus Gisin.
An dieser Pressekonferenz setzen die Behörden eine Belohnung von bis zu 100'000 Franken für Hinweise auf die Täterschaft aus.
Mit Flugblättern (in 7 Sprachen) sucht die Polizei nach Zeugen und Hinweisen.
Auf dem Flugblatt ist auch dieses Bild von Carla Schauer (†48) zu sehen, aufgenommen von einer Überwachungskamera: Sie hebt am Tattag um 9.51 Uhr Geld an einem Bankschalter in Wildegg ab. Es sind zirka 9000 Franken.
Später veröffentlicht die Polizei auch dieses Bild: Carla Schauer hebt um 10.10 Uhr an einem Geldautomaten in Rupperswil 1000 Euro ab.
April 2016: Die ZDF-Sendung "Aktenzeichen XY – ungelöst" macht Filmaufnahmen zum Mordfall von Rupperswil. Der Beitrag soll bald ausgestrahlt werden – doch dazu kommt es nicht mehr.
13. Mai 2016: Fast fünf Monate nach dem Tötungsdelikt laden Polizei und Staatsanwaltschaft kurzfristig zu einer zweiten grossen Pressekonferenz ein.
Oberstaatsanwalt Philipp Umbricht enthüllt: "Der Täter ist gefasst. Es handelt sich um einen 33-jährigen Schweizer aus Rupperswil, der nicht vorbestraft ist."
Das ist er: Thomas N., neben dem Haus der Familie Schauer in Rupperswil. (Fotomontage)
Der Starbucks in Aarau: Hier nahm die Polizei Thomas N. fest.
Thomas N. war jahrelang Fussball-Trainer und betreute C-Junioren. Die Junioren, ihre Familien und die Vereinsmitglieder sind geschockt.
In diesem Haus in Rupperswil – nur wenige Meter vom Haus der Familie Schauer entfernt – wohnte Thomas N. zusammen mit seiner Mutter.
Bei Thomas N. zu Hause fand die Polizei diesen Rucksack samt Utensilien. Sie liessen befürchten, dass er eine nächste Tat bereits geplant hatte.
Wenige Tage nach der Ergreifung des Täters wird bekannt: Die Rechtsanwältin Renate Senn wird Thomas N. als amtliche Verteidigerin vor Gericht vertreten.
7. September 2017: Staatsanwältin Barbara Loppacher von der Staatsanwaltschaft Lenzburg-Aarau erhebt Anklage.
Thomas N. wartet im Gefängnis Pöschwies in Regensdorf ZH auf den Prozess.
Der Prozess vor dem Bezirksgericht Lenzburg findet aus Platzgründen im Polizeigebäude in Schafisheim statt.
Vier Tage lang wurde in Schafisheim verhandelt. Dabei waren viele Medienschaffende anwesend. Medienschaffende warten vor dem Eingang zum Prozess um den Vierfachmord von Rupperswil vor dem Bezirksgericht Lenzburg in Schafisheim (AG), aufgenommen am Freitag, 16. Maerz 2018. Der vierfache Moerder von Rupperswil AG wird verwahrt. Das Bezirksgericht Lenzburg hat den 34-jaehrigen Schweizer in allen Anklagepunkten schuldig gesprochen. Es verhaengte eine lebenslaengliche Freiheitsstrafe und ordnete eine ordentliche Verwahrung an. (KEYSTONE/Ennio Leanza)
Am 16.03. wird das Urteil bekannt. Thomas N. wird zu einer Lebenslangen Freiheitsstrafe verurteilt, ausserdem wird eine ordentliche Verwahrung angeordnet.

Am 21. Dezember 2015 wird Rupperswil zum Schauplatz eines der grausamsten Mordfälle in der Schweizer Kriminalitätsgeschichte.

SEVERIN BIGLER

Aktuelle Nachrichten