Coronavirus

Corona-Rassismus: «Er ging auf uns zu und schrie: Wegen euch müssen wir nun Masken tragen!»

«Wegen Euch müssen wir nun Masken tragen», schrie ein Passant Vater und Sohn an.

«Wegen Euch müssen wir nun Masken tragen», schrie ein Passant Vater und Sohn an.

Die Corona-Krise legt Rassismus gegen Asiaten offen. Am Tag der Einführung der Maskenpflicht ist es zu einem neuen Vorfall gekommen.

Es geschah am Montag, den 6. Juli. Chun Ng* wartete am Bahnhof Schlieren zusammen mit seinem viereinhalbjährigen Sohn auf das 2er-Tram. Sie waren unterwegs zum Kindergarten. Chun Ng trug eine Gesichtsmaske und war froh, dass er nicht mehr der Einzige war. Der Vierzigjährige stammt aus Taiwan und ist vor einem Jahr in die Schweiz gekommen, um an einer Universität im Bereich Chemie zu arbeiten.

Von Taiwan ist er sich das Maskentragen gewohnt. Seit der Sars-Epidemie Anfang der Nullerjahre geniessen Masken dort eine hohe Akzeptanz. In der Schweiz hingegen wurde man lange schräg angeschaut, wenn man eine Maske trug. Doch jener Montag war der erste Tag, an dem Masken in Tram, Bus und Zug obligatorisch waren. Und so trugen auch andere Pendler Masken, als sie auf das Tram warteten.

Sohn wird beim Einkaufen beschimpft

Vom Bahnhof herkommend näherte sich ein Mann im Anzug. Er trug einen Aktenkoffer, aber keine Maske. Als er Chun Ng sah, steuerte er direkt auf ihn und seinen Sohn zu. Chun Ng dachte sich zunächst nichts dabei, denn er stand direkt neben dem Billettautomaten. «Ich ging davon aus, dass er ein Ticket lösen will», erinnert er sich heute. Doch dann baute der Mann sich vor ihnen auf und begann zu schreien. Die Chinesen seien schuld, dass nun alle Masken tragen müssten. Und: Sie seien darum nicht willkommen in der Schweiz. Chun Ng blieb während der Begegnung kurz nach 8 Uhr morgens wie angewurzelt stehen. Heute sagt er: «Ich brachte kaum ein Wort heraus.»

Die meisten anderen Wartenden hätten auf die verbale Attacke nicht reagiert. Drei junge Frauen aber, die auf der gegenüberliegenden Seite auf dem Wartebänkli sassen, hätten dem verbal ausfälligen Mann sogar noch applaudiert. Der Anzugträger wechselte dann das Perron, schaute aber weiter herüber zu Vater und Sohn und murmelte etwas Unverständliches. Dann kam endlich das Tram.

Rassismus gegen Asiaten im Vergleich selten

Laut dem aktuellen Bericht des Beratungsnetzes für Rassismusopfer sind Asiaten im Vergleich zu anderen Gruppen selten betroffen von fremdenfeindlichen Attacken. Von 299 Opfern, die sich im vergangenen Jahr beraten liessen, stammen lediglich 20 aus der Region Asien/Pazifik. Dem stehen 98 Personen mit afrikanischem Hintergrund gegenüber. Während der Coronakrise häuften sich aber Berichte wie der von Chun Ng und seinem Sohn. Vor allem als sich das Virus am Anfang des Jahres schnell ausbreitete und die Verunsicherung gross war, kam es weltweit zu fremdenfeindlichen Vorfällen. Auch körperliche Attacken waren darunter.

Geschürt wurde der Rassismus durch die Bezeichnung «Chinavirus», die etwa US-Präsident Donald Trump verwendete. Zudem nutzten viele Asiaten schon Masken, um sich und andere vor dem Virus zu schützen, als der Bundesrat den Mund-Nasen-Schutz noch als nutzlos oder gar kontraproduktiv darstellte. Maskenträger fielen auf und wirkten verdächtig. Hatte es nicht geheissen, dass Masken nur etwas brächten, wenn man schon infiziert sei?

Nach dem Abschwellen der Infektionswelle und vor allem mit der Einführung der Maskenpflicht im öffentlichen Verkehr fielen diese Faktoren weg. Der Vorfall in Schlieren zeigt nun aber, dass das Problem trotzdem weiterhin existiert.

In den sozialen Medien wehren sich Asiaten gegen solche Übergriffe. Sie posieren mit Plakaten, auf denen die Aussage «Ich bin kein Virus» zu lesen ist. Auch der Schlieremer Chun Ng teilte seine Erfahrung auf Facebook und löste damit unter Taiwanesen, die in der Schweiz leben, etwas aus. Sie begannen, von eigenen Erfahrungen zu berichten. Da ist etwa Denise aus Glattbrugg bei Zürich. Die 42-Jährige lebt seit rund zehn Jahren in der Schweiz. Am 6. April spuckte ihr ein Bub, der ihr auf dem Velo entgegenkam, Wasser ins Gesicht und rief «Corona!». Am Telefon sagt sie:

Eine Zeit lang habe sie sich danach nicht mehr aus dem Haus getraut, später verhüllte sie ihr Gesicht mit einem Schal. Andere berichten von Jugendlichen, die «Corona, Corona!» rufen und lachen oder von Eltern, die ihre Kinder warnen, «dieser dreckigen Person» nicht zu nahe zu kommen. Eine Frau berichtet, dass sich Menschen angeekelt abwandten und ihr Gesicht bedeckten, als sie durch einen Zugwaggon ging. Eine andere wurde im Laden absichtlich angehustet, als sie eine Maske trug.

Wie soll man es dem eigenen Kind erklären?

Das Schwierigste für den Schlieremer Chun Ng ist, dass sein Sohn den Vorfall miterleben musste. Und es ist nicht die einzige negative Erfahrung, die der Viereinhalbjährige machen musste. Als er mit seiner Mutter Schuhe einkaufen war, rief ein anderes Kind: «Jetzt kommt Corona.» Und auch auf dem Weg zum Kindergarten musste er sich schon Ähnliches anhören. Wie spricht man mit seinem Kind über solche Hänseleien? Er sagt:

Grundsätzlich fände er es gut, wenn in den Schulen und Kindergärten das Thema aufgegriffen würde und Kinder vermehrt auf Rassismus sensibilisiert würden.

Attackierter verspürt keinen Hass

Und wie denkt Chun Ng über die Menschen, die ihn an der Tramstation attackierten? «Ich verspüre gegenüber dem Mann, der uns anschrie oder gegenüber den Mädchen, die applaudierten, keinen Hass», sagt er. «Ich stelle mir vor, dass es sicher Gründe gab, warum er derart aufgebracht war und warum die jungen Frauen so reagiert haben. Dennoch kann ich ein solches Verhalten nicht akzeptieren.» Seit dem Vorfall hat er ein seltsames Gefühl, wenn er wieder mit dem Buben aufs Tram wartet.

Chun Ng wünscht sich von den Medien und von der Regierung mehr Aufklärungsarbeit. Ihm ist wichtig, zu sagen, dass Chinesen und Taiwanesen genauso Opfer des Coronavirus sind wie alle anderen auch. Er sagt:

Chun Ng legt wert darauf, dass er sich in der Schweiz immer willkommen gefühlt habe. «Die allermeisten Menschen reagieren positiv auf mich. Aber das Virus hat nun bei einigen Wenigen etwas ausgelöst», sagt er. Diese Einschätzung teilen die anderen, die von rassistischen Vorfällen berichten.

Dass er als Taiwanese Opfer von Corona-Rassismus wurde, ärgert Chun Ng besonders. Denn der strikte Umgang des Landes mit dem Virus, erlangte internationale Beachtung. Früh wurden Reisende bei der Ankunft auf das Virus getestet und Ansteckungsketten rigoros verfolgt. Das Land, das mit China eng verbunden ist, hatte bisher lediglich sieben Coronatote zu beklagen. Im 23-Millionen-Land kam es zu 451 Ansteckungen. In der Schweiz gab es bisher rund 33'000 Ansteckungen und rund 1700 Tote.

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