Corona-Management
Wo die Luft rein ist, sollen die Türen auch in der vierten Welle offen bleiben: Firmen fordern, dass Luftqualität stärker beachtet wird

Der Wirtschaftsdachverband Economiesuisse verlangt, dass die Luftqualität in Innenräumen im Kampf gegen Covid-19 viel höher gewichtet wird.

Dominic Wirth
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GLP-Politiker Martin Bäumle mit seinem CO2-Messgerät: «Die Zeit drängt».

GLP-Politiker Martin Bäumle mit seinem CO2-Messgerät: «Die Zeit drängt».

Bild: Keystone

Sie baut sich allmählich auf, doch wie schlimm die vierte Corona-Welle wird, weiss derzeit noch niemand. Der Wirtschaftsdachverband Economiesuisse befürchtet aber bereits, dass im Herbst wieder Schliessungen ins Auge gefasst werden könnten, um die Pandemie im Zaum zu halten. Und fordert deshalb vom Bundesrat einen «Eskalationsplan», wie Roger Wehrli, stellvertretender Leiter Wirtschaftspolitik, es nennt.

Dieser Plan soll definieren, wie die Schweiz mit einer neuen Welle umgeht. Und er soll eine Neuerung enthalten, die das hiesige Pandemiemanagement umkrempeln würde. Economiesuisse schwebt nämlich vor, dass die Luftqualität künftig zum zentralen Faktor im Kampf gegen Covid-19 werden soll. Die Kurzformel geht etwa so: Wer nachweisen kann, dass bei ihm die Luft rein ist, wird von anderen, weitergehenden Corona-Massnahmen befreit.

Wer Luftqualität misst, soll auf Zertifikat verzichten

Die Rolle von Aerosolen als Übertrager des Corona-Virus war lange umstritten. Mittlerweile gilt es aber als wissenschaftlicher Konsens, dass sie eine wichtige Rolle spielen. So sieht das auch die wissenschaftliche Taskforce des Bundesrats. Namentlich in schlecht gelüfteten Innenräumen können sie sich ansammeln und das Risiko einer Corona-Infektion erhöhen, steht in einem Papier.

Roger Wehrli sagt, diese Erkenntnisse würden sich noch zu wenig in der Schweizer Corona-Politik spiegeln. «Wir müssen den Aerosolen – und damit der Luftqualität – endlich mehr Beachtung schenken», sagt er. Konkret schlägt Economiesuisse den breiten Einsatz von CO2-Messgeräten vor. Die Geräte messen die CO2-Konzentration in der Luft. Je höher diese ist, desto grösser ist die Gefahr, dass sich Corona-Viren über die Luft verbreiten können. Und es zu Ansteckungen kommt.

Economiesuisse bringt – in Anlehnung an das Papier der Taskforce – einen Grenzwert von 800 bis 1000 ppm ins Spiel. Dieser Wert bildet den CO2-Gehalt ab. Betriebe, die nachweisen können, dass die Luftqualität in ihren Innenräumen unter diesem Wert liegt, sollen «weitestgehende Freiheiten» haben, weil das Risiko einer Ansteckung dann gering sei.

Roger Wehrli macht ein Beispiel: Wenn wegen der vierten Welle etwa die Anwendung des Covid-Zertifikats ausgeweitet wird – betroffen wären wohl bald einmal unter anderem Bars, Restaurants, Kinos, Schwimmbäder, Museen oder Fitnesszentren –, dann sollen etwa Restaurants, die ihre Luftqualität überwachen, davon ausgenommen sein. Für sie würden dann weiterhin nur Basismassnahmen wie Abstandsregeln gelten. Generell, sagt Wehrli, gehe es darum, in Zukunft «nicht mehr nach Branchen zu regulieren – sondern risikobasiert».

ETH-Professor Stocker: Auf Aerosole zu achten, reicht nicht

Roman Stocker ist Professor an der ETH Zürich und Co-Autor des Papiers der wissenschaftlichen Taskforce, auf das sich Economiesuisse bezieht. Dort hat der Wissenschafter im April geschrieben, dass CO2-Messgeräte ein günstiges und bisher viel zu wenig eingesetztes Werkzeug seien, um die Verbreitung des Virus zu reduzieren. Stocker sagt, das sei bis heute gültig. Und er begrüsst, dass Economiesuisse sich dafür einsetzt, dass die Luftqualität künftig stärker beachtet wird.

Roman Stocker

Roman Stocker

Quelle: ETH

Allerdings warnt Stocker auch davor, die Überwachung der Luftqualität als einzige notwendige Massnahme zu sehen. «Für eine gute Luftqualität in Innenräumen zu sorgen, ist äusserst wichtig, um die Transmission durch Aerosole zu minimieren», sagt Stocker. Das genüge aber nicht – insbesondere, wenn die Fallzahlen zu hoch seien. Der Grund dafür: Auch Tröpfchen führen zu Ansteckungen, «zum Beispiel, wenn man auf kleiner Distanz ohne Maske länger und laut redet», sagt er. Basismassnahmen, etwa Abstand, gute Handhygiene und Masken, werde es auch weiterhin brauchen, so Stocker.

Der Einsatz von CO2-Messgeräten erlaubt es laut Stocker aber, in Innenräumen zielgerichtetere Massnahmen zu verhängen. Denkbar sei etwa, dass Orte, an denen die Luftqualität überwacht wird, weniger strenge Kapazitätsregeln befolgen müssen. Für Stocker bleibt es aber zentral, stets die epidemiologische Situation im Auge zu behalten. «Je höher die Inzidenz, desto eher werden wir weitere Massnahmen brauchen – eine gute Luftqualität zu sichern, sollte als eine sehr sinnvolle Basismassnahme gesehen werden,» sagt er.

Für Bäumle ein «Gamechanger»

Nationalrat Martin Bäumle teilt die Einschätzungen von Stocker. Er befasste sich als einer der Ersten schon vor einem Jahr mit dem Thema Luftqualität. Der GLP-Politiker hat stets ein Gerät dabei, mit dem er den CO2-Gehalt misst. Bäumle fordert schon lange, dies müsse in der Schweiz öfter passieren. Dass nun Economiesuisse dies ebenfalls so sieht, bezeichnet Bäumle als «Gamechanger».

«CO2-Messungen helfen, die Wirtschaft zu schützen, weil es eine günstige, zielgerichtete Massnahme ist», sagt Bäumle. Oft müsse man für eine ausreichende Luftqualität gar nicht viel mehr machen, als die Lüftung zu optimieren oder regelmässig zu lüften. Der Zürcher sagt, nun sei es am Bundesamt für Gesundheit, sich zu bewegen und Hand zu bieten für neue Lösungen. «Die Zeit drängt, weil die Geräte bald begehrt sein könnten und der Markt dann ausgetrocknet sein könnte», sagt Bäumle.

Das Bundesamt für Gesundheit (BAG) gibt sich auf Anfrage zurückhaltend. Es schreibt, CO2-Messungen könnten nicht dazu verwendet werden, Innenräume ab einem bestimmten Wert als «sicher» oder «unsicher» zu bewerten. Einen solchen sicheren Wert gebe es nicht, schreibt das Amt.

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