Gesundheitskosten
Corona ändert unsere Prioritäten, sind nun Gesundheitsreformen gefährdet?

Die Pandemie ändert unser Leben, sie ändert auch unsere Bedürfnisse, was uns wichtig ist. So sind die hohen Kosten im Gesundheitswesen plötzlich zweitrangig. Schweizerinnen und Schweizer wollen die Gesundheitsangebote ausbauen, schnelleren Zugang zu Medikamenten und OPs bis ins hohe Alter.

Anna Wanner
Drucken
Teilen
Der schnelle Zugang zu neuartigen Medikamenten und Impfstoff ist vielen Menschen wichtiger als die anschliessende Rechnung dazu.

Der schnelle Zugang zu neuartigen Medikamenten und Impfstoff ist vielen Menschen wichtiger als die anschliessende Rechnung dazu.

Peter Klaunzer / Keystone

Ob allzu hohe Prämien, Milliardenausgaben für Medikamente oder die Verluste der Spitäler: Geht es um Gesundheitspolitik, geht es meistens um Kosten. Auch viele anstehende Reformen zielen darauf ab, Prämienzahler zu entlasten oder Ausgaben in Spitälern, bei Ärzten oder Medikamenten zu senken.

Dieser Fokus widerspricht nun offenbar dem Zeitgeist. Die Coronapandemie hat die Prioritäten der Bevölkerung bezüglich Gesundheitswesen verschoben. Das zeigt eine Umfrage des Forschungsinstituts gfs.bern im Auftrag des Pharmaverbands Interpharma. Pikant: Bei 55 Prozent der 1200 Befragten hat sich das Bild, das sie vom Gesundheitssystem hatten, verschlechtert, besonders akzentuiert zeigt sich das in der Deutschschweiz. Eine deutliche Mehrheit plädiert folglich dafür, die staatlichen Infrastrukturen auszubauen. Mehr Sicherheit in der Versorgung zeigt sich auch in anderen Bereichen: Die Befragten bevorzugen die Deckung sämtlicher Leistungen gegenüber mehr Risiko, sie wollen Zugang zu Medikamenten, freie Arztwahl und mehr Leistungen auch im hohen Alter – ungeachtet der Kosten.

Mehr als nur eine Momentaufnahme?

Die Verschiebung der Prioritäten weg von den Kosten hin zu einer umfassenderen Versorgung könnte anstehende Reformen wie die Kostenbremse oder die Senkung der Medikamentenpreise torpedieren. Das sagt Gesundheitspolitiker Josef Dittli (FDP/UR). Der Präsident des Krankenkassenverbands Curafutura relativiert aber die Aussagen der Studie: «Erstens handelt es sich um eine Momentaufnahme während der Krise. Und zweitens hat diese Wunschliste ihren Preis.» Sobald die Frage aufkomme, wer einen solchen Ausbau zahle, kehre die Diskussion zu alt bekannten Themen zurück: Muss der Staat, die Krankenkassen oder die Menschen aus dem eigenen Sack dafür aufkommen? Dittli sagt, er würde alleine aufgrund dieser Umfrage nicht daraus schliessen, dass die Bevölkerung bereit sei, höhere Krankenkassenprämien zu bezahlen.

«Alleine aufgrund dieser Umfrage würde ich nicht daraus schliessen, dass die Bevölkerung bereit ist, höhere Krankenkassenprämien zu bezahlen.»

Er sieht aber grundsätzlich eine Chance, sich von den zähen Diskussionen über Kosten zu lösen und neue Perspektiven in die Gestaltung des Gesundheitswesens einzubringen.

Die Pharmabranche im Popularitätshoch

Eine solche Chance sieht auch die Pharmabranche. In der Umfrage befürworteten 93 Prozent einen schnellen Zugang zu Medikamenten. Patienten sollen also ein neues Medikament beziehen können, sobald dieses von der Heilmittelbehörde Swissmedic zugelassen ist. Die Branche hat dazu bereits einen Vorschlag parat. Aktuell regelt das Bundesamt für Gesundheit die Preisfestlegung und entscheidet, ob ein Medikament kassenpflichtig ist. Letzteres dauert den Pharmafirmen heute zu lange.

Dass die Pharmaindustrie auf einer Popularitätswelle surft, zeigt sich auch an einem anderen Wert: Sieben von zehn Befragen wollen mehr Geld in Forschung und Entwicklung von Therapien und Medikamenten stecken. Dass die Forscher innert kürzester Frist während der Pandemie erst Testgräte, dann Medikamente und Impfstoffe gegen das Virus entwickelten, befeuert den Zuspruch. So fanden auch bloss noch 60 Prozent der Befragten, der Preis für Medikamente sei heute zu hoch. Gemäss Umfrage handelt es sich dabei um einen «Trendbruch».

Ob der positive Trend anhält oder ob auch das nur eine Momentaufnahme während der Krise ist, wird sich wohl erst in einem Jahr bei der nächsten Umfrage zeigen.

Aktuelle Nachrichten