«Burkhalter wird den Teamgeist stärken»

Die Wahl von Didier Burkhalter kann als klares Bekenntnis zur Konkordanz interpretiert werden. Und personell wird es im Bundesrat zu einer Beruhigung kommen, ist der Aargauer Politologe Silvio Bircher überzeugt.

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Aargauer Zeitung

Herr Bircher, wie interpretieren Sie das Resultat der Wahl?
Silvio Bircher: Zuerst einmal ist es ein klares Bekenntnis zur Konkordanz. Und es ist auch eines zur bisherigen parteipolitischen Zusammensetzung der Landesregierung. Das Parlament hat den aufgrund ihrer Wählerstärke legitimen Anspruch der FDP.Die Liberalen auf den Sitz gewürdigt. Nach turbulenten Wahlen in der Vergangenheit wünscht man jetzt offensichtlich Konstanz.

Was für eine Rolle spielte das "welsche Element"?
Bircher: Für mich war das das zweitstärkste Element, das den Ausschlag für die Wahl Burkhalters gegeben hat. Man will keine Schwächung der Sprachbalance in Kauf nehmen und hat sich für den Romand entschieden; Schwaller ist nämlich keiner.

Gerade bei Bundesratswahlen wird manifest, wie sensibel sprachliche Minderheiten in der Schweiz auf solche Verschiebungen reagieren. Die vielen Stimmen für Dick Marty im ersten Wahlgang sprechen da eine klare Sprache, oder?
Bircher: Das sehe ich nicht so. Bei den Marty-Simmen handelt es sich meiner Ansicht nach eher um linke Protest-Stimmen, die sich mit keinem der beiden offiziellen FDP-Kandidaten einverstanden erklären konnten.

Was bedeutet der Einzug von Didier Burkhalter für den Bundesrat?
Bircher: Von mir aus gesehen eine Menge: parteipolitische Konstanz zum Beispiel. Und auch personell wird es zu einer Beruhigung kommen. Burkhalter wird ohne Zweifel den Teamgeist stärken; es wird zu weniger Einzelaktionen kommen - und das ist gut so. Und, last but not least, die Sprachbalance in der Landesregierung bleibt erhalten; diesen Faktor würde ich nicht unterschätzen.

Urs Schwaller musste spätestens nach der Rückzugserklärung von Christian Lüscher klar sein, dass es vorbei ist mit seinen Ambitionen.
Bircher: Ja. Umsomehr, als dass Lüscher natürlich die Stimmen aus dem rechten Lager auf sich zog - und die gingen dann an Burkhalter und nicht an Schwaller.

Die Rechnung der FDP ist voll aufgegangen.
Bircher: Ja, sie hat alles richtig gemacht. Und die Linken und Grünen haben auf eine ernsthafte Kraftprobe verzichtet - wohl auch, weil eine Reizfigur wie damals Christoph Blocher gefehlt hat.

Haben wir heute ein letztes Aufbäumen der Konkordanz erlebt?
Bircher: Bei den Bundesratswahlen 2003 und 2007 ging man bewusst nicht in Richtung Konkordanz, man attackierte sie - und 2008 ging es haarscharf daran vorbei. Insofern ging es heute nicht nur um die Konkordanz, sondern auch um die Akzeptanz von offiziellen Kandidaten. Aber die Konkordanz wird in Zukunft nicht mehr sein, was sie mal war. Bundesratswahlen werden immer stärker Zufallswahlen - auch wenn der heutige Wahltag nicht dazu gehört.

Interview: Reinhard Kronenberg

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