Der Mann ist umtriebig. Praktisch im Alleingang hat Giorgio Ghiringhelli im Kanton Tessin die Initiative für ein Verhüllungsverbot lanciert – und gewonnen. Dass ihm das Etikett «islamophob» angehängt wird, stört ihn nicht. «Ich bin es ja, aber nur im Wortsinn, ich habe Angst vor dem Islam.» Gegen Muslime habe er nichts, er sei nicht von rassistischen Motiven getrieben. Aber der 66-Jährige sieht Europa von einer Islamisierung bedroht.

Die Bemühungen dagegen honoriert Ghiringhelli zum zweiten Mal in Folge mit dem von ihm ins Leben gerufenen «Swiss Stop Islamisation Award». Mit je 2000 Franken will er «verdiente Islamisierungskritiker» aus dem deutschen, französischen und italienischen Sprachraum honorieren und «angemessen würdigen», wie er in einer Medienmitteilung schreibt. Die Gewinner werden im Sommer bekannt. Den letztjährigen Antiislamisierungspreis gewann Walter Wobmann, Solothurner SVP-Nationalrat und Kopf der nationalen Burkaverbots-Initiative.

In der Deutschschweiz findet Ghiringhelli jedoch kaum noch Personen, welche diesen Preis akzeptieren würden. «Wenige Personen haben den Mut, offen gegen die Radikalisierung der Muslime zu kämpfen. Und die wenigen wollen nicht für meinen Preis nominiert werden, weil sie fürchten, als islamfeindlich abgestempelt und von der Presse boykottiert zu werden», sagt er.

Die Lösung für das Problem hat der Mann mit krausem grauen Haar und Schnurrbart ennet der Grenze gefunden. Er hat dieses Jahr den deutschen SPD-Politiker und Buchautoren Thilo Sarrazin für den Award nominiert. Ob dieser den Preis annehmen würde, weiss Ghiringhelli nicht.

Keller-Messahli winkt ab

Der umstrittene Sarrazin hat sich in mehreren Büchern, zuletzt in «Feindliche Übernahme. Wie der Islam den Fortschritt behindert und die Gesellschaft bedroht» als Islamkritiker positioniert. Als zweiten bekannten Autor hat Ghiringhelli den deutsch-ägyptischen Politikwissenschaftler Hamed Abdel-Samad, Autor des Buches «Der islamische Faschismus», zum potenziellen Preisträger ernannt. Abdel-Samad gilt als bekanntester Islamkritiker Deutschlands. Immerhin wohnt der dritte Kandidat in der Deutschschweiz. Alain Jean-Mairet lebt in Luzern und betreibt einen islamkritischen Blog.

Im letzten Jahr figurierte Saida Keller-Messahli, die Präsidentin des Forums für einen fortschrittlichen Islam, auf der Kandidatenliste. Sie teilte Ghiringhelli dann aber mit, dass sie den Award ablehnen würde. Sie lehne es dezidiert ab, den Islam als Religion zu verteufeln, sagte sie dem «Tages-Anzeiger». Auf Anfrage unserer Zeitung wiederholt sie: «Der Geist hinter dieser Auszeichnung gefällt mir nicht. Es geht meines Erachtens zu sehr darum, Personen auszuzeichnen, die über den Islam anstatt über den Islamismus herfallen. Es ist eigenartig, dass man für Kritik am Islam belohnt werden soll», sagt sie.

Ghiringhellis Preis leiste keinen Beitrag an eine kritisch-konstruktive Auseinandersetzung mit dem Islam, sondern setze Islam und Islamismus gleich. Keller-Messahli verwundert es denn auch nicht, dass der Initiant des Tessiner Burkaverbots hierzulande kaum Muslime findet, die den Award annehmen möchten. «Man stelle sich einmal vor, in einem muslimischen Land würden Personen ausgezeichnet, weil sie das Christentum und Judentum scharf anprangern. Das gäbe einen grossen Aufschrei», sagt Keller-Messahli. Eine kritische Auseinandersetzung mit dem Islam sei sehr wichtig. Keller-Messahli hat sich selber als Kritikerin von radikalen Strömungen einen Namen gemacht. Kritik an der Religion werde aber eher akzeptiert, wenn sie ohne Polemik daherkomme.

In der Westschweiz hingegen hat Ghiringhelli einige Kandidaten gefunden, unter anderem Sami Aldeeb, einen Schweizer Juristen mit palästinensischen Wurzeln und anerkannten Experten für muslimisches Recht. Auch im Tessin wurde Ghiringhelli mehrfach fündig.

In der Schweiz leben rund 450'000 Muslime. 12 bis 15 Prozent von ihnen praktizieren den Glauben, davon vier Fünftel «pragmatisch und ohne Widerspruch zu den hiesigen gesellschaftlichen Verhältnissen». So hält es der Bundesrat in einem aktuellen Bericht fest. Im Umkehrschluss verbleiben gut 10'000 Muslime, die dies nicht tun. Darunter fallen wohl die «sektiererischen Randgruppen wie die Salafisten», wie es im Bericht heisst. Medial erhalten diese jedoch eine erhöhte Resonanz.